Am Erker 62

Der Knubbel

Das kaputte Knie Gottes

Satus Katze

Junge

Sämtliche Werke

Immer radikal, niemals konsequent

Links:

Marc Degens
Knaus Verlag
SuKulTuR Verlag
Constantin Göttfert
C. H. Beck Verlag
Sebastian Polmans
Suhrkamp
Axel Marquardt
Jan-Frederik Bandel
Barbara Kalender
Jörg Schröder
März Verlag
Philo Fine Arts

 
Fritz Müller-Zech 62
Die Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

"Du musst jammern, Müller-Zech, das ist es, was die Leute von dir erwarten", ließ mich neulich einer der forschen Mitarbeiter dieser Zeitschrift wissen. Dabei war mir gar nicht danach zumute, meine Lesergemeinde - ich stelle mir gelegentlich vor, dass es eine gibt - immer wieder mit herzzerreißenden Schilderungen aus meinem trüben Alltag zu langweilen. Stattdessen sollte diese Kolumne schlicht entfallen, während ich mich auf Kosten meiner Krankenkasse in einer Kurklinik im Lippischen unter der Aufsicht fachkundigen Personals von den Strapazen meiner Schreibsklaverei erholen würde. Aber daraus wurde nichts. Kühl bescheinigte man mir, dass die Diagnose meines Hausarztes keinen ausreichenden Grund für eine solche Maßnahme darstelle.
Dabei litt ich unter anderem an hartnäckigen Schmerzen im linken Knie. Vor allem nachts machte sich ein unangenehmes Gefühl, das gelegentlich bis in den Oberschenkel hochzog, bemerkbar. Vielleicht sollte ich einen Orthopäden aufsuchen, dessen Expertise meinem Antrag größeres Gewicht verleihen könnte. Zum Beispiel Dr. Kobold, den ich bei einer früheren Gelegenheit schon einmal konsultiert habe. Damals verpasste er mir eine Reihe so genannter Quaddel-Spritzen in den Rücken, um bereits lädierte Bandscheiben vor weiterem Verfall zu bewahren. Dr. Kobold ist übrigens eine der wenigen literarischen Figuren, die ich persönlich kennenlernen durfte. In Marc Degens' sehr unterhaltsamer Erzählung Der Knubbel aus dem Jahre 1996 spielt er eine wichtige Rolle. Jetzt hat Degens einen Roman vorgelegt, dessen Titel wie der Schrei nach einem Super-Orthopäden klingt: Das kaputte Knie Gottes. Doch diese Spur führt in die Irre. Es handelt sich mitnichten um einen medizinischen Befund, sondern um den Namen einer Großplastik, die ein Künstler namens Dennis angefertigt hat. Dennis ist spezialisiert darauf, gigantische Skulpturen menschlicher Gliedmaßen herzustellen. Während sein Freund Mark, der uns diese Geschichte aus einer Welt, wo Kunst und Leben zu einer unheiligen Allianz zusammenfinden, erzählt, auf eine bürgerliche Existenz als Lehrer zusteuert, verschreibt sich Dennis mit Haut und Haar seiner ästhetischen Mission. Welcher der beiden am Ende dieser ätzenden Satire auf den Kulturbetrieb der Glücklichere ist, sei hier nicht verraten. Freunden philologischer Studien möchte ich empfehlen, das dritte Kapitel des Romans, das von einem missglückten Versuch handelt, Kunst als Mittel radikaler Gesellschaftskritik zu nutzen, mit Marc Degens’ Erzählung "Der erotische Kosmos der Vergeblichkeit" zu vergleichen, die 1998 in der "Klassenkampf"-Ausgabe dieser Zeitschrift veröffentlicht wurde. Die eine oder andere literaturwissenschaftliche Hausarbeit dürfte dabei herausspringen.
Marc Degens ist nicht der einzige Autor dieser Zeitschrift, der in diesem Jahr mit einem Roman an die Öffentlichkeit tritt. Von einem Wiener Dichter, den ein Stipendium nach Finnland verschlägt, wo er an eine ausgesprochen rätselhafte Professorin gerät, erzählt Constantin Göttferts schillernder Roman Satus Katze, während sich in Sebastian Polmans' Debüt Junge Beobachtungen, Imaginationen und Erinnerungen zu faszinierenden Bildern fügen.
Doch auch wenn ich all diesen Zeugnissen literarischer Kreativität eine große Leserschar wünsche, kann ich nicht verdrängen, dass ich für meinen eigenen autobiographischen Roman Darf ich Dir meine Schallplattensammlung zeigen? seit einem guten Dutzend Jahren keinen Verlag finde. Nicht einmal die Redaktion dieser Zeitschrift ließ sich bislang dazu bewegen, wenigstens einen Ausschnitt aus diesem Prosawerk zu drucken, in dem sich alltagsrealistisches Erzählen und radikale Sprachskepsis zu einem jeder Nostalgie abholden Rückblick verbinden, nämlich auf das Jahr 1971, als die wunderbare Band Caravan ihre dritte Langspielplatte In the Land of Grey and Pink veröffentlichte, während die weniger wunderbaren Sweet mit einem Song namens "Co-Co" die Hitparaden eroberten.
Aber bin ich in schlechter Gesellschaft? Wenn ich an die Tausende Manuskripte denke, deren Brillanz sich den "Erker"-Redakteuren nicht hatte erschließen wollen, demütigt mich die Ignoranz der Herren in Bezug auf mein literarisches Schaffen nur noch wenig. Würde diese Kolumne besser honoriert, könnte ich mich mit dem Schicksal des verkannten Autors allerdings leichter abfinden. Meine Talente sind käuflich, das sei hier ein für allemal verkündet. Ob Wellnesshotel oder Kurklinik - ein angemessenes Etablissement, das bereit ist, mir für vier bis sechs Wochen Unterkunft und Verpflegung weit weg von Oer-Erkenschwick zu gewähren, kann damit rechnen, in mindestens drei Kolumnen lobend erwähnt zu werden.
Während ich mich also jetzt in dem Bewusstsein, dass es sich um ein vergebliches Unterfangen handelt, den Gesetzen des Marktes unterwerfen will, überfällt mich die schmerzliche Erinnerung an den vor kurzem verstorbenen Autor Axel Marquardt. Mit seinen inzwischen nur noch antiquarisch erwerbbaren Werken durften sich einst Verlage wie Haffmans oder Kunstmann schmücken. Marquardt, als Dichter, Satiriker und Projektemacher überaus erfindungsreich, verließ uns fast unbemerkt. In nur wenigen Feuilletons fand sich eine knappe Todesnachricht. Der Literaturbetrieb hat ein notorisch launisches Gedächtnis.
Mehr als drei Jahrzehnte ist es her, da hatte Marquard, damals einer der Organisatoren des münsterschen Lyrikertreffens, den Gründern dieser Zeitschrift empfohlen, ihr publizistisches Unternehmen einige Nummern größer anzulegen. Wären sie seinem Rat gefolgt, könnte ich heute vielleicht ein angemessenes Honorar einstreichen. Wahrscheinlicher aber ist, dass "Am Erker" nach wenigen Ausgaben bankrott gewesen wäre. Und die Welt sähe für einige Menschen anders aus. Ach, ich gerate ins Philosophieren. Deshalb folgt jetzt noch eine Buchempfehlung, und dann ist Schluss: Wer wissen will, wie nah in den kulturrevolutionären Jahren des vergangenen Jahrhunderts Erfolg und Pleite beieinanderlagen, sollte sich die soeben als opulentes Paperback erschienene Geschichte des März-Verlags zulegen. Barbara Kalender und Verlagsgründer Jörg Schröder erzählen im gewohnten Tausendsassa-Stil drauflos, während Jan-Frederik Bandel für die kulturhistorische Einordnung sorgt. Eine reich illustrierte Bibliographie beschließt den Band, der mich fast dazu verleitet hätte, auf die Jagd nach antiquarischen März-Büchern zu gehen. Doch ich blieb standhaft, griff zum Telefon und machte einen Termin bei Dr. Kobold fix.

 

Marc Degens: Der Knubbel. Erzählung. 16 Seiten. SuKulTuR. Berlin 1996. € 1,00.

Marc Degens: Das kaputte Knie Gottes. Roman. 253 Seiten. Knaus. München 2011. € 17,99.

Constantin Göttfert: Satus Katze. Roman. 139 Seiten. C. H. Beck. München 2011. € 17,95.

Sebastian Polmans: Junge. Roman. 195 Seiten. Suhrkamp. Berlin 2011. € 17,90.

Jan-Frederik Bandel, Barbara Kalender, Jörg Schröder: Immer radikal, niemals konsequent. Der März-Verlag - erweitertes Verlagsprogramm, postmoderne Literatur und Business Art. 331 Seiten. Philo Fine Arts. Hamburg 2011. € 25,00.

 
 
  Neu: Am Erker Nr. 66
Am Erker 66

Neu beginnen - Texte von Thomas Lang, Doris Weininger, Andreas Martin Widmann, Ruth Johanna Benrath, Andrea Schaumlöffel u.a., Essays von Gabriele Jofer über das Reich des Naturfilms und von Gerald Funk über Hans Erich Nossacks Büchner-Drama, dazu Rezensionen zu Büchern und Zeitschriften