Am Erker 62

Anna Maria Carpi: Kleist. Ein Leben

Günter Blamberger: Heinrich von Kleist

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Suhrkamp / Insel
Anna Maria Carpi
S. Fischer
Günter Blamberger

 
Rezensionen
Neue Biografien zu Heinrich von Kleist
 

Kleist-Inszenierungen
Stefan Nienhaus

Nun sind es also sechs! Nach der zuverlässigen, zurückhaltenden von Gerhard Schulz, der werkorientierten, interpretierenden von Herbert Kraft (Am Erker Nr. 59) und der von Jens Bisky, die vor vier Jahren zu Kleists 230. Geburtstag erschienen sind, liegen nun (aus dem makabren Anlass der 200. Jahrestages des Selbstmordes) drei weitere Kleist-Biographien vor: eine aus dem Italienischen übersetzte von Anna Maria Carpi, die des Theaterkritikers Peter Michalzik und dann die große, gleichsam offizielle, des Vorsitzenden der Kleist-Gesellschaft Günter Blamberger. Das freut natürlich, denn immerhin bedeutet diese Menge allein schon, dass die deutschen Verleger sich von Büchern über einen Autor, den die meisten wohl nur noch aus der Schullektüre kennen, ein Geschäft erhoffen. Erstaunlich ist auch, dass sich das biographische Interesse gerade an einem Dichter entzündet, von dessen Leben man im Grunde kaum etwas weiß (umso mehr dagegen über seinen tragischen Tod). Carpi macht in ihrem in Italien bereits 2005 erschienenen Buch aus der Not der fehlenden Dokumente die Tugend der Romanerzählung. Der erfahrenen Übersetzerin Ragni Maria Gschwend ist dafür zu danken, dass sich auch der deutsche Text leicht und unterhaltsam lesen lässt. Jemandem, der diese Biographie in die Hand nähme, ohne Kleists Erzählungen und Theaterstücke zu kennen, müsste der Verdacht kommen, dass der sarkastische Kommentar Madame de Staëls vielleicht doch nicht ganz falsch liege: "Gleicht dieser Mensch nicht einem geistlosen Schriftsteller, der durch die wahre Katastrophe den Eindruck hervorbringen will, den er nicht in der Dichtung erreichen kann?". Denn Carpi beginnt mit einem Kapitel über die Reaktionen auf Kleists Selbstmord und endet natürlich auch mit dem ausführlichen Bericht von dessen Hergang. Sie will die Geschichte "wahrheitsgetreu" erzählen, allerdings wird doch ziemlich viel hinzuphantasiert, um die Lücken in den Briefen und zeitgenössischen Erinnerungen zu füllen. Die germanistische Redlichkeit, echte Zitate vom erzählenden Text abzuheben, grenzt Carpis Biographie jedoch von früheren, ähnlichen Versuchen, von Karin Reschkes Briefroman über Henriette Vogel (Verfolgte des Glücks, 1982) und auch von Christa Wolfs pathetischer Phantasie einer Begegnung zwischen Kleist und der Günderode (Kein Ort. Nirgends, 1979) positiv ab. Dass sozusagen 'aus dem Off' Kleists Stimme bemüht wird, um in der ersten Person einen Kommentar zur Lebensbeschreibung zu geben, wird dann aber doch unerträglich, und überhaupt streift die einfühlende Imagination der Autorin nicht selten den Kitsch. So etwa, wenn sie Kleist auf seinem letzten Weg aus Berlin in Gedanken die Homburg-Verse: "Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein! ..." rezitieren lässt.
Uneingeschränkt empfehlenswert ist hingegen die Biographie Günter Blambergers, deren man darf in diesem Fall getrost sagen: vollständig dokumentierte Einführung in Leben und Werk sich durch einen nüchternen, aber keineswegs unengagierten Blick auszeichnet. Erfreulich ist darüber hinaus, dass Blamberger die Erwartung einer Hagiographie gründlich enttäuscht und sich kritische Beurteilungen keineswegs verkneift, z. B. wenn er, zu Recht, von den "zum Teil grässlichen Propagandaschriften des Jahres 1809" spricht. Ohne etwaige Lücken in der verbürgten Biographie mittels freier Phantasie auszufüllen, gelingen ihm ein neuer Blick auf Kleists Lebensbedingungen und innovative Interpretationsansätze. Zum einen geht es ihm darum, die determinierende Rolle von Kleists adliger Herkunft aufzuzeigen, zum anderen kann er bei seinen Beispielanalysen die germanistische Diskussion über kognitive (Be-)Deutungen durch eine Suche nach den in den Texten vermittelten "Stimmungen" aufbrechen. Er untersucht also die Frage nach ihrem emotionalen Gehalt, nach dem Aufgeregten und den Leser Aufregenden in Kleists Werk. Neu ist auch die konsequente Verweigerung, Kleists Biographie und Schaffen von ihrem tragischen Ende her lesen zu wollen, sondern im Gegenteil dieses Ende als "grandiose Inszenierung" zu verstehen, "mit der Kleist seine Rezeptionsgeschichte selbst präformiert hat", und sogar diesen Selbstmord noch im Rahmen der aristokratischen "Grazie" im Sinne einer "Kontrolle des eigenen Selbstbildes" zu interpretieren.

 

Anna Maria Carpi: Kleist. Ein Leben. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend. 478 Seiten. Insel. Berlin 2011. € 24,90.

Günter Blamberger: Heinrich von Kleist. Biographie. 597 Seiten. S. Fischer. Frankfurt am Main 2011. € 24,95.