Am Erker 62

Frederike Frei: 'Weg vom Festland'

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Achter Verlag
Frederike Frei

 
Rezensionen
Frederike Frei: Weg vom Festland
 

Frau ohne Zimmer
Rolf Birkholz

Ein ganz spezielles Frauenzimmer stellt Frederike Frei vor, eine Frau ohne Zimmer. Die Heldin des ersten Romans der als Lyrikerin bekannten Schriftstellerin, Weg vom Festland, bekennt sich zu ihrer "Sucht, mich umsonst und draußen zu bewegen". Zu solch unangepasstem Wunsch nach Naturnähe bei Wind und Wetter, zu solchem Unabhängigkeitsdrang gehört eine ungewöhnliche, große Liebe. Und währte sie noch so kurz.
Davon schreibt die namenlose Ich-Erzählerin (nennen wir sie C.) in diesem als Tagebuch angelegten Werk. 27 Tage lang begleiten wir diese "etwa 40 Jahre" alte Hamburger Literatin und Schreibkursleiterin, die es "um 1990" herum auf eine ostfriesische Insel zieht. Es mag S. sein.
Die Affäre beginnt auf der Fähre. Während der Überfahrt verguckt C. sich in einen älteren Mann, hat "nicht nur das Gefühl, sondern die Gewissheit, dass er mich unbedingt angeht". Auf der Insel, wo sie wie üblich unter freiem Himmel kampiert, sucht die quirlige, selbstbewusste "Feministin der ersten Stunde" vorsichtig Kontakt. Blicke, Worte. "Ich will nichts von ihm, ich will ihn." Bei dem 59-jährigen schwäbischen Musiklehrer, der mit seiner Frau Urlaub macht, erwacht, etwas langsamer, ein ähnliches Verlangen.
Der Begehrte mit seinem "Geniekopf"  -  sie nennt ihn bei sich Insulaner, er sie Fee  -  erinnert die Schreiberin an den Komponisten Anias Horn in Hans Henny Jahnns Roman Fluss ohne Ufer. Und gleichsam uferlos scheint diese Insel-Liebe. Doch Frederike Frei weiß das Sehnen der beiden, das vorsichtige Annähern, die heimlichen Treffen, die sich beim "Menuett im Freien" steigernde Begierde sprachlich differenziert zu gestalten.
Überhaupt ist Weg vom Festland ein Roman auch über die Möglichkeiten der Sprache. Hier breitet die Autorin die Anregungen der Schreibanimateurin C. aus, vom Malen der Laute, von den Botschaften der Silben (erschöpft wie überdreht bestellt sie auch schon einmal einen "Matt? Yes!") über die stete Naturbeobachtung bis zur Herausforderung, körperliche Liebe neu und anders angemessen (dieses Wort fände C. fürchterlich) zu formulieren. Mehr noch ins Wortwesen als in den Mann verliebt, ist diese Frau ständig bei der Sache, der Sprache, legt Wörter "sofort auf die Goldwaage", befindet sich, wo auch immer geredet wird, "als Schreiberin mitten in meinem Material".
Manchmal scheint sie darin einzusinken wie im Watt, spricht ein bisschen viel vom Schreiben. Aber sie ist eben ganz in ihrem Element, das macht auch den Reiz dieses im Zustand und mit den Mitteln fortgeschrittener Sprachverfallenheit geschriebenen Romans einer Inselliaison aus. "Man muss nichts erlebt haben, um davon zu schreiben", sagt C. gegen Ende auf eine Frage nach ihrer Liebesgeschichte auf S. "Höchstens mit der Sprache muss man viel erlebt haben." Das hat sie zweifellos, Frederike Frei.

 

Frederike Frei: Weg vom Festland. Roman. 431 Seiten. Achter Verlag. Acht und Weinheim 2011. € 26,50.

 
 
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