Am Erker 74

Walter Thümler: Immer geschieht etwas

 
Rezensionen
Walter Thümler: Immer geschieht etwas
 

Glücksangst
Rolf Birkholz

Endzeitstimmung durchweht die neuen Gedichte von Walter Thümler. Das poetische Ich war bei ihm zwar noch nie ein Luftikus. Doch In Immer geschieht etwas, seiner sechsten Lyriksammlung, scheint es noch etwas skeptischer auf sich und die Zustände zu blicken: "die Zeit schleift rund mit oder ohne / meine Erlaubnis".
Gleichwohl soll weiter das noch Eckige in sich und um sich herum wahrgenommen werden. Der Dichter sieht einen apokalyptischen Reiter durch sein Dorf traben und fragt sich, warum "wir nicht weiter die uralte lederne / Haut des Krokodils der Beharrung / streicheln" sollten.
Mit "seinem" Dorf freilich fremdelt er, "dir ist noch keine Zugehörigkeit / gelungen". Aber er möchte auch statt in der Mitte lieber "am Rand wohnen mit dem Rücken / zur Rede", wie es in "Mit Ausblick" heißt. Wie in vielen anderen sind auch in diesem Gedicht die Zeilen so versetzt, zerklüftet angeordnet, dass sie aus kompakteren Gebilden auseinander gezogen erscheinen.
Sie drücken damit auch Gefährdung und Verunsicherung aus, körperlicher wie schreiberischer Art. "Der Tod / gehört zum Personal", gilt es im Krankenzimmer auszuhalten oder Momente, "wenn meine Sprache nicht mehr zum Wort findet".
Walter Thümler, 1955 geboren, schreibt wie eh hoch konzentriert und völlig wortgeklingelfrei. Er weiß dabei um "diese unerklärliche / Angst vor dem Glück". Vielleicht schimmert deshalb da und dort der hinduistische Wiedergeburtsgedanke durch, "wiederkommen als kleiner Vogel / das Leben noch einmal durchkosten". Hier macht es sich das dichterische Subjekt ein einziges Mal zu leicht - weil es sich mit der Nachfolge Christi ("Wer's vermag") entschieden zu schwer macht.
In einer Todesphantasie liegen ihm das Schreiben von Einkaufszettel und Gedicht nahe beieinander. Und er weiß: "Welt ist eine / Sehenswürdigkeit Das musst du zugeben / Nur schade Dass du etwas von ihr willst Was / sie vielleicht nicht hergeben will." Nimm den Zettel.

 

Walter Thümler: Immer geschieht etwas. Gedichte. 94 Seiten. Leipziger Literaturverlag. Leipzig 2016. € 14,95