Am Erker 63

allmende 88

BELLA triste 31

die horen 244

edit 58

Krachkultur 14

Kultur & Gespenster 13

Neue Rundschau 122/4

Poet Nr. 12

Signum 13/1

Sprache im technischen Zeitalter 201

Sprache im technischen Zeitalter Sonderheft

Testcard 21

Links:

allmende
BELLA triste
die horen
edit
Krachkultur
Kultur & Gespenster
Neue Rundschau
poet
Signum
Sprache im technischen Zeitalter
Testcard

 
Zeitschriftenschau 63
Andreas Heckmann
 

Die 13. Ausgabe von Kultur & Gespenster kommt wieder in altgewohnter Pracht daher. Größter Leckerbissen und der Reproduktionen wegen auch optisch ein Lesevergnügen ist eine Auswahl Briefe, die Adorno in den 60er Jahren mit alten Bekannten und Jugendfreunden, Studenten, Lesern und Rezensenten gewechselt hat. Da meldet sich eine 92-jährige Pädagogin, die den Professor noch als Knaben gekannt haben will (sie verwechselt ihn allerdings mit seinem Cousin). Da schreibt "ein alter, längst verschollener Freund" und steuert schon im zweiten Satz auf einen "bösen Schnitzer" in den Minima Moralia zu, den es "auszumerzen" gelte. Da erkundigt sich ein Rezensent von Quasi una fantasia nach dem "Bindungscharakter" der Beiträge und wird von Adorno mit einer die Konstellation der Essays erläuternden Antwort bedacht, die wohl unterblieben wäre, wenn er gewusst hätte, dass sein Briefpartner 1946 in Chur zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, u.a. weil er den Anschluss der Schweiz ans Großdeutsche Reich betrieben haben soll. Und beantwortet werden will auch ein Brief vom März 1968, der mit dem Satz beginnt: "Ihre Einstellung zur Homosexualität, die ich als Homosexueller als die einzig richtige anerkennen muß, ermutigt mich, [mich] mit einer kleinen Bitte an Sie zu wenden." Adornos stets um Freundlichkeit bemühte Antwortschreiben (Typoskriptdurchschläge auf Pergamentpapier) sind eine Wonne, auch wegen Formeln wie "Schönsten Dank für Ihren Brief; er hat mich sehr bewegt" oder "Ich selbst bin nicht, wie Sie anzunehmen scheinen, homosexuell, verspüre auch nicht die leisesten Neigungen nach dieser Richtung."
Dass das Schreiben wie Träume der Wunscherfüllung dienen kann, ruft immer wieder Eskapismus-Vorwürfe auf den Plan. In der neuen Krachkultur wird bisweilen deftig aufgetischt, von Frank Hertel zumal, dessen Romananfang "Susi vom Mars" vor keiner pubertären Erfüllungsfantasie zurückschreckt und dem Helden nicht nur eine marsianische Traumfrau gönnt, die aus Kippen aufersteht, sondern auch glorreiche Sauftouren und unfassbare Spielbankgewinne, alles reulos natürlich. Dass der Text dennoch weder verspannt wirkt noch ermüdet, sondern ironische und sprachspielerische Volten schlägt, hat etwas Befreiendes: Man fühlt sich nicht unter Niveau unterhalten und empfindet das Beglückende naiv geglaubter Groschenromanversprechungen - ein schöner Drahtseilakt, der dem Autor auch auf der Langstrecke gelingen möge.
Mit einem Füllhorn, aus dem Ersehntes purzelt, ist auch Peter Stamm unterwegs, und zwar in Nr. 88 der allmende. In "Das schönste Kleid" lernt Brigitte, Mauerblümchen einer Zürcher Werbeagentur, zufällig den umschwärmten Archäologen Felix kennen. Bei der Feier der 20.000. Holzprobe einer prähistorischen Pfahlbausiedlung dann, die in einem Bad am See stattfindet, geht Brigitte nackt schwimmen und entsteigt vor versammelter Mannschaft den Fluten. Monate später, der Skandal ist längst verklungen, kommt es tatsächlich zum Happy Ending: "'Ich habe Sie erwartet', sagte ich. 'Ich Sie auch', sagte er, streckte mir die Hand hin und half mir hoch. Dann, ohne dass noch ein Wort gefallen wäre, umarmten und küssten wir uns, als hätten wir fünftausend Jahre lang auf diesen Moment gewartet."
In Band 244 der horen meldet sich Johann P. Tammen Abschied nehmend zu Wort: Die Zeitschrift erscheint nun unter neuer Redaktion bei Wallstein. Ein derart gut beleumundeter Verlag dürfte genau das sein, was eine traditionsreiche Literaturzeitschrift in diesen windigen Zeiten braucht und was auf fruchtbare Impulse hoffen lässt. Tammen verdanke ich meine zweite literarische Veröffentlichung: In die horen 189 erschien "Bei Detmold und andere Kurzprosa", vermittelt vom Bremer Sherwood-Anderson-Übersetzer und Friedo-Lampe-Aficionado Jürgen Dierking. Ende Februar 1998 war ich aus Osnabrück in München angelangt, lebte in einem heruntergekommenen Haus im Glockenbachviertel, dessen Luxussanierung anstand, zur Zwischenmiete und schlug mich mit Korrekturlesejobs durch. Zur Aufbesserung meiner heillosen Finanzen hatte ich bei Tammen angefragt, wo das (bescheidene) Honorar für meine Kurzprosa bleibe, und er rief an, um sich persönlich für die Verzögerung der Überweisung zu entschuldigen. Was ich als Autor so treibe, erkundigte er sich weiter, doch da klingelte es Sturm, sodass ich das Telefonat beendete: Es war der kosovoalbanische Nachbarsjunge, der die fünf Mark eintrieb, die die Mutter monatlich von den im Haus verbliebenen Parteien fürs Treppeputzen zu bekommen hatte. Bald darauf kam der Kammerjäger, weil Kakerlaken in der Wohnung waren. Es stellte sich heraus, dass sie nebenan geradezu wimmelten (und aus einer traurigen Kneipe für alte Schwule im Erdgeschoss gekommen waren, die der Sanierung natürlich auch zum Opfer fiel).
SpritZ 201 stellt die Teilnehmer der LCB-Autorenwerkstatt Prosa 2011 vor. Erfreulich, dass Lin Franke, Absolventin des Hildesheimer Schreibstudiums, zu den Auserwählten gehörte, irritierend aber, dass ihr Beitrag nur eine geringfügig überarbeitete Fassung dessen ist, was sie im Frühjahr 2011 in BELLA triste 29 veröffentlichen konnte. Gab es im Herbst darauf in der Werkstatt so wenig zu lernen? Oder so viel, dass ihr alles andere nicht publikationswürdig erschien? An zwei so prominenten Orten kurz nacheinander einen über weite Strecken identischen Text erscheinen zu lassen, sollte jedenfalls nicht Schule machen – auch deshalb nicht, weil der so verschwendete Platz anderen Autoren abgeht, hier vor allem Enrico Dietrich, in dessen sprachgewaltiger und visionärer Prosa die Denkzwänge der Arbeitslosigkeit, die Versehrungen des Braunkohlentagebaus in der Niederlausitz und der Tod der Großmutter in gestochenen Tableaus aufscheinen, deren Obsessivität an Wolfgang Hilbig und Einar Schleef denken lässt, ohne Dietrich zum Epigonen zu stempeln.
Das SpritZ-Sonderheft "Abschied zuerst" versammelt fünf Stipendiatendoppel zu Berichten über das je einmal in Riga, Sofia, Skopje, Pula, Paris/Istanbul und fünfmal in Berlin Erlebte. Aus diesem Kompendium der Impressionen ragt Steffen Popps Schilderung seines Aufenthalts im lettischen Riga heraus. Eigentlich hatte Popp andere Reisewünsche und Pläne, doch seine Bewerbungen verliefen allesamt im Sande, und nun findet er sich lustlos in einer Stipendiatenwohnung an der Peripherie der Stadt, den lettischen wie russischen Bewohnern gleichermaßen fremd, mit dem Verbrennen von Gartenabfällen beschäftigt, dem Mundgeruch eines aufdringlichen Nachbarn ausgesetzt. Schön wenigstens, einem uralten Überbleibsel aus baltischem Landadel deutsche Literatur vorlesen zu dürfen. Und der Himmel ist auch nett. "Ich hatte von Lettland nichts gesehen, doch immerhin zweimal das Gefühl gehabt, dieser Kultur auf den Grund zu schauen. Mehr war nicht drin gewesen, und mehr musste, offen gesagt, auch nicht sein" - befreiende Schlussworte eines klugen, wohlfeile Empathie verweigernden Textes, dessen Autor bei der Landung in Berlin vermutlich einen erleichterten Stoßseufzer tat.
In poet 12 beeindruckt der Schlesier Matthias Nawrat mit "Pan Tadek", Romanauszügen, in denen der junge, schüchterne, herzkranke Tadeusz durch das beängstigend prosperierende Oppeln streift und Frau Kasia kennen lernt. Nawrats lakonisch abgedimmte, aber erstaunlich berührende Schilderungen stehen unter dem Imperativ: "Tadeusz, du stirbst, also erinnere dich!"
Die Dresdner Zeitschrift Signum ist kein Tummelplatz für junge Talente, eher Reservat ergrauter oder ergrauender Autoren, von denen nicht alle deutschlandweit bekannt sind. Doch wie wohltuend, wenn unberühmte, aber formbewusste Schriftsteller der 30er- und 40er-Jahrgänge makellose, dabei melancholisch tingierte Erinnerungsprosa schreiben, die sich vor Gefühlig-Sentimentalem souverän hütet. Mustergültig die Evokationen der 1945 geborenen Lektorin Annegret Herzberg, die 1955 aus Leipzig nach Dresden zog und den alten Zauber aufs Schönste einfängt. Oder Heinrich Oppermanns Hiddensee-Impressionen, bei denen der Großvater (*1934 in Ungarn, 1948 nach Sachsen umgesiedelt) mit dem Enkel unterwegs ist und wo es unvermutet heißt: "Der schlagende, leicht holzraspelnde Gesang erinnert mich an den Gesang der Nachtigall im Nussbaum in Großvaters Weingarten, an lauen Sommerabenden im Dreieck zwischen Donau und Drau."
In Heft 122/4 der Neuen Rundschau berichtet Luke Williams, wie er sich mit seinem literarischen Projekt festgefressen hat, dann aber W.G. Sebalds Die Ringe des Saturn und dessen übrige Werke entdeckt, "Beispiele für jene Art von Buch, die ich schreiben wollte, eine, die die radikalen Einsichten der literarischen Moderne enthielt, von diesen Einsichten gezeichnet war und den Leser trotzdem emotional berührte." Ehe er dann bei Sebald an der University of East Anglia einen Creative-Writing-Kurs absolviert und darüber eifrig Protokoll führt (das zu lesen nicht immer instruktiv ist), besucht er in London eine Lesung aus dem Roman Austerlitz und fährt mit dem Autor im gleichen Zug nach Norwich. Das Hin- und Hergerissensein zwischen dem Wunsch, Sebald anzusprechen und sich als Leser, Bewunderer und baldiger Schüler zu erkennen zu geben, und dem Wunsch, in der Deckung zu bleiben und die Schmerzlust schmachtender Beobachtung auszukosten, ist genau, reflektiert und gebrochen beschrieben, erfüllt also viele Forderungen, die Sebald in seinem Schreibkurs aufstellt. Indem Williams seinen toten Lehrer idolisiert, im Zuge dieser Idolisierung dessen Erwartungen an Literatur aber gleichsam übererfüllt, betreibt er literarischen Vatermord an einem tödlich Verunglückten - eine abgründige Ambivalenz, wie sie für das sich abzeichnende Genre der posthumen Sebald-Lobrede womöglich strukturbildend ist.
Andreas Martin Widmann, Teilnehmer der LCB-Autorenwerkstatt 2009, hat im März mit Die Glücksparade eines der überzeugendsten deutschen Romandebüts seit Georg Kleins Libidissi vorgelegt, eine Coming-of-Age-Geschichte auf einem Rheininsel-Campingplatz, bei der genaueste Beobachtung, gebremsteste Empathie und sprachliche Askese zu einer tieftraurigen Geschichte zusammenfinden, die in der Verweigerung jeder Gefühligkeit enorme Wucht entfaltet. Selten dürfte amerikanische Erzählkunst der deutschen Literatur so überzeugend anverwandelt worden sein. Dass Widmann nicht nur ein großartiger Autor, sondern auch ein beschlagener Literaturwissenschaftler ist, stellt seine komparatistische Dissertation Kontrafaktische Geschichtsdarstellung unter Beweis. In Edit 58 hat er die Ergebnisse dieser Arbeit in dem charmanten Beitrag "Wie Lenin den Fall der Berliner Mauer verhinderte" zusammengefasst, der ihn nun obendrein als originell und blitzgescheit plaudernden Essayisten wahrzunehmen erlaubt.
"Überleben. Pop und Antipop im Zeichen des Weniger" lautet das Thema von Testcard 21. Peter Glaser, Bachmann-Preisträger 2002, erzählt in dem Gespräch "Als Freiberufler kennt man das Wort 'nein' ja nicht" bemerkenswert offen, wie es war als Journalist und Kolumnist in den goldenen 80ern und den silbernen 90ern und wie schwierig es inzwischen ist, sich unter den Bedingungen des Internets mit Anstand durchzuschlagen. Berührend auch Wolfgangs Seidels Nachruf auf Conrad Schnitzler (1937-2011) von "Kluster" und "Tangerine Dream", Beuys-Schüler und Gründer des legendären Zodiac-Club in Berlin (1967/68) - ein aus großer persönlicher Nähe verfasster Beitrag über einen Gründervater der elektronischen Musik.
Stefan Mesch schreibt Literaturkritiken für "Zeit" und "Tagesspiegel". Sein Essay "Futter für die Bestie – 528 Wege zum nächsten guten Buch" in BELLA triste 31 ist dennoch ein Plädoyer für klug vernetzte Schwarmintelligenz. Lesebiografien, so Mesch, konstituieren sich über Vorlieben und über Empfehlungen von Menschen, die als glaubwürdig, sympathisch, kompetent wahrgenommen werden, ob es sich dabei um Oprah Winfrey handelt oder den Professor beim Schreibstudium in Hildesheim. Und es gibt Internet-Plattformen wie goodreads.com, deren Mitglieder die Bücher, so Mesch, erstaunlich treffend bewerten. Dass dort bspw. Sven Regeners Neue Vahr Süd mit 4,00 etwas besser bewertet wird als Herr Lehmann (3,90), geht für ihn in Ordnung. Um seinem Plädoyer für persönliche Empfehlungen Taten folgen zu lassen, fügt Mesch seinem Essay zwei Listen mit je 250 Titeln an – die erste Liste führt empfohlen bekommene, aber noch nicht gelesene Bücher auf, die zweite gelesene und sehr zu empfehlende Bücher.

 

allmende 88: Literarische Landschaften: Die Schweiz. 12 Euro.

BELLA triste 31. 5,35 Euro.

die horen 244: Das Dunkle und das Helle / Stille, Unruh und die Poesie. 18 Euro.

Edit 58. 5 Euro.

Krachkultur 14. 12 Euro.

Kultur & Gespenster 13: Stabile Seitenlage. 12 Euro.

Neue Rundschau 122/4: Beyond Brooklyn. 12 Euro.

poet literaturmagazin Nr. 12. 9,80 Euro.

Signum 13/1. 8,20 Euro.

Sprache im technischen Zeitalter (SpritZ) 201. 14 Euro.

SpritZ-Sonderheft 2011: Abschied zuerst. 9,80 Euro.

Testcard 21: Überleben. Pop und Antipop in Zeiten des Weniger. 15 Euro.

 
 
  Neu: Am Erker Nr. 67

Am Erker 66

Leib und Seele - Texte von Jan Wagner, Hannah Dübgen, Adriaan van Dis, Marcus Jensen u.a., Essays u.a. von Michael Wildenhain über die Debatte zur gesellschaftlichen Relevanz der deutschen Gegenwartsliteratur. Interview mit Enno Stahl. Dazu Rezensionen zu Büchern und Zeitschriften