Am Erker 63

Norbert Hummelt: 'pans stunde' (2011)

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Norbert Hummelt

 
Rezensionen
Norbert Hummelt: pans stunde
 

Was mich erlöst
Rolf Birkholz

Beim ersten Blättern fließen die Verse in Norbert Hummelts neuem Band pans stunde recht glatt dahin. Seine Gedichte wirken, anders als noch beim vorigen Buch, totentanz, zunächst wie gleichförmige Parlando-Poesie, die alles und jedes transportiert, aber nicht unbedingt selbst mitreißt. Doch das täuscht.
Tatsächlich führen diese oft aus Folgen von Dreizeilern und manchmal blockartig geformten Gedichte allerlei mit: häufig die großen Themen Liebe und Tod, auch Herkunft, Fragen nach dem Vater. Sie kommen bei Zugfahrten, in durchwachten Nächten, bei Spaziergängen hoch. Und blitzen dort dann eben doch auf, gezielt beiläufig.
Und " … alles in mir ist vergangene zeit/ zieht u. zerrt mich das kind an der hand das bin nicht ich ist/ ein fremdes land …", sieht sich die lyrische Person in "brombeerranken" beim Besuch von Kindheitsstätten dem Strom der Zeit ausgesetzt. Hier spürt man das leichte Drängen dieses immer wieder durch Zeilen verbindende Reime geprägten, den leicht elegischen wie den saloppen Tonfall einsetzenden Schreibens.
Die Liebe lässt nach Nähe sehnen, lässt Hummelt Stefan George anführen: "ich mag nicht atmen als in deinem duft" ("hagebutten"). Sie muss aber auch, in "syrinx", bei noch so großer Nähe Verstimmung, Verstummen ertragen, um sich danach aus der Distanz erneut zu dehnen: "was mich erlöst ist nur dein heißer hauch."
Norbert Hummelt, geboren 1962 in Neuss, gewährt aber noch andere Erlösungsmomente: Beobachtungen, Erfahrungen, Gedanken, die den Leser stoppen. Wer wird, wenn er zu einem Spaziergang des jungen Vaters mit seinem Kind im Fontaneschen Brandenburg plötzlich über den Vater dieses Vaters liest "ich wüsste gerne, wie es ihm geht", nicht unweigerlich auf den eigenen verwiesen?
Das sind kostbare Augenblicke. Es finden sich mehr davon in pans stunde. Dieser Titel wird in seiner mythologischen Konnotation in den zwei Rahmenkapiteln thematisiert. In "arkadien" sehen wir dort die Liebenden am Wasser beisammen und zugleich seltsam paarvergessen, "u. jeder von uns träumt u. treibt dahin."
Hummelts Art, Emotionales, Alltägliches, Religiöses, Existentielles zusammenzuführen - bis ins Extrem von "wie sie die schokolade brach" -, entspricht vielleicht auch, ein Wort des von ihm zitierten Reinhold Schneider aus Winter in Wien variierend, einer Suche nach Daseinszusammenhang.

 

Norbert Hummelt: pans stunde. Gedichte. 90 Seiten. Luchterhand Literaturverlag. München 2011. € 16,99.

 
 
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