Am Erker 63

Dazai Osamu: 'Einspruch der Dekadenz'

Dazai Osamu 1946

Dazai Osamu, 1946
Foto: Tamura Shigeru

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Angkor Verlag
Dazai Osamu

 
Rezensionen
Dazai Osamu: Einspruch der Dekadenz
 

Dekadenzerscheinungen
Daniel Napiorkowski

"Ich habe ein schändliches Leben geführt", resümiert der Protagonist aus Gezeichnet, Dazai Osamus bekanntestem, in seiner Heimat Japan längst zum Klassiker avancierten Roman. Auch Osamu selbst, der hierzulande noch als literarischer Geheimtipp gilt, führte ein Leben, das alles andere als gesellschaftlichen Konventionen entsprach: Es war geprägt von Alkoholexzessen und Drogenerfahrungen, Selbstmordversuchen und Depressionen, sexuellen Ausschweifungen und außerehelichen Liebesaffären. Er brach sein Studium frühzeitig ab, stilisierte sich als Dandy nach europäischem Vorbild und widmete sich fortan der Schriftstellerei - und das nicht ohne Erfolg. Der eingangs zitierte Gezeichnet zählt noch heute zu den meistgelesenen japanischen Romanen.
Osamus Leben weist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswerte Parallelen zu einem anderen japanischen Schriftsteller auf: Yukio Mishima, der wegen seiner Neigung zur Selbstinszenierung ebenso bekannt wie wegen seiner Exzesse berüchtigt war und dessen Frühwerke zuweilen an die Erzählungen Osamus erinnern. Beide Schriftsteller eint auch der frühe Tod durch Selbstmord. Während Mishima den heroischen Gang eines Samurai wählte und nach einem gescheiterten Putschversuch Seppuku – eine traditionelle Form des Selbstmords durch Bauchaufschneiden – beging, entschied sich Osamu kurz vor Vollendung seines 39. Lebensjahres für einen Abgang Kleistscher Tragik: Er ertränkte sich gemeinsam mit seiner Geliebten.
Einspruch der Dekadenz vereint eine Auswahl von zwölf Kurzgeschichten Osamus, von denen die meisten zwischen 1933 und 1936 entstanden und in der Sammlung Bannen (dt.: Letzte Jahre) erschienen sind. Autobiographische Einflüsse, Gedanken über Selbstmord und eine bedrückende, beinahe depressive Grundstimmung sind das gemeinsame Band der Geschichten, die um so unterschiedliche Themen wie Geishas, Christentum, Müßiggang und zwischenmenschliche Beziehungen kreisen. Die Erzähler sind meist Anti-Helden und gesellschaftliche Außenseiter. Ihre Geschichten folgen selten einer graden Linie; oftmals verharren sie nachdenklich bei Kleinigkeiten, machen inhaltliche Sprünge, schweifen ab und wenden sich nebensächlichen Beobachtungen zu. Unübersehbar sind dabei die europäischen Einflüsse, allen voran Camus und Dickens, Dostojewski und Puschkin. Eine besondere Vorbildfunktion hatte offensichtlich Joris-Karl Huysmans, jener französische Exzentriker, der mit seinem superben Gegen den Strich dem Phänomen der europäischen Dekadenzerscheinung ein literarisches Denkmal meißelte. Es ist daher sicherlich kein Zufall, dass auch eine Kurzgeschichte Osamus diesen Titel trägt.
Noch zwei, drei Worte zu der deutschen Veröffentlichung, die nicht nur aufgrund der recht lieblosen Covergestaltung einen schalen Beigeschmack hinterlässt. Es wird sicher nicht leicht gewesen sein, die mit eigenwilligem Humor gewürzten, sprachlich raffinierten Texte Osamus ins Deutsche zu übersetzen; gleichwohl fällt die Übersetzung stellenweise auffallend holprig aus. Und so lobenswert die Einführung des Übersetzers in das Werk Osamus ist, so sehr wünschte man sich, sie wäre zumindest etwas umfangreicher.

 

Dazai Osamu: Einspruch der Dekadenz. 12 Kurzgeschichten. Aus dem Japanischen von Alexander Wolmeringer. 196 Seiten. Angkor. Frankfurt am Main 2011. € 24,90.

 
 
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