Am Erker 74

Imke Müller-Hellmann: Leute machen Kleider

 
Rezensionen
Imke Müller-Hellmann: Leute machen Kleider
 

Hingehen, hinsehen und berichten
Andreas Heckmann

Es ist eine Reise in die Finsternis, von der Imke Müller-Hellmann in Leute machen Kleider erzählt, einem Buch, das mir den Nachtschlaf geraubt hat, aber nicht, weil es sich um einen Pageturner handeln würde, sondern weil mich die Aussichtslosigkeit, von der der Text zeugt, in meine Träume verfolgt hat und mit sorgenvollsten Gedanken hochschrecken ließ.
Dabei beginnt alles harmlos: Die Autorin beschließt, die Menschen kennenlernen zu wollen, die ihre Lieblingskleidungsstücke produziert haben, und anhand der eingenähten Kennziffern ist das tatsächlich oft möglich. Und klar, dass nur ein kleiner Teil der Textilien in Deutschland oder Europa gefertigt wurde, der Großteil indes in Vietnam, China und Bangladesch - derlei gehört zum Alltagswissen aller Kleidungsträger, die nicht über das Geld verfügen, einen Schneider für sich arbeiten zu lassen. Und es gehört zum Allgemeinwissen, dass die Löhne in Asien erschreckend niedrig sind und die Arbeitsbedingungen problematisch, dass aber viele Label sich verpflichtet haben, gewisse ökologische und soziale Standards einzuhalten.
Die Reise beginnt nach meist längerem Mailverkehr, in dem manches Misstrauen auf Produzentenseite ausgeräumt werden muss (was nicht immer gelingt), zunächst in Deutschland - bei einem Unterhosenhersteller auf der Schwäbischen Alb, einem Mützenhersteller am Bodensee und dem Strumpfhersteller Falke im Sauerland. Es handelt sich um mittelständische Betriebe in Kleinstädten, die mit modernster Technologie und hochspezialisierten Mitarbeitern Produktlinien fertigen, vor allem aber neue Modelle entwickeln, die dann in Billiglohnländern in großer Stückzahl hergestellt werden. In diesen Betrieben - den wenigen Überlebenden des Textilfabriksterbens der 70er und 80er Jahre - herrscht Wagenburgmentalität: einerseits Weltniveau, andererseits Angst vor schlechter Presse. Und die Autorin trifft auf Enthusiasten, die ihr spannende Vorträge über die vielen Schritte der Textilproduktion halten: Fachwissen, das Imke Müller-Hellmann erstaunlich plastisch und in bester aufklärerischer Tradition ihren Leserinnen und Lesern vermittelt. Was stellen sich da für Probleme, was gibt es da für Fachbegriffe: abenteuerlich!
Irritierend aber, dass ihre Gesprächspartner so fixiert auf ihren textilen Gegenstand sind, dass es keine Abschweifungen gibt, kein Lachen, kaum Kollegialität. (Von den Leinefelder Arbeiterinnen einmal abgesehen, Schlachtrössern aus DDR-Zeiten, die kurz vor der Rente stehen und nichts zu verlieren haben, während im Sauerland die Angst regiert vor dem großmächtigen Arbeitgeber.)
Schon hier, schon in Deutschland schleicht sich Düsternis in den Text, Freudlosigkeit (na gut, es geht um Fabrikarbeit, aber trotzdem), auch Ängstlichkeit seitens der Beschäftigten, und selbst der stolze Verweis auf übererfüllte Umweltstandards hat etwas ungut Demonstratives. Interessant auch, dass es in diesen Kleinstädten - aller Globalisierung zum Trotz - geradezu forciert deutschtümelnd herzugehen scheint. Arbeitsmigranten und deren Kinder geraten kaum in den Blick. Und von der Arbeit von Gewerkschaften und Umweltverbänden ist wenig die Rede.
Weit beklemmender wird es, wenn nach einem grotesken Intermezzo, in dem ein obszön reicher Textilhändler auf der Terrasse eines Nobelhotels in Kronberg im Taunus seine Weltsicht darlegt, der Fokus erst auf Vietnam, dann auf Bangladesch, dann auf China fällt. Es sind nicht nur die Armut in diesen Ländern, die beklemmenden Wohn- und Lebensverhältnisse, die zerstörte Umwelt, die an die düsteren Bilder von Dystopien nicht etwa erinnern, sondern als deren reale Vorbilder erscheinen - nein, den Schlaf geraubt hat mir das nahezu unbekümmerte Einverständnis der Arbeitskräfte mit diesen Verhältnissen. Von der Textilingenieurin bis zur Näherin: Alle scheinen ihre Arbeit zutiefst zu lieben, weil sie ihnen das Überleben ermöglicht und die Chance eröffnet, eine Familie zu haben und Eltern und Kinder zu versorgen, und sei es in völlig verwüsteter Umgebung, etwa in Dhaka. Immer wieder spielen Öko- und Sozialzertifizierungen eine Rolle, auch die Arbeit von Gewerkschaftern, aber im Gespräch mit den Arbeiterinnen wird sehr oft deutlich, dass sie die Fragen ihrer Besucherin aus Deutschland kaum verstehen und es nicht zum Dialog kommt: Sprachliche Hürden, die den Einsatz von Dolmetschern erfordern, krasse Mentalitätsunterschiede zwischen der Westlerin und den Menschen in Südostasien, dazu die allgegenwärtige Angst, etwas Falsches zu sagen und womöglich den existenzwichtigen Arbeitsplatz zu verlieren - all das führt zu Gesprächssituationen, die in ihrer Absurdität tief deprimierend sind.
Überhaupt ist Sperrigkeit ein zentrales Merkmal dieses Buches, das aufklären, aber nicht unterhalten will. Wer es gelesen hat, kann kaum anders als apokalyptisch in die Zukunft blicken - die Autorin gönnt uns keine Hoffnung, keinen Silberstreif am Horizont. In ihrem Buch ist es weder fünf vor zwölf noch fünf nach: Die Uhren sind längst stehen geblieben, und was sich immer schneller dreht, ist nur das entfesselte Geld erwerbsstreben des Kapitalismus, der drauf und dran ist, ganze Weltregionen in ein Dhaka zu verwandeln. Und ein revolutionäres Subjekt, das diesem Irrsinn in die Speichen greifen könnte, ist nicht auszumachen. Die Textilarbeiterinnen jedenfalls antworten auf die Frage, was sie den Lesern in Deutschland mitteilen wollen, nahezu unisono: dass wir hier tolle Arbeit machen und ich meine Arbeit sehr gerne tue. Die Gehirnwäsche wirkt nahezu ubiquitär, und was Gewerkschaften, Parteien und NGOs ihr entgegenzusetzen vermögen, erscheint nichtig.
Imke Müller-Hellmann, deren erstes Buch Verschwunden in Deutschland Reisen zu den Verwandten von ausländischen KZ-Häftlingen beschrieb, die 1944 in einem ostfriesischen Arbeitslager zu Tode schikaniert wurden, hat sich mit Leute machen Kleider radikalisiert. Zeugten ihre Fahrten zu den Angehörigen der Toten in den Niederlanden, in Polen, Frankreich, Litauen und anderswo noch von der Möglichkeit, Versöhnung durch persönliche Begegnungen und Erinnerung zu stiften, begegnen wir im neuen Buch einer Berichterstatterin, die vor der Unübersichtlichkeit der Lage zur Protokollantin wird. Stets hat sie es mit einer Überfülle an Eindrücken zu tun, mit hochkomplexen unternehmerischen Strukturen und Produktionsabläufen, mit Menschen, die sie nicht kennt und im Gespräch auch praktisch nie kennen lernt. So muss es in der Hölle aussehen, habe ich beim Lesen wiederholt gedacht, genau so. Und wenn ich nachts am Fenster stand und auf den Dieksee hinausschaute - denn diese Rezension habe ich in der von Johann Heinrich Voss besungenen Idylle der Holsteinischen Seenplatte geschrieben -, dann war mir nicht wohl.
Ein sehr bedrückendes Buch hat Imke Müller-Hellmann geschrieben, in dem eine gewaltige Energieleistung steckt - und ein Mut und eine Unerschrockenheit, von der ich nicht einmal zu träumen wage. Ein erschreckendes Buch, das ich zur Lektüre nur dringend empfehlen kann.

 

Imke Müller-Hellmann: Leute machen Kleider. Eine Reise durch die globale Textilindustrie. 284 Seiten. Osburg. Hamburg 2017. € 20,00.