Rezensionen zum "Krimisamstag"
von Joachim Feldmann. Aus dem "Titel-Magazin".

Diese Rezensionen sind gemeinsam mit dem Erfinder des "Krimisamstags" Thomas Wörtche beim Titel-Magazin ausgezogen und finden nun beim Erker Unterschlupf.

 
 

 

   
 

Ilkka Remes: Tödlicher Sog (Pyörre, 2008). Thriller. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. München: DTV 2010. 458 Seiten. € 14,90.

Dass auch im Staate Schweden so manches faul ist, weiß das deutsche Krimipublikum nicht erst seit die voluminösen Schmöker eines Stieg Larsson die Bestsellerlisten erobert haben. 1968 erschien in Rowohlts legendärer Thriller-Reihe unter dem Titel Die Tote im Götakanal die Übersetzung des Romans Roseanna (1965), in dem ein Kriminalbeamter namens Martin Beck seinen ersten Auftritt hatte. Das Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö hatte sich, angeregt durch die von ihm übersetzten Romane Ed McBains um das 87. Polizeirevier, entschlossen, eine vergleichbare Serie in Schweden anzusiedeln. War der Auftakt noch ein verhältnismäßig konventionell angelegter Kriminalroman, so entwickelte sich die Reihe in den folgenden neun Bänden zu einer geharnischten Abrechnung mit den Schattenseiten des schwedischen Wohlfahrtsstaates und begründete damit eine bis heute andauernde Tradition sozialkritischer Aufklärung im Medium der Spannungsliteratur.
Nun ist es kein Geheimnis, dass das kleine friedliebende Land im Norden Europas eine hocheffiziente Rüstungsindustrie unterhält und auf Platz 9 der weltweit größten Waffenexporteure steht. (Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Deutschland den dritten Rang auf dieser unrühmlichen Liste einnimmt.) Diesem peinlichen Aspekt der schwedischen Politik widmet sich der finnische Thrillerautor Ilkka Remes in seinem neuen Roman Tödlicher Sog. Zentraler Bezugspunkt der spannend aufbereiteten Handlung ist der bis heute nicht wirklich aufgeklärte Untergang der Fähre 'Estonia' im Jahre 1994. Die mit 852 Toten schwerste Schiffskatastrophe in der europäischen Nachkriegsgeschichte birgt noch immer etliche Rätsel, und die Lektüre von Remes' Buch erweckt den Eindruck, dass einflussreiche Kräfte ein großes Interesse daran haben, dass dies auch so bleibt.
Als gesicherte Erkenntnis gilt allerdings inzwischen, dass die Fähre benutzt wurde, um Rüstungselektronik und andere militärische Güter aus dem Einflussbereich der früheren Sowjetunion nach Schweden zu transportieren.
Geschäften dieser Art kommt der Sicherheitsunternehmer Tero Airas aus Helsinki auf die Spur, als er versucht zu beweisen, dass sein Sohn Roni, ein vielversprechender Rennfahrer, unschuldig am Tod seiner ehemaligen Freundin Julia ist. Das ist alles andere als einfach, denn Roni hat sich am Abend der Tat mit Julia gestritten und ist sogar gewalttätig gegen sie geworden. Doch umgebracht hat er sie nicht, das beteuert er inständig, und sein Vater glaubt ihm. Was dieses Verbrechen mit dem Untergang der Estonia und den schmutzigen Geschäften, in die internationale kriminelle Organisationen ebenso verwickelt sind wie der schwedische Geheimdienst, zu tun hat, soll an dieser Stelle nicht rekonstruiert werden. Ilkka Remes versteht es nämlich glänzend, die unterschiedlichen Handlungsstränge des Romans zu einem verblüffenden Plot zu verknüpfen. Dass er dabei Sensationalismen à la Stieg Larsson vermeidet, ist ein weiterer Pluspunkt des Romans. Die Identifikationsfiguren in i sind keine Comic-Superhelden, sondern relativ unspektakuläre Zeitgenossen mit menschlichen Schwächen, die gezwungen sind, sich gegen widrige Umstände zu behaupten. Auch die Schar der Schurken zeichnet sich weniger durch diabolische Züge als durch ein nüchternes Geschäftsgebaren aus. Wer also auf unterhaltsame Weise wieder einmal davon überzeugt werden will, dass das Paradies auf Erden auch weiterhin ein frommer Wunsch bleiben wird, ist mit diesem beachtlichen Thriller bestens bedient.

   
 

Greg Iles: 12 Stunden Angst (Third Degree, 2008). Roman. Aus dem Amerikanischen von Axel Merz. Bergisch-Gladbach: Bastei-Lübbe 2009. € 9,99.
Hans-Jörg Kühne: Der Pfahlmörder. Roman. Bielefeld: Pendragon 2010. 300 Seiten. € 10,95.

Neulich erzählte der 1977 geborene Romanautor Thomas Klupp in der Zeit, dass er dreimal versucht habe, Döblins Berlin Alexanderplatz zu lesen, aber nie über die Seite 43 hinausgekommen sei. Ihn habe vor allem gestört, dass "eingangs berichtet wird, was auf den folgenden Seiten passiert, wie es endet und was die Moral von der Geschichte ist". Als ich am vergangenen Freitag irgendwo um Seite 50 herum die Lektüre eines so genannten Thrillers abbrach, hatte ich keine Ahnung, wie das Buch zu Ende gehen würde. Es war mir auch vollkommen egal. Der amerikanische Autor Greg Iles lässt, glaubt man dem deutschen Titel des Romans, seine Heldin, eine Sonderschullehrerin namens Laurel, 12 Stunden Angst durchleben. Ein Wunder ist das nicht, schließlich fuchtelt Gatte Warren mit einem Revolver vor ihrer Nase herum, um herauszubekommen, wer denn der Liebhaber seiner Gemahlin ist. Leider fehlte es mir am nötigen Langmut, um den beiden bei dieser handfesten Verarbeitung einer Ehekrise Gesellschaft zu leisten, handelt es sich doch um in jeder Hinsicht uninteressante Figuren. Auch Lover Danny - wir Leser wissen natürlich mehr als der gehörnte Ehemann - ist nicht gerade ein Typ, den man näher kennenlernen möchte.
Die Aussicht, noch ungefähr 400 Seiten, also mindestens zwei bis drei Stunden Lesezeit, mit diesen Pappkameraden zu verbringen, schien mir wenig reizvoll, also griff ich beherzt zu einem neuen Krimiprodukt aus dem mörderischen Ostwestfalen. Das Romandebüt des Bielefelders Hans-Jörg Kühne ist laut Verlagswerbung "nichts für schwache Nerven". Das mag sein. Außerdem ist Der Pfahlmörder, obwohl der Autor sich bemüht, seine blutrünstige Geschichte in einem sarkastisch-coolen Erzählton zu präsentieren, ziemlich langweilig. Grausam zugerichtete Mordopfer und ein schnoddriger Hypochonder als Ermittler können über die Abwesenheit einer Handlung eben nur schlecht hinwegtäuschen. Dieses Urteil würde ich allerdings mit größerer Überzeugung abgeben, hätte ich das Treiben des "Pfahlmörders" über die gesamte Länge des Romans, und das sind immerhin rund 300 Seiten, verfolgt. Doch auch hier musste ich aufstecken. Schon der leicht holprige Stil des ersten Absatzes ließ mich nur missmutig weiterlesen. Leiche Nummer eins, ein Zahnarzt, der im eigenen Behandlungsstuhl auf üble Weise zu Tode gebracht wurde, nahm ich noch zur Kenntnis, um mich dann mit einem raschen Blick auf die letzten Seiten zu überzeugen, dass man auf die Lektüre des umfangreichen Mittelstücks guten Gewissens verzichten kann. Zu gerne würde ich an dieser Stelle die Identität des Pfahlmörders preisgeben, allein um zu zeigen, dass dieses Buch auch als Genreparodie nur wenig taugt. Aber das tut man ja nicht. Und darum lasse ich's auch.

   
 

Richard Aleas: Lieder der Unschuld (Songs of Innocence, 2007). Roman. Deutsch von Conny Lösch. Berlin: Hard Case Crime bei Rotbuch 2009. 283 Seiten. € 9,90.

In einem früheren Leben arbeitete John Blake als Privatdetektiv. Vor drei Jahren hat er diesen Job an den Nagel gehängt. Jetzt ist der Absolvent eines literaturwissenschaftlichen Studiums Angestellter des Fachbereichs für Kreatives Schreiben an der New Yorker Columbia University und besucht nebenher Seminare. Als eine Kommilitonin tot aufgefunden wird, beginnt er, auf eigene Faust zu ermitteln. Zwar deuten alle Indizien auf Selbstmord, doch Blake glaubt, dass seine Freundin Dorrie umgebracht wurde. Hätte sie tatsächlich Suizidpläne gehabt, davon ist er überzeugt, hätte sie ihn vorher benachrichtigt, damit er anschließend alle Hinweise auf ihr Doppelleben beseitigen könnte. Denn Dorrie arbeitete nebenher als Prostituierte, und das sollte ihre Familie keinesfalls erfahren.
Nun ist John Blake ein derartig miserabler und unprofessioneller Ermittler, dass man sich kaum vorstellen mag, wie er als Privatdetektiv seinen Lebensunterhalt verdiente. Seine ersten Nachforschungen im Prostituiertenmilieu fördern zwar noch einige wichtige Informationen zutage, doch sobald er in eine Konfliktsituation gerät, scheint der junge Mann den Überblick zu verlieren. Dazu gesellt sich eine ungute Neigung zu spontanen Handlungen. Kaum hat er erfahren, dass der ungarisch-stämmige Gangster Black Ardo, dessen Einkünfte vor allem auf illegaler Prostitution beruhen, nicht zimperlich ist, wenn es darum geht, unliebsame Konkurrenz aus dem Wege zu räumen, wählt Blake den Weg der direkten Konfrontation. Er marschiert in eine ungarische Bar, stellt sich auf einen Stuhl und verlangt, Ardo zu sprechen, der natürlich nicht lange auf sich warten lässt. Wie erwartet, bezieht unser dilettantischer Held eine gehörige Tracht Prügel. Und er provoziert, ohne es zu ahnen, einen brutalen Mord, in dessen Konsequenz er selbst ins Visier der Polizei gerät und untertauchen muss.
Aber wäre John Blake nicht so ein stümperhafter Detektiv, könnte man Lieder der Unschuld (der Titel bezieht sich auf William Blakes Gedichtzyklus "Songs of Innocence" von 1789), den zweiten Kriminalroman des amerikanischen Autors Richard Aleas, getrost all den anderen durchschnittlichen Produkten des Genres zuschlagen. Doch dieses tiefschwarze, vom Ermittler selbst vielleicht ein wenig zu pathetisch erzählte Epos von verlorener Unschuld und fehlgeleitetem Heroismus ist vor allem an der nachhaltigen Verstörung seiner Leser interessiert. Dabei nicht das Ausmaß des, zugegeben scheußlichen, Ur-Verbrechens, das zur Katastrophe für alle Beteiligten wird, am schockierendsten, sondern die ästhetisch vermittelte Erkenntnis, dass jeder Rettungsversuch vergeblich ist. Wenn Blake zum ersten Mal bei den ehemaligen Kolleginnen seiner toten Freundin ermittelt, ist er noch ein wenig erstaunt über deren militant sich artikulierendes Misstrauen. Wer das Buch zu Ende liest, weiß, dass es überhaupt keinen Anlass gibt, überhaupt noch irgendjemandem zu vertrauen. Wenn John Blake, auf der Flucht vor der Polizei und Ardos Gefolgsleuten, irgendwann im letzten Drittel des Buches mit kahlrasiertem Schädel im tiefsten U-Bahnschacht New Yorks sitzt, wo ihm nur ein delirierender Stadtstreicher Gesellschaft leistet, ist er auch physisch dort angelangt, wo er mental seit langem war.
Richard Aleas ist das Pseudonym des 1969 geborenen Charles Ardai, der die (in deutscher Übersetzung teilweise bei Rotbuch erscheinende) Reihe Hard Case Crime gegründet hat. Hier findet man, in liebevoller Retro-Aufmachung, neben Noir-Klassikern von Ed McBain, Richard Stark und Lawrence Block auch aktuelle Romane, die sich die finstere Weltsicht des Genres zu eigen gemacht haben. Lieder der Unschuld zeigt, dass sich das ästhetische Potential der 'Pulp Fiction' noch lange nicht erschöpft hat.

   
 

Jürg Amann: Pekinger Passion. Kriminalnovelle. Zürich/Hamburg: Arche 2008. 126 Seiten. € 16,-.

Ein Schüler verliebt sich in eine junge schöne Lehrerin, die in der Parallelklasse Geschichte unterrichtet. Seine Gefühle muss er für sich behalten, dennoch versucht er, ihr näherzukommen. Auf einem Schulausflug kommt es zu einer kurzen erotischen Begegnung, die den jungen Mann verstört zurücklässt. Seine Verzweiflung nimmt zu. Er schickt seiner Angebeteten Briefe und Gedichte, Zeugnisse einer todessüchtigen Phantasie, die sich mit extremer Eifersucht mischt, als er die Lehrerin zusammen mit einem älteren Mann sieht. Selbstmordgedanken werden verworfen, stattdessen lauert er der Frau in einem Park auf und versucht, sie zu vergewaltigen. Dann bringt er sie um und zerschneidet die Leiche in Stücke, die er in der Umgebung verteilt. Leicht kommt die Polizei auf seine Spur, denn die Lehrerin hat all seine Briefe und Gedichte aufbewahrt. Er gesteht das Verbrechen, wird zum Tode verurteilt und hingerichtet. Doch das vermeintliche Mordopfer taucht zwanzig Jahre später wieder auf. Wer also war die Tote, deren Körperteile im Park gefunden wurden? Warum hat der siebzehnjährige Teng Xingshan eine Tat gestanden, die er offenkundig nicht begangen hat?
Es war die Meldung einer chinesischen Nachrichtenagentur, die den Schweizer Erzähler Jürg Amann die Idee zu seiner Kriminalnovelle "Pekinger Passion" geliefert hat. In fünf Protokollen versucht er, dem unerhörten Ereignis literarische Form zu verleihen. Auf die Wiedergabe der Zeitungsnotiz folgen das Geständnis des "Täters", eine Stellungnahme der Mutter des "Mordopfers" und Berichte von Polizei und Staatsanwaltschaft. Im letzten Kapitel schildert die ehemalige Lehrerin ihre Sicht der Ereignisse. Das heißt, sie fügt den vorhergehenden Aussagen eine erklärende Variante hinzu, deren Wahrheitsgehalt allerdings zweifelhaft bleibt. "Was ist schon Wahrheit?", lautet dementsprechend der letzte Satz dieses erzählerischen Kabinettstückchens, dessen sachlicher Ton in bemerkenswertem Widerspruch zu der im Titel proklamierten Leidenschaft steht. "Es kostete mich einige Mühe, aber am Ende hatte der Verstand über die Vorstellung gesiegt", sagt Teng Xingshan, wenn er erläutert, warum er, statt sich umzubringen, den Überfall im Park geplant habe. Auch die Berichte der anderen Beteiligten weisen kaum sprachliche Unterscheidungsmerkmale auf, so dass bereits eine leicht flapsige Wendung wie "Da würde mir auch kein Zacken aus der Krone brechen", die dem wieder aufgetauchten "Mordopfer" in den Mund gelegt wird, ins Auge fällt.
Von makabrer Komik sind andere Details. "Meine Xiaorong, die verschwunden war, von der ich nichts wusste, da war sie wieder, das war sie, lag sie vor mir, wenn auch in Stücken", erinnert sich die Mutter der angeblich Ermordeten, während der Staatsanwalt darauf hinweist, dass die Gedichte des mutmaßlichen Täters laut Gutachten "von einiger Qualität" waren.
Literarische Qualität beansprucht auch dieses Buch für sich, und zwar vor allem, indem es eine deutliche Grenze zu dem markiert, was der Autor offenbar für die typischen Eigenschaften des Krimigenres hält. Die von Xiaorong am Ende referierte Auflösungsvariante beispielsweise könnte nämlich problemlos als Plot eines durchschnittlichen Spannungsromans herhalten. Doch darum ging es Amann nicht. Seine Kriminalnovelle erkundet auf ungewöhnliche Weise die Abgründe des menschlichen Vorstellungsvermögens und fördert dabei vor allem weitere Rätsel zutage. Und weil es gemeinhin als große Kunst gilt, scheinbar triviale Stoffe durch eine traditionsreiche literarische Form zu adeln, hat sich dieses Büchlein die entsprechende Anerkennung redlich verdient.

   
 

Alex Barclay: Weiße Stille (Blood Runs Cold, 2008). Roman. Deutsch von Karin Meddekis. Bergisch-Gladbach: Bastei-Lübbe 2009. 381 Seiten. € 16,95.

Am Ende geht alles ganz schnell. Quasi im Eilverfahren klärt die irische Thriller-Autorin Alex Barclay all die rätselhaften Verbrechen auf, über deren Hintergründe sie uns auf den ersten 330 Seiten ihres dritten Romans Weiße Stille gezielt im Dunkeln gelassen hat. Stattdessen dürfen wir Dialoge wie den folgenden lesen: "'Hier einen Parkplatz zu finden ist Glücksache', sagte Bob. Er fuhr zum zweiten Mal die Main Street hinauf und bog dann links in die Jefferson Avenue ein. 'Das kann ein Weilchen dauern.' 'Da vorne ist was frei', sagte Ren und zeigte auf einen freien Parkplatz auf der anderen Straßenseite. 'Stramme Leistung.' Bob warf einen Blick dorthin. 'Genau vor der Eingangstür einer Arztpraxis.' 'Oh ...' 'Ja, dann müssen wir wohl weitersuchen.' 'Dann nehmen wir eben den Parkplatz an der Kirche und gehen zu Fuß.' Bob fuhr um den Block herum. 'Eine Runde drehen wir noch ... da, sehen Sie? Ein Parkplatz genau vor dem Restaurant.' 'Stramme Leistung.' Ren lächelte."
Dieses Lächeln wird der psychisch eh nicht sehr stabilen FBI-Beamtin Ren Bryce noch vergehen, wenn sie nämlich in dem schmierigen Restaurant, das sie gemeinsam mit dem örtlichen Sheriff aufsucht, einen Cheeseburger bestellt. Aber blenden wir uns kurz aus dem unerfreulichen Berufsalltag einer amerikanischen Bundespolizistin aus und wenden uns einem der Fälle zu, mit denen sie betraut ist. In einem Skigebiet im amerikanischen Bundesstaat Colorado ist eine Frauenleiche aufgetaucht, offenbar das Opfer eines Gewaltverbrechens. Dummerweise ist die Tote unter einer Schneelawine verschwunden, ehe sie von der Polizei geborgen werden kann. Doch Indizien helfen, ihre Identität zweifelsfrei zu ermitteln. Es handelt sich um Jean Transom, die wie Ren Bryce für das FBI arbeitete. Aber niemand scheint zu wissen, was sie in die Bergwelt Colorados geführt hat. Und auch die örtliche Polizei erweist sich als wenig hilfreich. Die Ermittlungsergebnisse bleiben entsprechend spärlich. Zumal Transom offenbar nicht die einzige Person ist, die in den letzten Jahren in der Gegend verschwunden ist.
Das ist schon der Stoff, aus dem man Thriller schneidert, doch leider scheinen Alex Barclay die dazu notwendigen handwerklichen Fähigkeiten irgendwie abhanden gekommen zu sein. So wird ein bei allen genretypischen Ungereimtheiten durchaus ansehnlicher Plot unter einem Wust von Dialogen der oben zitierten Art förmlich begraben. Das bedeutet harte Arbeit für Leser, ohne dass diese entsprechend entlohnt würde. Ein Problem, vor dem offenbar auch kapituliert hat, wer den folgenden, bemerkenswert kryptischen Klappentext verfasste: "Das beliebte Skigebiet Breckenridge ist ein Urlaubsidyll - bis auf einem Gletscher die schneebedeckte Leiche einer Frau gefunden wird. Die FBI-Agentin Ren Bryce übernimmt die Ermittlungen. Scheinbar ein Routinefall. Doch Ren hat ein psychisches Problem. Aber davon weiß niemand. Eines Morgens findet man sie neben ihren erschossenen Kollegen auf - mit der Mordwaffe in der Hand. Hat Ren tatsächlich ihr ganzes Team auf dem Gewissen? Und warum verschweigt sie, dass die Tote auf dem Gletscher ihre Freundin war?" Nur die ersten vier Sätze dieser Inhaltsangabe haben tatsächlich etwas mit der Handlung dieses seltsamen Romans zu tun, der Rest ist frei erfunden.
Aber vielleicht ist diese falsche Produktinformation gar kein Versehen, sondern Teil einer abgefeimten ästhetischen Strategie mit dem Ziel, dem spannungshungrigen Konsumenten zielgruppenorientierter literarischer Konfektionsware die Lektüre nachhaltig zu vermiesen.  Dann nämlich handelte es sich bei diesem Paperback der "Thriller-Queen aus Irland", wie das Börsenblatt Alex Barclay nannte, nicht einfach um einen misslungenen Kriminalroman, sondern um Konzeptkunst mit didaktischem Effekt. Und ich wäre tief beeindruckt.

   
 

D. B. Blettenberg: Land der guten Hoffnung. Roman. Bielefeld: Pendragon 2010. 287 Seiten. € 10,95.

Im Herbst 2003 reist Friedrich Wilhelm Tempow im Auftrag des reichen Reeders Carsten nach Südafrika. Der Privatdetektiv, dessen Spezialgebiet es ist, Menschen auch gegen deren Willen ausfindig zu machen, soll den Mann aufspüren, der vor einigen Jahren Carstens Tochter Rena entführt und ein Lösegeld in Millionenhöhe erpresst hat. Schon bald merkt Tempow, dass sich auch andere Parteien für den Fall interessieren. Noch in Deutschland heftet sich ein Verfolger an seine Fersen, und nach seiner Ankunft in Südafrika wird er offenbar von einer jungen Frau beschattet. Doch das irritiert ihn wenig. Als routiniertem Ermittler gelingt es Tempow relativ schnell, dem mutmaßlichen Täter auf die Spur zu kommen. Bevor er ihn allerdings tatsächlich ausfindig machen kann, stirbt eine seiner Kontaktpersonen unter mysteriösen Umständen. Und seine Verfolgerin entpuppt sich als Rena Carsten, die ein ureigenes Interesse hat, ihren Entführer wiederzusehen.
Nichts ist, wie es zunächst scheint, in diesem Roman. Tempow, der auch als Ich-Erzähler souveräner wirkt, als er es tatsächlich ist, wird zum Spielball in einem groß angelegten Täuschungsmanöver. Erst spät erfährt er, wer wirklich hinter der Entführung steckte. Und plötzlich sieht er sich mit einer Geschichte konfrontiert, die bis in die Zeit der Apartheid zurückreicht. Aus früheren Gegnern sind Komplizen geworden, die ihre im bewaffneten Kampf erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten nun gewinnbringender einsetzen wollen. Auf der anderen Seite steht die so genannte Wahrheitskommission, deren Versöhnungsarbeit darauf beruht, dass man die Toten (im wahrsten Sinne des Wortes) eben nicht ruhen lässt.
Auf poetische Gerechtigkeit jedoch wartet man vergebens. Zwar überlebt der Hauptschurke das Ende des Romans nicht, doch die Welt, die hier geschildert wird, ist mitnichten wieder in Ordnung. In der Firma bleibe alles beim Alten, versteht es sein ehemaliger Geschäftspartner, zweifelnde Mitarbeiter zu überzeugen. Und Tempow, der diese Geschichte erzählt, ohne moralisch zu urteilen, erspart sich auch hier einen Kommentar. Wer diesen bemerkenswerten Spannungsroman liest, weiß, warum das nicht nötig ist.

   
 

Lawrence Block: Falsches Herz (The Girl With the Long Green Heart, 1965 & 2005). Roman. Deutsch von Andreas C. Knigge. Berlin: Rotbuch Verlag 2009. 218 Seiten. € 9,90.

Johnny Hayden ist ein guter Lügner, denn es macht ihm einfach Spaß, erfundene Geschichten zu erzählen. Hätte er sein Jurastudium zum Abschluss gebracht, wäre ihm diese Fähigkeit vielleicht auch gut zupass gekommen, für die Laufbahn jedoch, die er einschlug, als er nach einer vergeigten Zwischenprüfung die Uni verlassen musste, ist sie essentiell. Johnny Hayden ist ein gewerbsmäßiger Betrüger. Mit erschwindeltem Schmerzensgeld fing es an, später ließ er sich andere Tricks einfallen, und irgendwann landete er für sieben Jahre in St. Quentin. Nun arbeitet er auf einer Bowlingbahn und träumt davon, ein Hotel zu kaufen. Weil er aber weiß, dass sich das nötige Kapital kaum mit sogenannter "ehrlicher Arbeit" beschaffen lassen wird, besinnt er sich rasch auf sein altes Talent, als ihm Doug Rance, ein Kumpan aus vergangenen Zeiten, einen verführerischen Geschäftsplan vorlegt. Ein reicher Mann soll zum Opfer seiner eigenen Gier werden, ein Vorhaben, das einen erheblichen logistischen Aufwand erfordert.
Büroräume, Briefpapier, Angestellte: Das fiktive Unternehmen Barnstaple muss schon nach etwas aussehen, sonst wird Wallace Gunderman nicht anbeißen. Zu ihrem Glück haben die beiden Ganoven in der Sekretärin und Geliebten des kapitalkräftigen Immobilienunternehmers eine Verbündete. Enttäuscht, dass ihr Chef sie nach dem Tod seiner Ehefrau nicht geheiratet hat, sinnt sie auf Rache und versorgt Hayden und Rance mit den notwendigen Informationen, um den Coup gelingen zu lassen. Gunderman, dem schon einmal von Betrügern wertloser Grundbesitz in Kanada angedreht worden ist, sehnt sich danach, diese Scharte auszuwetzen. Und eben das macht ihn zum idealen Opfer der von Rance bereits bis ins Detail geplanten Scharade.
Lawrence Block, berühmt für seine Romane um den alkoholkranken Privatdetektiv Matthew Scudder, hat sein Gaunerepos The girl with the long green heart 1965 veröffentlicht. Zwei deutsche Ausgaben folgten kurze Zeit später. Jetzt liegt der ebenso kühl erzählte wie elegant konstruierte Roman neu übersetzt in Rotbuchs Retro-Reihe "Hard Case Crime" unter dem Titel Falsches Herz vor. Und scheint angesichts der Merkwürdigkeiten, die wir in der Welt der Finanzen beobachten können, eigentümlich aktuell. Wenn man sieht, was Rance und Hayden unter relativ primitiven technischen Bedingungen anzurichten verstehen, lässt sich unschwer vorstellen, wie die beiden von den weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten des Internets profitieren würden.
Natürlich geht das Betrugsmanöver nicht reibungslos vonstatten. Die Profis müssen feststellen, dass Amateure manchmal nicht nur gerissener, sondern vor allem skrupelloser sein können. Die Botschaft dieses verblüffend unmoralischen Kriminalromans ist also mitnichten, dass sich Verbrechen nicht lohnen würde, denn selbst die betrogenen Betrüger können ihre Bilanz mit einem achtbaren Plus schließen. Und wir Leser dürfen uns fragen, warum wir das Buch jetzt mit einem seltsamen Gefühl der Befriedigung zuklappen.

   
 

C. J. Box: Mörderischer Abschied (Three weeks to say goodbye, 2009). Thriller. Deutsch von Bernhard Liesen. München: Heyne 2009. 415 Seiten. € 8,95.

Die Erfüllung ihres Kinderwunsches hat die McGuanes eine Menge gekostet. Doch dafür sind sie glücklich. Ihre Adoptivtochter Angelina, die sie direkt nach der Geburt zu sich nehmen konnten, ist ein problemloses, fröhliches Baby. Um so größer ist der Schock, als sich neun Monate später eine Angestellte der Vermittlungsagentur bei ihnen meldet. Der leibliche Vater habe nie die Einverständniserklärung zur Adoption unterschrieben und bestehe nun auf dem Sorgerecht. Das heißt, Angelinas 18-jährigem Erzeuger ist das Schicksal des Mädchens wahrscheinlich herzlich gleichgültig, hinter der Forderung steckt dessen Vater, und bei diesem handelt es sich ausgerechnet um den ebenso mächtigen wie wohlhabenden Richter John Moreland, der keinen Zweifel daran lässt, dass den McGuanes keine andere Wahl bleibt, als auf sein Angebot, eine großzügige Entschädigung für die entstandenen Kosten zu leisten, einzugehen.
Selbstverständlich entschließt sich die Familie zu kämpfen, allein damit die Handlung in C. J. Box' in mancher Hinsicht außergewöhnlichem Thriller Mörderischer Abschied in die Gänge kommt. Jack McGuane, der als Angestellter im städtischen Fremdenverkehrsamt von Denver, Colorado, nicht gerade üppig verdient, kann sich einen ausgewachsenen Rechtsstreit schlicht nicht leisten. Aber er hat Freunde, unter ihnen den zwar ziemlich versoffenen, aber ausgesprochen findigen Polizisten Cody Hoyt. Dieser hat allerdings momentan selbst Probleme genug, da die von ihm erbrachten Beweismittel zur Überführung eines mehrfachen Kindermörders vor Gericht nicht standhalten. Der Richter, es handelt sich um niemand anderen als John Moreland, muss den Angeklagten laufen lassen. Zumindest sieht es so aus, als ob ihm angesichts der Argumente des Verteidigers keine andere Wahl bliebe.
Inwieweit das eine mit dem anderen zusammenhängt, bringt Hoyt im Verlauf der Romanhandlung ans Tageslicht, während McGuane, der gleichzeitig als Ich-Erzähler fungiert, immer stärker in die Rolle des wehrlosen Opfers gerät. Die strikt eingehaltene Beschränkung der Perspektive führt dazu, dass dem Leser wesentliche Phasen des Aufklärungsprozesses verborgen bleiben, um am Ende mit regelrechtem Knalleffekt präsentiert zu werden. Wer sich dafür wappnen will, tut gut daran, ein ehernes Gesetz dieses Genres während der Lektüre im Kopf zu behalten, nämlich dass die schlimmstmögliche Vermutung die höchste Wahrscheinlichkeit besitzt. Es empfiehlt sich ebenfalls, allzu strenge Ansprüche an die Logik einer Romanhandlung zeitweise zu suspendieren. Doch das tut dem eigentlichen Gehalt dieses Buches keinen Abbruch. Jack McGuane wird mit dem bedingungslos Bösen auf eine Weise konfrontiert, die ihn in einem Maße gewalttätig werden lässt, wie er es von sich nie erwartet hätte.
Wer mag, kann in Mörderischer Abschied eine Apologie der Selbstjustiz sehen. Es gibt hinreichend Indizien in diesem Roman, die eine solche Lesart nahelegen. Es lohnt sich aber auch zu beobachten, wie sich die Hauptfigur im Verlauf ihrer betont berichtartig gehaltenen Erzählung selbst dekonstruiert. Der Griff zum Colt des Großvaters nach der ersten Begegnung mit Moreland bleibt zwar keine rein symbolische Geste, erweist sich aber letztendlich im Kontext der Handlung als wirkungslos. Die Drecksarbeit erledigt Cody Hoyt. Jack McGuane zählt ihn im Schlusskapitel des Romans zu den "gute(n), hilfsbereiten Menschen", die ihn davon abhielten, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Das sollte zu denken geben.

   
 

C. J. Box: Todeszone (Freefire, 2007). Thriller. Deutsch von Andreas Heckmann. 445 Seiten. München: Heyne 2009. 448 Seiten. € 8,95.

Der 1871 gegründete Yellowstone Nationalpark im mittleren Westen der Vereinigten Staaten ist eine Touristenattraktion ersten Ranges. Auf knapp 9.000 Quadratkilometern finden sich mehr als 10.000 geothermische Quellen sowie Canyons und Wasserfälle. Diese Wunderwelt verdankt sich dem Umstand, dass die Erdkruste hier besonders dünn und rissig ist. Oder, wie es der zum Apokalyptiker mutierte frühere Umweltaktivist Dr. Keaton den Gästen der Mitarbeiterbar des Mammoth Hotels erklärt: "Wir trinken unser Bier inmitten einer riesigen Caldera." Mit diesem Begriff bezeichnet man eine Vulkansenke oder, wie Keaton es ausdrückt "die Mitte eines schlafenden Vulkans". Und wenn der ausbreche, schreckt der Untergangsprophet seine Zuhörer, werde er sofort drei Millionen Menschen töten - alle Lebewesen im Umkreis von gut dreihundert Kilometern. "Asche wird den Kontinent bedecken, Tier und Menschen ersticken und alle Flüsse verstopfen. In New York wird nuklearer Winter herrschen, das globale Klima wird sich radikal verändern, und eine plötzliche böse Eiszeit wird über die Erde kommen."
Man kann verstehen, dass dem Wildhüter Joe Pickett angesichts solcher Vorhersagen sein Bier bitter wird. Ein Spezialauftrag des Gouverneurs hat ihn von seinem üblichen Einsatzort in Saddlestring, Wyoming, nach Yellowstone verschlagen. Es gilt den Mord an vier Angestellten des Nationalparks aufzuklären. Das dürfte angesichts der Tatsache, dass bekannt ist, wer die jungen Leute kaltblütig erschossen hat, nicht so schwierig sein. Doch der Täter schweigt sich über sein wahres Motiv aus. Außerdem erweist es sich als unmöglich, ihn für sein Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen, obwohl er freimütig ein Geständnis abgelegt hat.
Denn eine Gesetzeslücke macht es unmöglich, in einem bestimmten Teil des Parks begangene Straftaten zu ahnden. Es würde zu weit führen, die komplizierte Rechtslage, die für dieses Schlupfloch verantwortlich ist, im Detail zu erklären, aber es ist sicher, dass der amerikanische Thrillerautor C. J. Box die Basis des Plots für seinen neuen Roman Todeszone genau recherchiert hat. Eine Nachbemerkung weist darauf hin, dass auch in diesem Teil der USA der Zustand praktischer Gesetzlosigkeit bald ein Ende haben wird. Zumindest in der Theorie. Denn der Roman lässt keinen Zweifel daran, dass es Situationen gibt, in denen die Gerechtigkeit keine Chance hat, sich auf legalem Wege durchzusetzen.
C. J. Box' Joe-Pickett-Romane können ihre Verwandtschaft zum Western nicht leugnen. Dazu trägt nicht nur der rustikale Schauplatz bei, auch ihre Helden, der Wildhüter Pickett und sein raubeiniger Kumpan Nate Romanowski, der immer im rechten Moment die Flinte parat hat, würden sicherlich eine gute Figur machen, wenn es darum ginge, Dodge City oder Tombstone aus der Hand schießwütiger Revolverhelden zu befreien. In Todeszone jedoch geht es um mehr. Hinter den Morden stecken ausgeprägte wirtschaftliche Interessen. Zwar gelingt es Pickett, einige der Drahtzieher dingfest zu machen, doch scheint es so, als ob manch wahrer Schurke nur aufgrund seines hohen politischen Amtes unbehelligt bleiben wird.
Die Veröffentlichung von Todeszone (im Original Free Fire) ist der zweite Versuch, die sehr amerikanische Thriller-Reihe um den eigenwilligen Joe Pickett bei uns zu etablieren. Deren Erstling Keine Schonzeit (Open Season) erschien bereits 2003 bei Blanvalet, verkaufte sich aber trotz guter Kritiken eher mäßig. Dies mag der Grund sein, weshalb Heyne nun mit der Übersetzung des in den USA sehr erfolgreichen achten Bandes beginnt und verspricht, die Vorgänger bald folgen zu lassen. Hoffen wir, dass es dabei bleibt. Denn es wäre schade, wenn diese originelle und aufschlussreiche Reihe deutschen Lesern vorenthalten bliebe, zumal wenn sie erfahren wollen, was Nate Romanowski angestellt hat, um den Zorn des FBI auf sich zu ziehen.

   
 

Jimmy Breslin: Die gute Ratte (The Good Rat, 2008). Sachbuch. Deutsch von Bärbel Knill. Weinheim: Wiley-VCH 2009. 255 Seiten. € 17,95.

Jimmy Breslin, der am heutigen Samstag 79 Jahre alt wird, ist eine Legende des amerikanischen Journalismus. Das weiß ich allerdings erst, seit ich in Vorbereitung dieser Besprechung die bekannten Quellen des weltweiten Netzes zu Rate zog, denn im Gegensatz zu Autoren wie Tom Wolfe, Gay Talese und Hunter S. Thompson, mit denen er seit Beginn der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts einen subjektiven Reportagestil kultivierte, der später das Label "new journalism" verpasst bekommen sollte, blieb Breslin hierzulande weitgehend unbekannt. Und es ist zu befürchten, dass die deutsche Ausgabe seines Abgesangs auf die amerikanische Mafia, "Die gute Ratte", diesen bedauerlichen Umstand nicht ändern wird. Doch dazu später.
Berühmt wurde Jimmy Breslin durch seinen Bericht von der Bestattung John F. Kennedys, bei dem er seine Aufmerksamkeit vor allem auf den Totengräber richtete. Damit ist schon ein Wesensmerkmal des "neuen Journalismus" genannt, nämlich die Konzentration auf die Geschichten abseits der großen Schlagzeilen. Auch in "Die gute Ratte" widmet Breslin ein bewegendes Kapitel der Biografie eines Menschen, der mit den Mafiosi, von denen das Buch handelt, nichts zu tun hatte, aber aufgrund einer Verwechslung von ihnen umgebracht wurde. Wir erfahren, dass der junge Nicky Guido gut zu seiner Mutter war, dass er immer für einen Vierteldollar Softeis kaufte und dass er gerne auf seinem Fahrrad durchs Viertel fuhr. Wir lesen auch, dass er später Feuerwehrmann wurde. Und dass er "als der Held, der er immer sein wollte", starb. Nun erregt heute, da sich schon Volontäre in der Produktion alltagsgesättigter Prosa üben, ein solcher Reportagestil kein Aufsehen mehr, doch Respekt nötigt das Können eines Altmeisters wie Jimmy Breslin seinen Lesern noch immer ab.
Mit dem zweiten Markenzeichen des "new journalism" ist es allerdings nicht so einfach. Wer auch immer irgendwann entschieden hat, dass der Reporter seine eigene Person mindestens so wichtig nehmen dürfe wie die Geschichte selbst, hat eine Menge zu verantworten. Vielleicht ist es ja albern, das Personalpronomen "ich" in journalistischen Texten krampfhaft vermeiden zu wollen - Ihr Rezensent tut's ja auch nicht -, doch eine sparsame Verwendung wäre vor allem für Autoren, die nicht unter einem Minderwertigkeitskomplex leiden, ratsam. Und Jimmy Breslins Ego ist riesengroß. Eine Kostprobe gefällig: "Später, als David Berkowitz (der als 'Son of Sam' berüchtigte Serienkiller. JF) mir einen Brief schrieb, fragte man mich, warum dieser gefährliche Wahnsinnige ausgerechnet mir schrieb. Ich rief aus: 'Wem sonst sollte er schreiben?'"
Aber um Berkowitz geht es in Die gute Ratte nur am Rande. Im Mittelpunkt stehen die Aussagen des Gangsters Burton Kaplan, der als Kronzeuge auftrat und so dafür sorgte, dass zwei Mafia-Killer (und hauptberufliche Polizisten) zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Das Buch besteht konsequenterweise aus Gerichtsprotokollen und den Geschichten, die Breslin, der seit den sechziger Jahren enge, aber nicht ungefährliche Kontakte zu den Protagonisten des organisierten Verbrechens unterhält, selbst beisteuern kann.
Die zentrale These des Autors lautet: Die Mafia ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie ist zum Opfer ihrer eigenen Mythen geworden. Nicht nur, dass viele früher lukrative, weil illegale Geschäftszweige wie das Glücksspiel erfolgreich von anderen, zum Beispiel vom amerikanischen Staat, übernommen worden seien; die Tatsache, dass ein führendes Mafiamitglied die Omertá, das Schweigegebot, missachtet, zeige, dass es mit der in zahllosen Filmen und Büchern romantisierten Verbrecherorganisation zu Ende geht. Mit dem Verbrechen an sich natürlich nicht, daran lässt Breslin keinen Zweifel.
The Good Rat erschien im vergangenen Jahr in den USA und erhielt teilweise begeisterte Kritiken. "Breslin", schrieb Ron Rosenbaum im Internet-Magazin "Slate", "ist der größte Mafia-Autor in den USA." Einen seiner fein abgestimmten Sätze zu lesen, sei ein reines Vergnügen. Wie schön wäre es, ließe sich solches auch von der deutschen Ausgabe behaupten. Doch leider scheint die Übersetzerin von Breslins Stil überfordert gewesen zu sein und hat sich offenbar im Zweifelsfall entschieden, einfach die Syntax des Originals beizubehalten. Das liest sich dann zum Beispiel so: "Trotz John Gottis gewaltiger Zerstörungswut konnte niemand der Mafia deswegen etwas anhaben. Er brach die altehrwürdige New Yorker Rushhour-Regel, als er Paul Castellano genau währenddessen töten ließ. Das war dreist, und Gotti liebte das."
Man ahnt es schon. Wer wissen will, warum Jimmy Breslin in seiner Heimat hoch geschätzt wird (wenn auch nicht von seinem Kollegen Gay Talese, der ihn für einen Grobian hält, der diesen unschönen Charakterzug in ein Markenzeichen verwandelt habe), sollte in die Originalausgabe investieren. Dann versteht er vielleicht am Ende, warum von der Mafia und ihrem angeblichen Ehrenkodex nicht mehr viel übrig ist. Und findet in diesem Zusammenhang auch heraus, was es mit der geheimnisvollen "New Yorker Rushhour-Regel" auf sich hat.

   
 

Max Bronski: Nackige Engel. Kriminalroman. München: Kunstmann 2010. 205 Seiten. € 16,90.

Ein paar Weißbier zu viel können so manchen auf komische Ideen bringen. Wilhelm Gossec, der Trödler aus Münchens Schlachthofviertel und Gelegenheitsermittler in kriminellen Angelegenheiten, ist da keine Ausnahme. "Würde Hitler heute durch München marschieren, würde der überwiegende Teil der Passanten wieder den rechten Arm hochrecken", behauptet er gegenüber seinem Kumpel Julius und zögert auch nicht, den Beweis für diese steile These anzutreten. Flugs treibt er die passenden Klamotten auf, klebt sich ein Bärtchen unter die Nase und marschiert los. Dass er an diesem ungemütlich kalten Abend ausgerechnet auf ein Häuflein Neonazis treffen wird, die vor einem Kriegerdenkmal eine Mahnwache abhalten, kann er ja nicht ahnen. Die zeigen sich erwartungsgemäß erschrocken und reagieren genauso, wie es der trunkene Gossec den meisten Bewohnern der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" unterstellt hatte. Zu seinem Glück kann er sich unerkannt aus dem Staub machen, nur um am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen, dass man den Vorfall für eine Aktion des Kabarettisten Wolfertshofer hält, dem die getäuschten Hitlerjünger nun an den Kragen wollen. Gossec versucht ihn zu warnen, doch der professionelle Spötter lässt sich die Verwechslung gerne gefallen. Als er, wie es sich für einen anständigen Kriminalroman gehört, letztendlich doch einen gewaltsamen Tod erleidet, ist es natürlich unser Amateurdetektiv, der die Leiche findet. Dass ihm der mutmaßliche Mörder eins überzieht und er beinahe als Tatverdächtiger festgenommen wird, gehört ebenfalls zu den gängigen Bausteinen des Genres.
Überhaupt versteht sich der unter dem Pseudonym Max Bronski schreibende Münchener Autor auch im vielleicht letzten Band seiner Gossec-Reihe vorzüglich auf das Recycling bewährter Plotelemente. Das ist allerdings ganz und gar nicht negativ gemeint. Schließlich poliert Bronski seine Versatzstücke gehörig auf, bevor er sie in Dienst nimmt. Und weil er seinen Helden und Erzähler mit einer wunderbar lakonischen Sprache ausgestattet hat, die ebenso gut für selbstironische wie für leicht sentimentale Passagen funktioniert, ist auch Gossecs vierter Fall Nackige Engel ein Lesevergnügen.
Auch dass er Längen vermeidet, spricht unbedingt für den Autor. Gossecs Verwicklung in den Fall und dessen anschließende Aufklärung, die vom Ermittler - ein weiteres beliebtes Motiv - verlangt, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen, werden auf ungefähr 200 Seiten abgehandelt. Bei solch lobenswerter Selbstbeschränkung muss alles stimmen, und das tut es hier auch. Am Ende dieses bemerkenswerten Beispiels deutscher Krimikunstfertigkeit gibt Gossec den Münchener im Himmel. Hoffen wir, dass er nur träumt.

   
 

J. M. Calder: Wer keine Gnade kennt (If God Sleeps, 1997). Thriller. Deutsch von Anja Schünemann. Reinbek: rororo 2010. 381 Seiten. € 8,95.

Mit gewichtigen Zitaten von Voltaire bis W. H. Auden hat das unter dem Pseudonym J. M. Calder schreibende australische Autorenduo John Clanchy und Mark Henshaw seinen bereits 1997 im Original erschienenen Thriller If God Sleeps versehen, dessen deutsche Übersetzung nun unter dem reißerischen Titel Wer keine Gnade kennt auf Käufer wartet. Es geht um nichts Geringeres als die alte Frage von Schuld und Sühne. Doch große Themen sind keine Garantie für große Literatur. Und im vorliegenden Fall gelingt es den bemühten Verfassern allerdings noch nicht einmal, den Gerechtigkeitsdiskurs in einen halbwegs spannenden Krimi zu überführen.
In einer ungenannten amerikanischen Stadt werden drei ehemalige Strafgefangene jeweils kurz nach ihrer vorzeitigen Haftentlassung umgebracht. Die Männer haben sich allesamt besonders abscheulicher Verbrechen schuldig gemacht, sonst haben sie nichts gemeinsam. Doch die Mordwaffe ist dieselbe. Während Lieutenant Solomon Glass, eine charismatische Ermittlerfigur, deren Persönlichkeit wie auf dem Reißbrett entworfen wirkt, noch im Dunkeln tappt, bekommen wir Leser des Rätsels Lösung schon nach wenigen Kapiteln serviert. Die Täter gehören einer Selbsthilfegruppe für die Angehörigen der Opfer von Gewaltverbrechen an. Aus therapeutischen Gründen (und damit man ihnen nicht so rasch auf die Spur kommt), werden die Morde nie von den direkt Betroffenen verübt. Dafür müssen die Täter im Gruppengespräch detailliert berichten, wie sie die von der Justiz zu sanft behandelten Übeltäter zur Strecke gebracht haben. Dass irgendwann auch ein Richter wegen seiner milden Urteile dran glauben muss, ist da fast zwangsläufig. Für Glass und sein Team bedeutet dieser letzte Mord allerdings, dass sie ihre Fahndungsanstrengungen verdoppeln müssen.
Das zu beobachten ist für den informierten Leser ebenso enervierend wie langweilig. Zumal er sich die einzige offene Frage, wer nämlich die selbsternannten Richter und Henker wissen lässt, wann ein Straftäter frühzeitig aus der Haft entlassen wird, längst selbst beantworten kann.
Clanchy und Henshaw haben ihrem Helden Solomon Glass einige Jahre später einen zweiten Auftritt gegönnt. Der Nachfolger And Hope to Die erschien bereits im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung (Ich töte, was Du liebst) und wurde im Titel-Magazin von Nadja Israel zwar nicht gelobt, aber als "im glauserschen Sinne fuselspannend" beschrieben. Für Wer keine Gnade kennt wäre selbst dieses zweischneidige Prädikat eine unverdiente Schmeichelei.

   
 

Max Allan Collins: Der letzte Quarry (The Last Quarry, 2006). Roman. Deutsch von Maike Stein. Berlin: Hard Case Crime bei Rotbuch 2009. 187 Seiten. € 9,90.

Quarry schläft schlecht. Und er langweilt sich. Seit sechs Monaten arbeitet der frühere Profikiller als Manager einer Ferienanlage an einem See irgendwo in den Vereinigten Staaten. Quarry selbst sagt, es handle sich um den Sylvan Lake in Minnesota, fügt aber gleich hinzu, dass man seinen Angaben nicht trauen dürfe. Als ob wir Leser ihm die Polizei auf den Hals hetzen würden. Wir könnten ihm auch gar nichts nachweisen. Weder die vielen Morde, für die er von unbekannten Auftraggebern bezahlt wurde, noch den Umstand, dass er aus Rache "irgendwelche Politikerschweine, keine Mafiosi" umgebracht hat, denen er die Schuld am Tod seiner Frau gibt. Als das passierte, hatte Quarry sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt.
Jetzt kümmert er sich um Touristen. Den Job hat ihm ein alter Kriegskamerad verschafft. Doch die Saison ist vorüber, es gibt kaum noch etwas zu tun. Quarry beginnt, sich zu langweilen. Und, wie gesagt, er schläft schlecht.
All das erfahren wir auf den ersten Seiten von Max Allan Collins' Roman Der letzte Quarry, ein programmatischer Titel. Denn der Autor gönnt seinem merkwürdigen Helden ein Happy End. Aber davon später. Zunächst einmal muss etwas gegen die Schlafstörungen unternommen werden. Dafür braucht es einen schönen Zufall, und der ergibt sich beim nächtlichen Einkauf im Supermarkt, als Quarry seinen alten Bekannten Harry wiedersieht. Der erkennt ihn nicht, was auch gut so ist, schließlich stand das letzte Zusammentreffen der beiden unter keinem guten Stern. Harry ist bekanntermaßen schwul, weshalb Quarry sich fragt, für wen der dicke Mann wohl eine Packung Tampons erwirbt. Also folgt er ihm. Später in der Nacht ruhen Harry und sein Gefährte Louis im eiskalten See, während Quarry damit beschäftigt ist, das rotzfreche Kidnapping-Opfer der beiden ihrem reichen Daddy zurückzugeben. Natürlich nicht, ohne selbst ein entsprechendes Lösegeld zu kassieren. Schließlich mutiert ein Berufsverbrecher im Ruhestand nicht notwendigerweise zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft.
Oder etwa doch? Max Allan Collins, der den Profikiller bereits in den frühen siebziger Jahren während eines universitären Schreibworkshops erfand, hat offenbar Vergnügen daran, seinen moralisch zweifelhaften Protagonisten mit der sittlichen Verkommenheit eines scheinbar ehrbaren Bürgers zu konfrontieren. Und, was noch entscheidender ist, mit den erotischen Reizen einer schönen Frau. Denn im Unterschied zu Richard Starks Parker, dem Prototyp des professionellen Gangsters als Krimiheld, dessen Libido auf Null herunterfährt, wenn er einen Job zu erledigen hat, wird Quarry schwach, kommt ein bestimmter Typ Frau ins Spiel. "Etwas Menschliches", wie er bekennt, "das einen Vollidioten wie mich jedes Mal in die Klemme brachte." Den "Vollidioten" darf man übrigens nicht zu wörtlich nehmen. Mögen seine Gegner auch brutal und skrupellos sein, Quarry ist ihnen über. Mike-Hammer-mäßig knöpft er sich den Oberschurken und seine Helfer ausgerechnet auf einem Friedhof vor. Und kriegt am Ende die Frau, die er liebt.
Den "perversesten Abschluss", den er sich für Quarry vorstellen könne, nennt der Autor in seinem Nachwort dieses Happy End. Recht hat er. Aber weil Max Allan Collins hier offenbar mit den Regeln des Genres spielt, hat auch das seine Ordnung. Ganz ernst nehmen darf man diesen rasanten Reißer, den er aus zwei älteren Kurzgeschichten zusammengebaut hat, nämlich nicht. Aber warum sollen gestandene Profis des Metiers sich nicht einmal einen, zugegeben blutigen, Scherz erlauben.

   
 

Elly Griffiths: Totenpfad (The Crossing Place, 2009). Roman. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Reinbek: Wunderlich 2009. 316 Seiten. € 19,90.

In der Hoffnung auf angenehm altmodische Krimiunterhaltung beschritten wir frohgemut den Totenpfad und wurden zunächst auch nicht enttäuscht. Wir wunderten uns zwar ein wenig über Sinn und Zweck des bewusst rätselhaft gehaltenen Prologs, konnten uns aber dessen Vorhandensein rasch mit einem der ungeschriebenen Gesetze des Genres erklären, welches besagt, dass mysteriöse Vorausdeutungen Atmosphäre schaffen. Und warum sollte die Engländerin Elly Griffiths ausgerechnet in ihrem Krimidebüt mit bewährten Traditionen brechen? Nicht beantworten konnten wir uns allerdings die Frage, warum die Autorin ihre mythologisch grundierte Geschichte von Rache und Mord in einem irritierenden Präsens erzählt. Aber man muss ja auch nicht alles wissen.
Im ersten regulären Kapitel sollen wir die Hauptperson kennen und schätzen lernen. Ruth Galloway, eine sympathische Enddreißigerin, lehrt forensische Archäologie an der (fiktiven) Universität von King's Lynn in der englischen Grafschaft Norfolk. Sie liest Krimis von Ian Rankin, aber keine Zeitung, hört den BBC World Service und ist Atheistin. Ihr Haus befindet sich in einer einsamen Gegend, nämlich am Rande eines Salzmoors. Wer gerne nach Zeugnissen untergegangener Kulturen gräbt, ist hier sehr gut aufgehoben. Und als Setting für einen Kriminalroman mit leichten Gruselelementen eignet sich eine Gegend, in der vor 2000 Jahren wahrscheinlich Menschen geopfert wurden, ganz hervorragend.
Die Krimihandlung lässt nun auch nicht mehr lange auf sich warten. Schon gegen Ende des Kapitels tritt der raubauzige Kriminalist Harry Nelson auf den Plan. Er braucht die Hilfe der Expertin, um einen mysteriösen Knochenfund einordnen zu können. Seit zehn Jahren nämlich sucht er nach einem Mädchen, das damals spurlos verschwand. Dass Nelson in dieser Zeit eine ganze Reihe gehässiger Briefe mit kryptischen Hinweisen auf den Verbleib des Kindes zugeschickt wurden, ist mit dafür verantwortlich, dass er den Fall noch immer nicht zu den Akten gelegt hat. Doch die Knochen, die Ruth für ihn untersucht, stammen aus der Eisenzeit. Und dann verschwindet wieder ein Mädchen.
So weit, so mysteriös. Vom Klappentext bereits darüber informiert, dass der Täter sich ganz in Ruths Nähe befindet, zogen wir unsere Schlüsse, lasen mit mäßigem Interesse weiter und fanden unseren Verdacht bestätigt. Zwar sorgt die Autorin durch eine kleine Schleife in der Abwicklung des Plots noch für ein bisschen Aufregung und schickt unsere Heldin gegen Ende des Buches zum Showdown ins Moor, doch da waren wir schon nicht mehr richtig bei der Sache. Wenig überzeugend fanden wir auch die ausgesprochen konstruiert wirkende Motivlage.
Die Originalausgabe von Totenpfad erschien, wie die Übersetzung, erst im vergangenen Jahr. Aber der deutsche Verlag weiß bereits, dass sich "weitere Bände" in Vorbereitung befinden. Auf Elly Griffiths, der die Idee zur Figur der Ruth Galloway kam, "als ihr Mann seinen Job als Banker aufgab, um Archäologe zu werden" (Klappentext), kommt also eine Menge Arbeit zu. Ginge es nach uns, könnte sie stattdessen ruhig dem Gatten bei seinen Ausgrabungen zur Hand gehen.

   
 

Jarad Henry: Blutrote Nacht (Blood Sunset, 2008). Thriller. Deutsch von Ursula Walter. Berlin: Aufbau Taschenbuch 2010. 391 Seiten. € 9,95.

"In diesem Augenblick traf ich die Entscheidung", lässt uns der vom Dienst suspendierte Detective Rubens McCauley wissen. "Ich würde nach Melbourne zurückkehren, Dallas Boyds Mörder finden und dafür sorgen, dass Dallas und Rachel Gerechtigkeit widerfuhr."
Dies kommt für die Leser des australischen Thrillers Blutrote Nacht nicht überraschend, obwohl der wackere Ermittler noch knappe fünfzig Seiten zuvor "die Entscheidung, alles zu verdrängen", getroffen hatte. Allerdings befinden wir uns gerade ungefähr auf der Hälfte des Romans, und es wird noch knapp 120 Seiten dauern, bis McCauley auf die Frage seiner Kollegin Cassie, was er denn nun vorhabe, antworten wird: "Ich will ihn finden."
Dieser Wunsch geht im nächsten Kapitel in Erfüllung, allerdings anders, als es sich McCauley gedacht hat. Und bis der Fall vollständig aufgeklärt ist, füllt der Kriminologe noch weitere sechzig Seiten seines Debütromans mit einem als zusätzlicher Nervenkitzel gedachten Endspurt.
Denn wie es sich für einen zünftigen Thriller gehört, ist des Rätsels Lösung ein wenig komplizierter als vermutet, und unser Ermittler muss sich noch einmal in Lebensgefahr begeben, bevor er den wahren Mörder am Schlafittchen hat. Einfacher hat es da der routinierte Leser, dem eben jene Figur von Anfang an als der wahrscheinlichste Kandidat für die Rolle des Mannes mit dem Doppelleben verdächtig ist.
Blutrote Nacht also weist alle Ingredienzien auf, aus denen heutzutage genreübliches Lesefutter zubereitet wird. Ein aufrechter Polizist, der Ärger mit seinen Vorgesetzten hat und sein kompliziertes Privatleben kaum im Griff hat, klärt gegen alle Widerstände ein Gewaltverbrechen auf und bringt durch seine Ermittlungen auf der "dunklen Seite Australiens" (Klappentext) Ungeheuerliches ans Licht.
Der Vorteil eines literarischen Produktes dieser Güteklasse liegt allerdings darin, dass es durch die Übersetzung in ein merkwürdig synthetisch klingendes Deutsch, das mit Formulierungen wie "für den Moment" aufwartet, kaum Schaden nimmt.

   
 

Adrian Hyland: Outback Bastard (Diamond Dove, 2006). Roman. Deutsch von Peter Torberg. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009. 365 Seiten. € 8,95.

Emily Tempest hat die Welt gesehen. Doch was sie suchte, hat sie offenbar nicht gefunden. Also kehrt die junge Frau dahin zurück, wo sie als Kind glücklich war. Tief im australischen Outback ist sie bei der Moonlight-Sippe aufgewachsen, nachdem ihre Aborigine-Mutter gestorben war. Ihr Vater, ein weißer Wanderarbeiter und Goldsucher, hatte sie dort untergebracht. Und nun ist sie nach zehn Jahren Abwesenheit zurück, ohne genau zu wissen, was sie eigentlich hier, in einer Gegend, um die der zivilisatorische Prozess bislang einen Bogen gemacht zu haben scheint, überhaupt will. Zeit darüber nachzudenken, bleibt Emily allerdings nicht. Kurz nach ihrer Ankunft wird ihr alter Freund Lincoln Flinders, das von seinen eigenen Leuten, aber auch von den Weißen respektierte Oberhaupt der Gemeinschaft, brutal ermordet. Ein Verdächtiger ist auch sofort zur Hand: Blakie, ein ewig zorniger Einzelgänger, dem magische Kräfte nachgesagt werden. Doch Emily hat ihre Zweifel an dieser schnellen Lösung des Falles, obwohl sich der wilde, bärenstarke Zauberer durch Flucht der Verhaftung entzieht und so noch verdächtiger macht. Sie beginnt zu ermitteln und stößt rasch auf verdächtige Vorgänge, die mit den Wasser- und Weiderechten in der Region zu tun haben. Schließlich gibt es unter den weißen Farmern und Minenbesitzern einige, denen die Aborigines und ihre mühsam erstrittenen Ansprüche sehr im Wege sind.
Nun ist Emily Tempest zwar mutig und auch nicht auf den Mund gefallen, zum Detektiv taugt sie aber nur sehr bedingt. Wahrscheinlich hätte Napoleon Bonaparte, kurz "Bony", den sein Schöpfer Arthur W. Upfield (1888 - 1964) seit 1929 eine kaum übersehbare Anzahl von Morden im australischen Hinterland lösen ließ, die Sache um einiges schneller in den Griff bekommen. "Bony" - ältere Freunde des Genres werden sich noch an ihn erinnern, waren seine Fälle doch seit den späten Fünfzigern auch bei uns als Goldmann-Krimis weit verbreitet -  stammt ebenfalls zum Teil von Aborigines ab, ist aber ansonsten das krasse Gegenteil von Emily Tempest. Obwohl ihn seine Ermittlungen in die einsamsten Gegenden des australischen Kontinents führen, bleibt er der brillante Kriminalist in der Tradition der großen Detektivfiguren britischer Prägung. Immer makellos gekleidet und manchmal von einer bemerkenswerten Arroganz lässt Inspektor Bonaparte keinen Zweifel daran, dass er seinen Täter überführen wird. Emily Tempest dagegen folgt mit Leidenschaft falschen Fährten, um am Ende durch Zufall auf die wahren Hintergründe des Verbrechens zu stoßen. Und da ist es beinahe zu spät.
Diese Unzulänglichkeit aber ist es, die der Heldin in Adrian Hylands Roman Diamond Dove (dessen deutsche Ausgabe mit dem ebenso reißerischen wie blöden Titel Outback Bastard interessanterweise einen Raubvogel auf dem Cover zeigt) unsere Sympathien einbringt. Dazu trägt ebenso der manchmal schnoddrige, manchmal sentimentale, aber niemals kitschige Erzählton bei, in dem Hyland seine Protagonistin von ihren Abenteuern berichten lässt. (Und der vom Übersetzer Peter Torberg wunderbar ins Deutsche übertragen wurde.) Schließlich muss sich Emily auch noch in der männerdominierten Welt des Outbacks durchsetzen, und das ist kein Zuckerschlecken. Über weite Strecken hat Outback Bastard mehr von einem Western als von einer Detektivgeschichte, ein zünftiges Showdown am Ende eingeschlossen. Und das geht natürlich glücklich aus. Unverändert miserabel hingegen bleibt die Situation der Ur-Einwohner Australiens, die den realistischen Hintergrund der Handlung bildet. Daran lässt der Roman keinen Zweifel.

   
 

Susanne Jaspers: Trio mit Ziege. Kriminalroman. Luxemburg: Editions Saint Paul 2009. 245 Seiten. € 15,-.

Als Manfred Lehmann, Bürgermeister des kleinen Ortes Grünthal, eine Vermisstenanzeige für seine Haushaltshilfe Frau Bange aufgibt, staunt Wachtmeister Kröger nicht schlecht. Lehmann weiß nämlich weder, wie alt die verschwundene Dame ist, noch wie sie mit Vornamen heißt, obwohl sie bereits seit 15 Jahren in seinen Diensten steht. Ein Melderegister, dem man solche Daten entnehmen könnte, scheint in Grünthal auch nicht zu existieren, kein Wunder, bei einem solchen Verwaltungschef. Der ist übrigens ziemlich genau über den Aufenthaltsort von Frau Bange informiert, war er doch selbst an der Zwischenlagerung ihrer Leiche in Metzgermeister Schwanes Kühlhaus beteiligt.
Wie es dazu kommen konnte, beschreibt mit deutlicher Freude am makabren Detail die Wahl-Luxemburgerin Susanne Jaspers in ihrem Debütroman Trio mit Ziege. In Grünthal geht nämlich ein psychopathischer Mörder um, der es nicht nur auf Menschen, sondern auch auf die Ziegen des Käsereibetreibers Wim van Hout abgesehen zu haben scheint. Da fließt das Blut in Strömen, während die örtlichen Honoratioren sich immer mehr in ihren hilflosen Vertuschungsaktionen verstricken und dabei Sätze wie die folgenden von sich geben: "Aber wenn wir Spuren hinterlassen haben? Was ist, wenn sie unsere Fingerabdrücke finden? Ach herrje, ich stehe das nicht durch. Und dabei muss ich bei den Feierlichkeiten auch noch im Auftrag der Gemeinde Schwenksteaks grillen."
Man sieht, es ist ein rechter Krimi-Klamauk, den uns Frau Jaspers hier auftischt. Auf ihre Kosten kommen Leser, deren Faible für blutrünstige Dorfpossen mangels passender Angebote bislang unbefriedigt geblieben ist.

   
 

Tamás Kiss: Früher im Licht. Ein sel noir Krimi. Zürich: Salis 2009. 320 Seiten. € 16,90.

Kurz bevor er einen Doppelmord aufklären kann, wird Kommissar Varga von der Zürcher Kriminalpolizei in den Kopf geschossen. Nun liegt er im Koma auf der Intensivstation des Universitätsspitals. Laut ärztlichem Bericht zeigt er keine Reaktionen auf äußere Reize, doch sein Gehirn arbeitet noch. Und zwar an der endgültigen Lösung des Falles.  Das will uns zumindest das Krimidebüt des Schweizer Werbetexters Tamás Kiss, Früher im Licht, weismachen. Tatsächlich ist diese Ausgangssituation erzähltechnisch durchaus reizvoll, ermöglicht sie doch ein ganzes Potpourri von Erinnerungen zusammenzustellen, denen der sterbende Protagonist ausgesetzt ist. Im Falle von Varga sind das vor allem Bilder aus seiner Kindheit in Ungarn, das er nach dem gescheiterten Aufstand von 1956 mit seinem Vater verlassen musste. In der Schweiz allerdings, wohin es den Jungen verschlagen hat, scheint der Cola trinkende Ermittler mit dem ewigen Hunger auf Süßigkeiten nie richtig angekommen zu sein.
So entsteht ein komplexes Charakterbild, das jedoch angesichts der wenig befriedigenden Kriminalgeschichte, die hier zum Besten gegeben wird, fast wie Verschwendung wirkt. Marco Kistler, 33 Jahre alt und bis vor kurzem führendes Mitglied einer rechtsextremen Partei, wird erschossen aufgefunden. Rasch stellt sich heraus, dass Kistler undurchsichtige Verbindungen nach Kuba unterhielt. Dann geschieht ein zweiter Mord. Und Varga muss nebst Assistentin Nowak nach Havanna fliegen, um seine Ermittlungen fortzusetzen. Hier kommt er, systembedingten Einschränkungen zum Trotz, einem sensationellen Biowaffen-Deal auf die Spur, bei dessen Abwicklung Kistler sein Leben lassen musste. Zur Aufklärung des Falles langt es dann leider nicht mehr, da Varga nach seiner Rückkehr in die Schweiz besagte Kugel trifft. Zwar verrät uns "sein Gehirn" noch eine Seite vor Schluss den Täter, doch um den  Ermittler, der durchaus das Zeug zu einem zünftigen Serienhelden hätte, ist es geschehen. So weit, so wirr.
Tamás Kiss, 1966 als Sohn eines Ungarnflüchtlings und einer Schweizerin geboren, hat, wie uns sein Verlag verrät, bereits mit 14 begeistert Dürrenmatts Der Richter und sein Henker gelesen. Seitdem mag er Krimis. Außerdem reist er gern und häufig nach Havanna. Wenn es ihm gelingt, all diese Dinge bei seinem nächsten Roman außer Acht zu lassen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass ein wirklich lesenswertes Buch dabei herauskommt. Denn schreiben kann der Mann.

   
 

Edith Kneifl: Schön tot. Ein Wien-Krimi. Innsbruck/Wien: Haymon 2009. 175 Seiten. € 17,90.

Das neue Buch der österreichischen Autorin und Psychoanalytikerin Edith Kneifl hat viel zu bieten. Hobbyköche finden im Anhang Rezepte zum Beispiel für Wiener Zwiebelrostbraten: "Das Fleisch am Teller anrichten, Saft übergießen und die knusprigen Zwiebelringe darüber geben. Den Rostbraten mit Braterdäpfeln und Fächergurke servieren." Touristisch Interessierte können sich an gepflegter Prosa wie aus dem Reiseprospekt erfreuen: "Das markante Gewölbe des Schlossgebäudes aus dem 14. Jahrhundert kam in dem neuen Design wundervoll zur Geltung. Die Gäste saßen in ferrariroten Lederfauteuils. Holzdielen und farbige Stoffdraperien vermittelten fast Wohnzimmeratmosphäre." Auch wer es gern erotisch hat, kommt auf seine Kosten: "Die Ungeduld meiner Haut, meiner Brüste, meiner Scham wurde von gewaltigen Hitzewellen begleitet. Mein ganzer Körper begann zu zittern, bis ich schließlich nur mehr reine Lust, nichts als Lust empfand."
Diese drei Beispiele sollten genügen, obwohl noch eine ganze Reihe weiterer interessanter Themen abgehandelt werden, von der Psychoanalyse bis zur neueren Geschichte der Wiener Gastronomie. ("Stephan Gergely und ich haben Anfang der 90-er Jahre das ‚Ethno-Food’ im Wiener Beisl eingeführt.")
Schade nur, dass dieses putzige, vom Verlag als "Wien-Krimi" annoncierte Sammelsurium von Anekdoten, Reklame und Kitsch als Kriminalroman überhaupt nicht funktioniert. Das Elend beginnt mit der Heldin des Buches, einer studierten Kellnerin Ende dreißig, die von ihrer Erfinderin nicht nur mit einem ausgesprochen originellen Namen, sondern auch mit einer bemerkenswerten Biografie, auf deren Nacherzählung ich hier verzichten möchte, ausgestattet wurde. Die Dame ist eine selbstverliebte Plaudertasche, deren Mitteilungsbedürfnis so umfassend ist, dass der öde Plot um einen mutmaßlichen Serienmörder, der im Wiener Viertel Margareten junge Frauen abschlachtet, darüber gelegentlich ins Vergessen gerät. Und das ist angesichts eines an sich erfreulich knappen Buchumfangs von ungefähr 160 Seiten schon eine Leistung.
Die Lektüre aber auch. Zum Beweis ein letztes, durchaus repräsentatives Zitat von Seite 104. "Abends war das Café Cuadro ein Treffpunkt für Künstler, Freiberufler und Schwule. In der Früh war unser Publikum gemischter. Unser Bio-Frühstück mit all den gesunden Säftchen war vor allem bei Müttern mit Kleinkindern beliebt." Wer solche Informationen schätzt, sollte das Buch unbedingt erwerben.

   
 

Richard Kunzmann: Blutige Ernte (Bloody Harvests, 2004). Thriller. Aus dem Englischen von Silvia Visinini. München: Knaur 2009. 508 Seiten. € 8,95.

Umgerechnet 40 Milliarden Euro, so war neulich in einer Zeitung zu lesen, habe die südafrikanische Regierung im Zusammenhang mit der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft seit 2006 in die Infrastruktur des Landes gesteckt. Doch hinter den modernen Fassaden, auch das wusste das Blatt zu berichten, brodele weiterhin die Armut. In Ramaphosaville, einem Elendsviertel am Rande der Metropole Johannesburg, gebe es gerade vier öffentliche Wasserhähne für 25.000 in Blechhütten untergebrachte Bewohner.
Es hat sich also nicht viel geändert an den Zuständen, die der 1976 in Namibia geborene Schriftsteller Richard Kunzmann in seinem 2004 erschienenen Krimidebüt, das jetzt unter dem Titel Blutige Ernte in deutscher Übersetzung vorliegt, beschreibt: Ponte City, ein monströses "Gebäude aus unverputztem Beton", das die Skyline Johannesburgs überragt, besteht aus "zahllosen, um eine Mittelachse angeordneten Wohnungen". Hier hausen die Ärmsten der Armen. "Prostituierte leben wie Vieh in winzigen Zimmern zusammengepfercht, durch von der Decke hängende Handtücher voneinander getrennt, und Scharen illegaler Einwanderer rufen einander beim Aufhängen ihrer armseligen Lumpen an den Fenstern über die dunkle Leere unter ihnen hinweg den neuesten Klatsch zu." Doch im obersten Stockwerk des Hochhauskomplexes befindet sich eine luxuriös ausgestattete Wohnung. Hier residiert "der Albino", ein aus Nigeria stammender Gangsterboss, der sein Drogenimperium mit brutaler Gewalt und schwarzer Magie regiert. Denn in den Augen der unter erbärmlichen Bedingungen lebenden schwarzen Bevölkerung verfügt der skrupellose Manipulator mit der sonnenempfindlichen hellen Haut über okkulte Fähigkeiten. Und das verschafft ihm Respekt.
Um harmlosen Hokuspokus handelt es sich bei diesen Zauberpraktiken übrigens nicht. Besondere magische Kraft wird menschlichen Organen zugeschrieben, und um diese zu beschaffen, schrecken "der Albino" und seine Helfershelfer auch vor Entführung und Mord nicht zurück. Die Opfer sind vor allem junge Mädchen, da deren Körperteile als besonders wirksam gelten. Detective Jacob Tshabalala befürchtet also Schlimmstes, als eine ausgeblutete Mädchenleiche gefunden wird, der zudem die inneren Organe entnommen wurden. Der schwarze Polizist stammt aus einer Familie, in der die Beschäftigung mit dem Übernatürlichen Tradition hat. Sein weißer Kollege Harry Mason will davon nichts wissen. Er vermutet, dass hier ein Serienmörder am Werk war. Auch Mason hat persönliche Gründe für sein Verhalten, von denen sein Partner nichts weiß. Ein traumatisches Erlebnis während seiner Kindheit in England beschert ihm noch immer Albträume.
Man kann sich also vorstellen, dass die Zusammenarbeit der beiden Kriminalisten nicht konfliktfrei verläuft. Und dies ist angesichts eines schwer fassbaren Gegners, von dessen Existenz sie zunächst nichts ahnen, ziemlich problematisch. Ironischerweise ist es ausgerechnet der rassistische Polizist Mitchell von der Abteilung Okkultes, der den Verdacht in die richtige Richtung lenkt. Diesem moralisch zweifelhaften Ermittler könnte man sich übrigens gut in einer prominenteren Rolle vorstellen. Doch Kunzmann hat offenbar Figuren mit einem höheren Identifikationspotential den Vorzug gegeben. Sowohl Mason als auch Tshabalala sind integre Charaktere, deren persönliches Schicksal berührt. Während Harry Mason ständig unter einem schlechten Gewissen leidet, weil er Frau und Tochter vernachlässigt, ringt Jacob Tshabalala mit der Kultur seines Volkes. Indem er Polizist wurde, anstatt seinem Vater, einem berühmten Heiler, nachzufolgen, hat er sich der Familientradition verweigert.
Man kennt solche Konstellationen aus anderen Kriminalromanen. Dass sich das Gefühl, wieder einmal altgediente Klischees serviert zu bekommen, nur selten einstellt, ist der eindrucksvollen Schilderung des Umfelds geschuldet, in dem Kunzmann seine Protagonisten ermitteln lässt. Und glaubt man Berichten, wie dem zu Anfang zitierten, ist zu befürchten, dass es sich durchaus um eine realistische Darstellung handelt. Sinnvoll scheint dem Rezensenten auch die Entscheidung, den Roman im Präsens zu erzählen, verleiht dieses Tempus der Handlung doch eine Unmittelbarkeit, der man sich nur schwerlich entziehen kann. Dass ein beherztes Lektorat das Buch um mindestens hundert Seiten hätte entlasten können - manche Nebenhandlung scheint durchaus entbehrlich -, ist eine Feststellung, die auf viele zeitgenössische Kriminalromane zutrifft. Hingegen würde der in Sachen Okkultismus unbewanderte Leser durchaus von einem Glossar profitieren, in dem Ausdrücke wie "Muti", "Sangoma" oder "Baloyi" erklärt werden.

   
 

Moritz Wulf Lange: Kalter Abgrund. Dallingers zweiter Fall. Roman. Berlin: Bloomsbury 2010.286 Seiten. € 14,90.

Was in Kalter Abgrund, dem zweiten Kriminalroman des Berliner Autors Moritz Wulf Lange, geschieht, ist rasch zusammengefasst. Michael Dallinger, ehemals Musiker und jetzt Privatdetektiv, kommt es merkwürdig vor, dass seine Ex-Freundin Ina Selbstmord begangen haben soll. Zudem quält ihn ein schlechtes Gewissen, hat er doch zu spät reagiert, als sie offensichtlich in Schwierigkeiten steckte und ihn um Hilfe bat. Also beginnt Dallinger, unterstützt von einem pensionierten Kriminalbeamten, zu ermitteln, stößt bald auf Ungereimtheiten und kann schließlich mit Täter und Motiv aufwarten.
Lange erzählt diese Geschichte, unterbrochen von einigen Rückblenden, chronologisch. Zu Beginn des Romans wählt er für einige Kapitel die Perspektive des späteren Opfers, später übernimmt er durchgehend die Sichtweise seines Protagonisten. Dabei bevorzugt er einen parataktischen Stil, der auf die Dauer ziemlich ermüdend wirkt. Manchmal bemüht sich Lange, so etwas wie Atmosphäre zu schaffen. Dann lässt er Dallinger zu Beuteltee greifen, dessen Haltbarkeitsdatum längst abgelaufen ist. Oder er schickt ihn von heftigem Harndrang getrieben in den Innenhof eines offenbar luxusrenovierten Häuserkomplexes, wo er sich im "Schatten der Mülltonnen" erleichtern darf.
Doch leider gelingt es dem Autor nicht, dauerhaftes Interesse an seinem Ermittler zu wecken. Auch die Nebenhandlung um Dallingers aktuelle Freundin Anke, die er, von seinen Nachforschungen übermäßig in Anspruch genommen, immer wieder versetzt, verleiht dem Roman keinen zusätzlichen Reiz. Eher fragt sich der Leser, was der Detektiv eigentlich an der Dame findet. Und sie an ihm. Ein sonderlich charismatischer Typ ist er nämlich nicht. Das könnte man, angesichts der vielen enervierend skurrilen Figuren, die momentan unsere Kriminalliteratur bevölkern, als gutes Zeichen deuten, würde es dem Autor gelingen, diesem Mann ohne besondere Eigenschaften sprachlich gerecht zu werden. Doch das hätte dessen konsequente Demontage bedeutet.
Aber vielleicht ist diese Perspektive bereits angedeutet, wenn es am Ende des Romans, der als zweiter Band einer Reihe eine Fortsetzung erwarten lässt, in grandioser Selbstverkennung heißt: "Aber vielleicht war von seinem Leben noch etwas zu retten. Jetzt würde er sich um Anke kümmern. Es war ein gutes Gefühl."

   
 

Ed McBain: Die Gosse und das Grab (I'm Cannon - for Hire, 1958. Unter dem anderen Pseudonym Curt Cannon: The Gutter and the Grave, 2005). Roman. Deutsch und mit einem Nachwort von Andreas C. Knigge. Berlin: Rotbuch (Hard Case Crime) 2009. 220 Seiten. 9,90. 

Wer nur die Romane um das 87. Polizeirevier kennt, die Salvatore Alberto Lombino (1926 - 2005) unter seinem wohl bekanntesten Pseudonym Ed McBain verfasste, wird vielleicht überrascht sein, dass dieser große amerikanische Erzähler auch als Autor eines bemerkenswert durchschnittlichen Reißers um einen ebenso hartgesottenen wie sentimentalen Privatschnüffler in Erscheinung getreten ist. Matt Cordell heißt der Mann, dem das Schicksal in einem Abwasch die Lizenz und die Frau seines Lebens genommen hat. Nun gilt sein Interesse vor allem dem Alkohol, Aufträge nimmt er nur noch gelegentlich an.
Als Evan Hunter hatte Ed McBain seit 1953 eine ganze Serie von Kurzgeschichten veröffentlicht, in denen Cordell die Hauptrolle spielt. Glaubt man der "Mammoth Encyclopedia of Modern Crime Fiction", galten sie als die härtesten und schockierendsten Privatermittler-Storys nach Spillanes Mike-Hammer-Abenteuern. 1958 erschienen die Geschichten in dem Sammelband I like 'em tough und aus Cordell wurde Curt Cannon, der nun auch als Autor herhalten musste. So auch im einzigen Roman der Reihe, "I’m Cannon - for hire", der ebenfalls 1958 erschien und nun unter dem Titel Die Gosse und das Grab in Rotbuchs Hard-Case-Crime-Reihe neu übersetzt vorliegt. Wie sich dem informativen Nachwort des Übersetzers Andreas C. Knigge entnehmen lässt, kam eine stark gekürzte erste deutsche Ausgabe bereits ein Jahr nach dem Erscheinen des Originals als Tödliche Lügen auf den Markt.
Die Gosse und das Grab liest sich, als ob Plot und Personal einem Bausatz für die Anfertigung harter Detektivromane der vierziger und fünfziger Jahre entnommen wären. Widerwillig nimmt der Ermittler den Auftrag eines alten Freundes an, der befürchtet, dass sein Geschäftspartner ab und an in die Kasse greift. Dummerweise ist der zu diesem Zeitpunkt bereits mausetot. Jemand hat ihn erschossen und an der Wand hinter der Leiche mit Kreide die Initialen des jetzigen Alleininhabers notiert, so dass dieser folgerichtig als Hauptverdächtiger festgenommen wird. Polizisten verfallen in Romanen dieses Schlages immer auf die nächstliegende Lösung. Nicht so natürlich unser Detektiv, der hier wieder Cordell heißen darf und sich umgehend auf die Suche nach dem wahren Täter begibt. Dabei macht er die Bekanntschaft einiger attraktiver Damen und gewalttätiger Herren. Es wird viel getrunken. Auf erotische Nächte folgen wüste Prügeleien, aus denen Cordell zwar stark blessiert, aber ansonsten unbeeindruckt hervorgeht. Die berühmte Szene, in der sich der Held trotz schwerster Verletzungen mühevoll ankleidet und das sichere Krankenzimmer humpelnd verlässt, um seine Ermittlungen zum Abschluss zu bringen, darf ebenso wenig fehlen wie die schmerzliche Entlarvung des wahren Täters. Wer sich für genrespezifische Forschungen erwärmen kann, dem sei ein Vergleich mit dem berüchtigten Schluss von Spillanes "Ich, der Richter" empfohlen. Im Unterschied zu Mike Hammer haben wir es bei Matt Cordell durchaus mit einem gebrochenen Charakter zu tun: "Ich nahm noch einen Schluck. Es war verdammt heiß, und ich fühlte mich allein. Ich fühlte mich verdammt allein."
Genrehistorisch betrachtet, ist die Veröffentlichung dieses Romans unbedingt verdienstvoll, erkennen wir doch in Matt Cordell einen der Vorläufer von Lawrence Blocks alkoholabhängigem Ermittler Matthew Scudder. Als Lesevergnügen allerdings taugt Die Gosse und das Grab nur bedingt.

   
 

Brian McGilloway: Borderlands (Borderlands, 2007). Roman. Deutsch von Alice Jakubeit. Köln: Dumont Taschenbuch 2010. 286 Seiten. € 8,95.
Brian McGilloway: Eine Leiche macht noch keinen Sommer (Gallows Lane, 2008). Roman. Deutsch von Alice Jakubeit. Köln: Dumont 2010. 318 Seiten. € 19,95.

Declan 'Decko' O'Kane ist so einer. Am Anfang standen Einbrüche und kleine Betrügereien. Später, da hatte er bereits die erste Gefängnisstrafe abgesessen, verlegte er sich aufs Drogengeschäft. Dann war er plötzlich für einige Monate verschwunden. Als er wieder auftauchte, hatte er genug Geld, um fünf Gebrauchtwagen zu erwerben, die er mit Gewinn wieder abstoßen konnte. Und "heute, sieben Jahre später, standen auf Deckos Gelände über dreihundert Autos, und er beschäftigte sechs Verkäufer". Doch so viel Geld er auch scheffelt: Für die Honoratioren im irischen County Donegal bleibt er "ein kleiner Drogenhändler, der zu Geld gekommen war". Dabei unterscheidet sich Decko nur durch sein Auftreten, "eine seltsame Mischung von Protz und Ungeschliffenheit", von jenen Zeitgenossen, denen außer ihrem Reichtum auch noch der Respekt der so genannten "besseren Gesellschaft" vergönnt ist. Denn ein großes Vermögen - diesen Eindruck vermittelt zumindest die Lektüre der ersten beiden Kriminalromane des nordirischen Autors Brian McGilloway - lässt sich nur schwer auf völlig legalem Wege erwerben. Und irgendwann fordert das Verbrechen, dessen Ertrag den Grundstock zu dem späteren Wohlstand legte, seinen blutigen Tribut.
Bei McGilloway sind dies jeweils zunächst mysteriös erscheinende Mordserien, deren Aufklärung Detective Inspector Benedict Devlin von der Polizei in Lifford, dem Verwaltungssitz Donegals, die üblichen Schwierigkeiten bereitet. Ärger mit Kollegen und Vorgesetzten, Probleme mit der Ehefrau und eine brisante Ermittlungssituation sorgen dafür, dass dem "sympathischen" (Klappentext) Kriminalisten manch schlaflose Nacht beschieden ist. Man kennt das. Kaum ein zeitgenössischer Spannungsroman traut sich, mit einem fiesen Ermittler aufzuwarten, der mit einem gesunden Schlaf gesegnet ist. Was Devlin allerdings von seinen Kollegen unterscheidet, ist die vollkommene Abwesenheit von Charisma. Kein skurriler Charakterzug, kein ausgeprägtes Laster, vom Rauchen einmal abgesehen, und keine merkwürdigen Angewohnheiten lenken von der Polizeiarbeit ab. Das könnte ganz erfrischend sein, hätte sich McGilloway nicht entschieden, diesen farblosen Helden selbst zum Erzähler seiner Abenteuer zu machen. Denn die Ich-Perspektive scheint mir, neben der nicht immer sehr eleganten Übersetzung, für den manchmal arg bürokratisch anmutenden Stil der Berichterstattung verantwortlich zu sein.
Dabei bietet allein der Handlungsraum der Romane ein großartiges Potenzial. Donegal, die nördlichste Grafschaft der Republik Irland, grenzt an das zum Vereinigten Königreich gehörende Nordirland. Devlins Fälle ereignen sich im Grenzgebiet und erfordern die Zusammenarbeit mit einer Polizeitruppe, die noch bis vor einigen Jahren bei irischen Nationalisten als Herrschaftsinstrument der britischen Besatzer verschrien war. Zwar herrscht in der vormaligen "Unruheprovinz" inzwischen ein, wenn auch wackliger, Frieden, doch nicht alle der paramilitärischen Kämpfer auf beiden Seiten haben ihre Waffen endgültig abgelegt, manche haben sich auch dem lukrativeren gewöhnlichen Verbrechen zugewandt. Stoff genug also für gute Kriminalromane, die vielleicht mit Band 3 und 4 der Devlin-Reihe bereits vorliegen.
McGilloways Debüt Borderlands jedenfalls und auch der Nachfolger Gallows Lane- den albernen deutschen Titel können Sie in der bibliographischen Angabe nachlesen - lassen noch so manchen Wunsch offen.

   
 

Adrian McKinty: Der sichere Tod (Dead I Well May Be, 2003). Roman. Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann. Berlin: Suhrkamp 2010. 464 Seiten. € 9,95.

Eigentlich ist die IRA schuld. Hätten die republikanischen Terroristen nicht wieder einmal eine Bombe vor dem Belfaster Europa-Hotel gezündet, deren Detonation sämtliches Fensterglas in der näheren Umgebung zerstörte, wäre dem neunzehnjährigen Herumtreiber Michael Forsythe nicht angeboten worden, für ein paar Pfund beim Transport der Ersatzscheiben mitzuhelfen, sein Foto wäre nicht in der Zeitung erschienen und die missgünstige Nachbarin hätte ihn nicht beim Sozialamt denunziert, das ihm prompt die Unterstützung für ein Jahr strich. Was macht ein mittelloser, aber tatkräftiger Nordire Anfang der neunziger Jahre in einer solchen Situation? Er geht in die USA, wo hilfreiche Verwandte bereits für Arbeit und Quartier gesorgt haben.
In Michaels Fall ist es Kusine Leslie, die dem jungen Mann einen Job bei ihrem Schwager in New York besorgt. Nun ist Darkey White aber kein gewöhnlicher Arbeitgeber, sondern ein kleiner Gangsterboss, der immer ein paar zuverlässige Fäuste gebrauchen kann. Michaels Karriere bezahlter Schläger läuft zufriedenstellend an, doch als  er sich mit Darkeys Freundin Bridget einlässt, findet dieser schnell einen Weg, sich des unliebsamen Konkurrenten zu entledigen. Und plötzlich sitzt der Junge aus Belfast in einem hochgesicherten Gefängnis in Mexiko. Was ihn dorthin verschlagen hat und vor allem, wie er diesem ungastlichen Ort wieder entkommt, lässt man sich am besten von Michael Forsythe, dem Helden der "Dead-Trilogie" des aus Nordirland stammenden Autors Adrian McKinty, selbst berichten. Denn dieser Knabe verfügt nicht nur über ungeahnte Fähigkeiten, sich aus scheinbar aussichtslosen Situationen zu befreien, sondern ist auch ein begnadeter Erzähler mit einer überraschenden literarischen Bildung. So verwandelt sich ein Allerweltsplot - der Held wird gelinkt, kann aber der Falle entkommen und begibt sich auf einen Rachefeldzug - in einen ungewöhnlichen Entwicklungsroman, an dessen Ende aus dem naiven Neuankömmling ein skrupelloser Killer geworden sein wird.
Der sichere Tod ist der erste, nun in einer flüssigen deutschen Übersetzung vorliegende, Band der Trilogie, mit dem Adrian McKinty nicht nur eine bemerkenswerte Gangstergeschichte, sondern auch ein bitter ironisches Sittenbild vom unteren Rand der New Yorker Gesellschaft gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts gelungen ist. Da trifft man Figuren wie den Dominikaner Ramón, der ohne auch nur den Anflug eines schlechten Gewissens Crack an die Ärmsten der Armen verkaufen lässt und davon träumt, den Profit in legale Unternehmungen zu investieren. "Ich werde Vermieter sein. Vielleicht stelle ich mich als Abgeordneter zur Wahl. Ich möchte etwas tun für die Community hier", erklärt er dem entgeisterten Michael, dessen Rachegelüste ihm gut beim Ausbau seiner Marktposition zupasskommen.
So sieht sie aus, die Welt, in der es für einen Michael Forsythe immer etwas zu tun geben wird. Und anders als dieser wirkt sie beängstigend realistisch.

   
 

Kathryn Miller Haines: Miss Winters Hang zum Risiko. Miss Winters erster Fall (War Against Miss Winter, 2007). Roman. Deutsch von Kirsten Riesselmann. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009. 488 S. € 9,95.

Schauspielerinnen ohne Engagement gibt es viele im New York des Jahres 1943. Es ist Krieg, und am Broadway sind Rollenangebote Mangelware. Auch Rosie Winter hat seit einem halben Jahr nicht mehr auf der Bühne gestanden. Also jobbt sie im Büro des Privatdetektivs Jim McCain. Der hat zwar schon eine Sekretärin, doch die scheint eher für andere Aufgaben zuständig zu sein. Der Alltag in der Detektei hat wenig mit dem zu tun, was sich die fantasiebegabte Rosie als eifrige Leserin von Groschenheftchen immer vorgestellt hatte. McCain verdient seine Brötchen vor allem mit der Überwachung untreuer Ehemänner. Es gibt aber auch Klienten, die das Büro nur über die Feuerleiter erreichen, zwielichtige Gestalten, über deren Anliegen keine Akten angelegt werden.
Doch Rosie Winters Langeweile ist ein abruptes Ende beschieden. Wie es sich für einen Kriminalroman, dessen ästhetisches Prinzip der spielerische Umgang mit den Mustern des klassischen Detektivromans amerikanischer Prägung ist, gehört, dauert es keine acht Seiten, bis unsere Heldin auf die Leiche ihres Arbeitsgebers stößt. Diese hängt im Schrank, mittels eines Telefonkabels an der Kleiderstange aufgeknüpft.
Das war Mord, weiß die künftige Amateurermittlerin, während die Polizei, auch das kennen wir zu gut, auf Selbsttötung entscheidet. Und der entschieden unsympathische Lieutenant Schmidt lässt keinen Zweifel daran, dass es ihm gar nicht in den Kram passen würde, wenn jemand anderer Meinung sein sollte. Doch solche Drohungen stacheln Rosies Neugier erst so richtig an. Bald findet sie heraus, dass McCain einem geheimnisvollen Bühnenmanuskript auf der Spur war, an dem noch eine Reihe anderer, in ihren Methoden nicht zimperliche Parteien interessiert sind. Wie weiland der Malteserfalke entwickelt sich das verschwundene Theaterstück zu einem veritablen McGuffin, um den sich die nicht ganz unkomplizierte Handlung dieses mit allerlei postmodernen Erzähltricks aufgemöbelten Kriminalromans rankt. Das ist ganz clever gemacht und sorgt für eine recht kurzweilige Lektüre der immerhin fast 500 Seiten bis zum halbwegs glücklichen Ende.
The War Against Miss Winter ist das Romandebüt der studierten Theaterwissenschaftlerin Kathryn Miller Haines. (Der deutsche Titel Miss Winters Hang zum Risiko scheint mir in seiner deutlichen Orientierung an Peter Hoegs Bestseller Fräulein Smillas Gefühl für Schnee ziemlich peinlich.) Im  kunterbunten neuen Krimiprogramm des Suhrkamp Verlags ist das Buch offenbar als Angebot für ein eher nostalgisch gestimmtes Lesepublikum gedacht, dem man mit kleinen literarischen Spielereien eine Freude machen kann. Der Untertitel "Rosie Winters erster Fall" lässt vermuten, dass es nicht bei diesem einen Auftritt bleiben wird und die beiden, in den USA bereits erschienenen, Folgebände mit weiteren Abenteuern der wortgewandten Hobby-Detektivin ebenfalls übersetzt werden.

   
 

Jo Nesbø: Leopard (Panserhjerte, 2009). Roman. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries. Berlin: Ullstein Verlag 2010. 699 Seiten. € 21,95.

Dass hinter einer Mordserie nicht notwendigerweise ein Serienmörder stecken muss, weiß in Norwegen "jeder halbwegs erfahrene Mordermittler". Der Kriminalist Eriksen ist da keine Ausnahme. "Damals dachten auch alle, es wäre ein Serienmörder in Oslo unterwegs", belehrt er einen vorwitzigen Polizeieleven. "Als sie den Täter fanden, stellte sich heraus, dass er nur ein Motiv für den dritten Mord hatte. Da er aber wusste, dass er in Verdacht geraten würde, wenn nur diese eine Frau getötet hätte, tötete er auch die anderen. Es sah aus, als wäre ein geisteskranker Serienmörder unterwegs." Dieser Fall sei zur Legende geworden, erklärt uns kurz darauf der Erzähler, ebenso wie der, der ihn gelöst hatte. Und bei diesem genialen Ermittler handelt es sich selbstredend um niemand anderen als Harry Hole, den Experten für bizarre Morde, der in Jo Nesbøs umfänglichem Kriminalroman Leopard seinen achten Auftritt hat.
Nun erinnert sich unsereiner auch an ähnlich gelagerte Fälle. Allerdings nicht, weil sie uns auf einer norwegischen Polizeischule als "Musterbeispiel" nahegebracht worden wären. Wir denken vielmehr an Cop Hater, Ed McBains 1956 im Original und 1964 in deutscher Übersetzung (Polizisten leben gefährlich) erschienenen ersten Roman über das 87. Polizeirevier. Steve Carella und seine Kollegen glauben sich einem psychopathischen Killer, der von einem krankhaften Hass auf Polizisten getrieben ist, auf der Spur, um dann feststellen zu müssen, dass es sich um ein Tarnmanöver für einen geplanten Mord handelte. Eine Plotidee, die so verführerisch ist, dass sie 33 Jahre später von der Autorin Paula Gosling in ihrem Roman Backlash (deutsch Der Polizistenkiller, 1990) noch einmal verwendet wurde. Sie wird nicht die Einzige geblieben sein.
Zu bezweifeln wäre allerdings, dass solch elaborierte Mordpläne auch in der kriminellen Realität vorkommen. Vielmehr gehören sie, ebenso wie all die ausgeklügelten Pläne, unliebsame Mitmenschen ums Leben zu bringen, von denen die Kriminalliteratur seit ihren Anfängen zu erzählen weiß, als genrespezifische Strukturelemente in die Welt der Fiktion. Und diese sieht im Fall von Jo Nesbø folgendermaßen aus: Da gibt es zunächst einmal den brillanten Ermittler, der aber, wie man es seit den frühen Psychopathenkrimis James Ellroys kennt, von seiner ständigen Konfrontation mit dem Bösen gezeichnet sein muss. Harry Hole ist ein (in diesem Roman weitgehend trockener) Alkoholiker und gelegentlicher Opiumraucher, dem sein eigenes Leben wenig wert zu sein scheint. Leopard beginnt damit, dass er aus seinem Hongkonger Exil zurückgeholt werden muss, um dem Osloer Morddezernat seine Expertise bei der Aufklärung einer rätselhaften Mordserie zur Verfügung zu stellen. Dass sich zu der attraktiven Kollegin, die mit dieser Mission betraut worden ist, ein engeres Verhältnis entwickelt, ist ebenso unausweichlich wie der Umstand, dass die Dame noch andere Verpflichtungen hat. Denn innerhalb des Polizeiapparates gibt es eine ungute Konkurrenzsituation, die sich wenig förderlich auf die Suche nach dem Killer auswirkt. Was diese angeht, so kommt es schon bald nach der Ankunft Harry Holes in der Heimat zu den ersten handfesten Resultaten. Der "brillante Kommissar" (Klappentext) ist tatsächlich ein guter, weniger intuitiv als logisch vorgehender Ermittler, und wenn er nicht mehr weiterweiß, muss eine ehemalige Kollegin, die aufgrund einer offenbar eher milden Geisteskrankheit in einem Sanatorium einsitzt, das Internet konsultieren, wo offenbar alle Informationen zu finden sind, die das Polizistenherz begehrt. (Eine Studie, die die handlungstragende Rolle des weltweiten Netzes in zeitgenössischen Kriminalromanen untersucht, käme sicherlich zu bemerkenswerten Ergebnissen.)
Kommen wir zum Mörder. Der ist, wie man es kennt, ein ausgemachter Sadist und befindet sich auf einem Rachefeldzug. Früh erlittene Verletzungen wollen gesühnt werden. Der Plural ist hier nicht ohne Grund gewählt worden, denn der Plot, den sich Nesbø ausgedacht hat, erweist sich auf bemerkenswerte Weise als doppelbödig. Das sorgt für einige Überraschungseffekte, zumal der Autor einen auktorialen Erzähler beschäftigt, der sein Wissen auf ausgesprochen ökonomische Art preisgibt. Anders als mancher seiner skandinavischen Schriftstellerkollegen verzichtet Nesbø weitgehend auf narratives Füllmaterial und kommt dennoch auf gut 700 Seiten. Viel Buch fürs Geld also. Wer sich ein Wochenende lang gut unterhalten möchte, ein Faible für exotische Mordinstrumente hat und den Typus des exzentrisch-genialen Ermittlers in einer milden zeitgenössischen Variante erleben möchte, wird hier bestens bedient. Große Kriminalliteratur ist das nicht unbedingt. Vielmehr scheint es so, als fänden die nicht selten zu Unrecht als "Häkelkrimi" verspotteten Detektivromane des so genannten "Goldenen Zeitalters" ausgerechnet in den beliebten düsteren Schmökern aus dem hohen Norden ihre legitimen Nachfolger.

   
 

P. D. James: Talking about Detective Fiction. Oxford: Bodleian Library 2009. 160 Seiten. € 16,00.

Literarischer Mord hält jung. Agatha Christie schrieb 1974 mit über 80 ihre letzte Detektivgeschichte. Auch ihre neuseeländische Kollegin Ngaio Marsh hatte das Pensionsalter weit überschritten, als sie 1982 ihren letzten Krimi vorlegte. Übertroffen werden die beiden Vertreterinnen des klassischen angelsächsischen Detektivromans allerdings von einer Dame, die bereits seit vielen Jahren als ihre legitime Nachfolgerin gilt. Phyllis Dorothy James, die vor beinahe einem halben Jahrhundert ihren Ermittler Adam Dalgliesh von Scotland Yard seinen ersten Fall lösen ließ (Cover her face, 1962, deutsch Ein Spiel zuviel) feiert in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag, und es besteht kein Anlass zu befürchten, dass ihre literarische Produktivität erschöpft sei, auch wenn ihre letzten Veröffentlichungen auf manche Leser wie Parodien des Genres wirkten.
Und schaut man sich die anderen Aktivitäten der alten Dame an, so kann man nur staunen. Seit sie 1991 in den Adelsstand erhoben wurde, sitzt sie für die Konservativen im House of Lords und nimmt ihre Aufgaben offenbar sehr ernst. Erst neulich konnte die britische Öffentlichkeit erleben, dass Baroness James of Holland Park um ein offenes Wort nicht verlegen ist, wenn ihr etwas gegen den Strich geht. Der Chef der BBC jedenfalls geriet ins Stammeln, als ihm die streitbare Dame in einer Radiodiskussion sein exorbitantes Jahresgehalt vorwarf und ganz nebenbei die mangelhafte Qualität so mancher Sendung der traditionsreichen Rundfunkanstalt kritisierte. Doch das ist nur ein Aspekt des modernen Britanniens, der ihren Unmut erregt.
Aber auch wer die konservative Grundeinstellung der Autorin nicht teilen mag, wird den präzisen sozialen Realismus, der die besten ihrer Romane auszeichnet, zu schätzen wissen. P. D. James stellt an einen guten Kriminalroman die gleichen Ansprüche wie an erzählende Literatur generell. Ihr Maßstab allerdings, das muss einschränkend gesagt werden, ist die realistische Romanliteratur des 19. Jahrhunderts. Jane Austen, Charles Dickens oder Charlotte Brontë sind Namen, die sie in ihrer just erschienenen kleinen Geschichte des Detektivromans englischer Prägung nennt. Talking about Detective Fiction ist ein ausgesprochen unterhaltsames und instruktives Büchlein.
Man könnte meinen, dass jemand wie P. D. James ein Loblied auf die Krimis des so genannten Goldenen Zeitalters des Kriminalromans zwischen 1920 und 1940 anstimmen würde, doch genau das ist nicht der Fall. Viele der berüchtigten Landhauskrimis seien von der großen Leserschaft inzwischen zu Recht vergessen und nur noch für die Historiker des Genres interessant. Sie versäumt es aber nicht, präzise zu analysieren, warum Autorinnen wie Christie, Marsh und Sayers heute noch immer populär sind, trotz der offenkundigen Schwächen in manchen ihrer Romane. So sei die Attraktivität der Lord-Peter-Romane von Dorothy Sayers weniger auf die nicht selten überkomplexen Plots zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Atmosphäre des Luxus, die von der Autorin übrigens bewusst kreiert wurde, um sich von den eigenen materiellen Nöten abzulenken.
Von den amerikanischen Klassikern schätzt P. D. James erwartungsgemäß die Romane Ross Macdonalds am meisten. Ein Ermittler wie Lew Archer zeichne sich durch ein großes Verständnis für die Abgründe menschlichen Leidens aus und sei in dieser Hinsicht einem säkularisierten Father Brown nicht unähnlich. Und, das darf man hinzufügen, ihrem eigenen Helden Dalgliesh ebenfalls nicht. So verblüfft es kaum, dass die Romane Dashiell Hammetts, in denen der unterkühlte Continental Op ermittelt, bei aller Bewunderung für die literarische Leistung ihres Autors eher leidenschaftslos abgehandelt werden. Und wenn sie Hammetts Verfolgung durch McCarthys Kommunistenjäger erwähnt, so scheint es fast, als ob dieser die sechs Monate Gefängnis wegen Aussageverweigerung verdient hätte. Warum war er auch so unkooperativ, als man ihn aufforderte, Beweise gegen seine früheren Genossen zu liefern? Stellen wie diese lassen den Konservativismus von P. D. James nicht mehr besonders mitfühlend erscheinen.
Doch solche Einwände bleiben marginal angesichts des großen Lesevergnügens, das diese ebenso elegant wie meinungsfreudig formulierte kleine Literaturgeschichte eines oft unterschätzten Genres bietet.

   
 

Robert B. Parker: Hundert Dollar Baby. Ein Fall für Spenser (Hundred-Dollar Baby, 2006). Roman. Deutsch von Emanuel Bergmann. Bielefeld: Pendragon 2009. 206 Seiten. € 9,90.

Es wird in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gewesen sein, da tauchte der hartgesottene Ermittler wieder auf. Um ehrlich zu sein: So ganz verschwunden war er nie gewesen, der nach außen taffe, eigentlich aber ziemlich sentimentale Knochen in der Philip-Marlowe-Nachfolge. Erst 1976 hatte Ross Macdonald (1915 - 1983) seinen Lew Archer zum letzten Mal die Abgründe finsterer Familiengeheimnisse erforschen lassen (The Blue Hammer, deutsch Der blaue Hammer, 1978). Doch nun waren es relativ junge Autoren, die das Genre einer gründlichen Modernisierung unterzogen. Dabei orientierten sie sich nicht nur an mittlerweile kanonisierten Klassikern wie Hammett, Chandler oder Macdonald, sondern ließen sich auch von einem literarischen Rowdy wie Mickey Spillane, dem seine ebenso erfolgreichen wie brutalen Mike-Hammer-Romane einen finanziell durchaus lukrativen Paria-Status eingebracht hatten, beeinflussen. Und sie waren erfolgreich damit. Auch hierzulande fanden die Bücher von Loren D. Estleman, Arthur Lyons und Stephen Greenleaf, um nur einige Namen zu nennen, ihre Leser. Natürlich erschienen sie nicht als teures Hardcover, sondern in den Taschenbuchreihen einschlägiger Verlage wie Ullstein (die mit den hässlichen gelben Covern), Bastei-Lübbe oder Goldmann, die vor allem den Bahnhofsbuchhandel versorgten. Seriöse Buchhändlerinnen, deren Krimisortiment sich gewöhnlich auf Rowohlt-Thriller und die hübsch gestalteten Diogenes-Bände beschränkte, pflegten solche Ware nur mit spitzen Fingern anzufassen. Das sollte sich in den kommenden Jahrzehnten gründlich ändern, doch da hatten viele der privaten Ermittler ihre Schnüfflertätigkeit schon wieder eingestellt.
Zumindest für ihre deutschen Leser. Es erscheinen zum Beispiel zwar noch immer neue Amos-Walker-Abenteuer von Estleman in den USA, doch kein hiesiger Verlag scheint willens, sie übersetzen zu lassen.
Auch Spenser, der seit 1973 in Boston seine Dienste anbietet, wäre längst vom deutschen Buchmarkt verschwunden, hätte sich nicht der Bielefelder Pendragon Verlag seiner angenommen. Mehr als dreißig Romane um den ebenso schlagfertigen wie edelmütigen Privatdetektiv hat der 1932 geborene Robert B. Parker verfasst, die meisten von ihnen erschienen bis in die späten achtziger Jahre hinein in deutscher Übersetzung bei Ullstein, und es gab sogar eine erfolgreiche Fernsehserie. Dann hörte man lange nichts von Spenser, bis Die blonde Witwe (Widow's Walk, 2002) ein kleines Comeback einleitete. Inzwischen liegt, zur Freude aller Liebhaber des Genres, mit Hundert Dollar Baby (Hundred-Dollar Baby, 2006) der vierte "Auftrag für Spenser" bei Pendragon vor. Mehr als zwei Jahrzehnte ist es her, dass die damals fünfzehnjährige April Kyle von Spenser "gerettet" wurde (Ceremony, 1982, deutsch Einen Dollar für die Unschuld, 1983), die Anführungsstriche deshalb, weil der Ermittler den problematischen Teenager in die Hände einer Mrs. Utley gab, um sie vor Schlimmerem zu bewahren. Und Mrs. Utleys Gewerbe war kein ehrbares. Mittlerweile führt April selbst ein Edelbordell in Boston, das allerdings in Schwierigkeiten steckt. Offenbar möchten örtliche Gangster ein Stück vom Kuchen abhaben. Das zumindest bekommt Spenser von seinem ehemaligen Schützling erzählt. Natürlich ist es kein Problem für ihn, den Fieslingen gemeinsam mit seinem Partner Hawk eine gehörige Abreibung zu verpassen. Spenser ist nämlich mit den Fäusten ebenso gut wie mit dem Mundwerk.
Doch damit fängt die Geschichte erst an, denn die ganze Wahrheit hat April ihn nicht wissen lassen. Oder, besser gesagt, Spenser steht vor einem komplexen Lügengewebe, dessen Auflösung ihn einiges an Arbeit kosten wird. Zum Glück für den Leser, darf man hier sagen. Denn Robert B. Parker ist ein Meister des ebenso knappen wie prägnanten Dialogs. Und das ist für einen Roman, dessen komplizierter Plot vor allem durch Wortwechsel transportiert wird, nicht unwichtig.
Auch wenn man es angesichts des Umstandes, dass er ein minderjähriges Mädchen einer Puffmutter überantwortet, nicht glauben mag: Spenser ist gewöhnlich ein Muster an politischer Korrektheit. Ein verständnisvoller, literarisch gebildeter Mann, der gerne für seine Lebensgefährtin Susan Silverman kocht, und zu den meisten Dingen eine konsensfähige Meinung vertritt. Leider ist die Welt draußen schlecht und seine Handlungsmöglichkeiten, siehe oben, manchmal begrenzt. Aber so stellten sich die Dinge ja auch schon für Philip Marlowe dar. Vielleicht lässt sich Hundert Dollar Baby deshalb sowohl als Hommage an wie als Parodie auf den klassischen Privatdetektivroman lesen. Ein Vergnügen ist die Lektüre allemal. Und das verdankt sich nicht zuletzt der punktgenauen Übersetzung von Emanuel Bergmann.

   
 

Richard Stark: Das Geld war schmutzig (Dirty Money, 2008). Roman. Deutsch von Rudolf Hermstein. Wien: Zsolnay 2009. 253 Seiten. € 16,90.

Am 28. Juli 1972 schreibt die in der JVA Essen inhaftierte Gudrun Ensslin an ihre Schwester Christiane. Wie fast immer folgt dem eigentlichen Brieftext eine Bücherwunschliste. Marx/Engels, Walter Benjamin, Brecht: Die Auswahl scheint für die Mitbegründerin einer terroristischen Organisation, die sich "Rote Armee Fraktion" nennt, zunächst wenig überraschend. Doch dann stutzt man. Unter all den Werken, die im revolutionären Bücherschrank nicht fehlen durften, finden sich auch Märchen ("Andersen, 1001 Nacht, Oscar Wilde") und "Kriminalromane von Richard Stark, Goldmanns gelb, glaub' ich".
Warum eine linke Intellektuelle, die sich dem bewaffneten Kampf gegen die bundesrepublikanische Gesellschaftsordnung verschrieben hatte, ausgerechnet Romane lesen wollte, in denen immer wieder aufs Neue beschrieben wird, wie ein weitgehend emotionsfreier, von keinerlei Skrupel geplagter Gangster namens Parker Verbrechen als Geschäft betreibt, wird nicht mehr zu ergründen sein. Vielleicht war Gudrun Ensslin von Parkers Amoralität fasziniert, vielleicht erhoffte sie sich professionelle Hinweise. Schließlich waren Banküberfälle die bevorzugte Methode der RAF, ihre "Kriegskasse" zu füllen. Ideologisch jedenfalls passt Parker überhaupt nicht zu den linksterroristischen Gruppen, die sich nach 1968 in der Bundesrepublik bildeten, ist er doch der freie Unternehmer par excellence, allerdings einer, den die Regeln des kapitalistischen Wettbewerbs genauso wenig interessieren wie das Strafgesetzbuch. Es ist müßig, aber nicht uninteressant, darüber zu spekulieren, ob ein Mann von Parkers Fähigkeiten nicht erfolgreicher innerhalb des Systems arbeiten könnte. Fraglich bleibt natürlich, ob Richard Stark - unter diesem Pseudonym verfasste der im vergangenen Jahr verstorbene amerikanische Schriftsteller Donald E. Westlake insgesamt 27 Parker-Romane - sich ähnlich produktiv den Abgründen des Finanzkapitalismus hätte widmen wollen. Ein professioneller Straftäter, der gegebenenfalls auch vollkommen leidenschaftslos foltert und mordet, ist als literarische Figur wahrscheinlich reizvoller als ein gerissener Investmentbanker. (Und vielleicht ebenso realistisch: Man denke an die kriminelle Karriere des vor kurzem gefassten Thomas Wolf, deren Romantauglichkeit in beinahe jedem Pressebericht zum Thema behauptet wurde.)
Zwischen 1968 und 1972 sind genau dreizehn Parker-Romane in deutscher Übersetzung erschienen, allerdings nicht bei Goldmann, wie Gudrun Ensslin vermutete, sondern bei Ullstein Krimis. Während Rowohlts Thrillerreihe (unter anderem mit den seit 1968 publizierten gesellschaftskritischen Romanen von Maj Sjöwall und Per Wahlöö) um die Reputation des Krimis im linksintellektuellen Milieu bemüht war, galten die gelben Ullstein-Bände als Lesefutter für die Kunden der Bahnhofsbuchhandlungen. Und waren damit eigentlich der richtige Publikationsort für die ebenso taffen wie lakonischen Spannungsromane des Richard Stark, deren amerikanische Ausgaben schließlich auch als Paperback-Originale bei Pocket Books erschienen waren, und zwar Schlag auf Schlag. Seinen ersten Auftritt hat er 1962 in The Hunter (deutsch Jetzt sind wir quitt), 1967 als Point Blank mit Lee Marvin und Angie Dickinson verfilmt, dann folgen bis 1964 drei weitere Romane, in denen sich Parkers Charisma entwickelt. Denn erst das neue Gesicht, zu dem ihm im zweiten Band The Man With the Getaway Face (deutsch Parkers Rache) ein plastischer Chirurg verhilft, macht Parker zu dem eiskalten kriminalistischen Profi, der bis heute einen unwiderstehlichen Reiz auf Leser aller Kategorien, unter ihnen ausgewiesene High-Brow-Autoren wie John Banville oder Michael Ondaatje, auszuüben scheint. In The Hunter nämlich ist er noch auf Rache aus. Rache an seinem ehemaligen Komplizen und Rache an der Frau, die ihn verraten hat. Stark/Westlake scheut sich nicht, ganz tief in die Pathoskiste zu greifen, um diesen "Jäger" in all seiner Bedrohlichkeit zu charakterisieren. (Nicht nur, aber auch, weil die deutschsprachige Ausgabe wie alle frühen Parker-Romane seit Jahren vergriffen ist, zitiere ich im Original.)
"The office women looked at him and shivered. They knew he was a bastard, they knew his big hands were born to slap with, they knew his face would never break into a smile when he looked for a woman. They knew what he was, they thanked God for their husbands, and they still shivered. Because they knew how he would fall on a woman in the night. Like a tree.”
Am Ende des Romans lächelt er sogar. Er hat seine Vergangenheit hinter sich gelassen, aber nicht verlernt, was er über gesetzwidrige Methoden an Geld zu kommen, weiß. "A new face now, and the old pattern. He looked out of the window and smiled”. Und schon im nächsten Roman The Outfit (deutsch Die Gorillas) gelingt es im fast spielerisch, ein ganzes Gangstersyndikat mattzusetzen. Und dann etabliert sich das Erfolgsmuster, dem in immer neuen Variationen alle Parker-Romane folgen. Es gibt einen Plan, es gibt eine Crew. Parker arbeitet zwar auf eigene Rechnung, aber fast nie allein. Die "Arbeit" beginnt. Und dann geht etwas schief. Oft sind es einer oder mehrere Komplizen, die sich nicht an die Abmachungen halten. Oder eigene Pläne verfolgen. Wenn es hart auf hart geht, ist Parker froh, seine Haut zu retten. Meistens jedoch kann er seinen Schnitt machen.
Wahrscheinlich ist es die Virtuosität, mit der Stark/Westlake dieses Muster immer wieder neu und immer wieder verblüffend durchspielt, die ihm den ungeteilten Respekt der Zunft eingetragen hat. Was in den sechziger Jahren als billiges Taschenbuch erschien, kommt heute, mit Vorwort, als schickes Paperback in einem renommierten Verlag (University of Chicago Press) heraus.
Hierzulande allerdings hat es ziemlich lange gedauert, bis wieder ein Verlag auf Parker stieß. In den achtziger Jahren erschienen bei Ullstein noch einige Wiederauflagen älterer Titel, darunter Blutiger Mond (Butcher’s Moon), jener Roman, mit dem Parker 1974 in den vorläufigen Ruhestand geschickt wurde. Als er jedoch 1997 sein Comeback, so der Titel des Buches, feierte, fiel das hierzulande kaum jemandem auf. Erst 2007, inzwischen waren bereits sieben neue Parker-Romane erschienen, griff der Zsolnay Verlag zu, ließ Ask the Parrot übersetzen und landete einen beachtlichen Erfolg bei Lesern und Kritik gleichermaßen. Nun liegen die letzten drei, in sich zusammenhängenden Abenteuer des Meisterkriminellen in stattlichen schwarzen Paperbacks vor und man kann sie auch in der richtigen Reihenfolge lesen. Das heißt, zuerst Keiner rennt für immer (Nobody Runs Forever), dann Fragen Sie den Papagei und schließlich Das Geld war schmutzig (Dirty Money). In dieser Quasi-Trilogie findet sich all das, was den Reiz der Parker-Romane schon immer ausgemacht hat. Konfrontiert mit einem offenkundig gewissenlosen Radikal-Egoisten zeigen sich die akzeptierte Gesellschaftsordnung und die weitgehend konform mit ihr agierenden Individuen in all ihrer Schwäche. "Der Mensch ist gar nicht gut, drum hau ihm auf den Hut", heißt es in Brechts Dreigroschenoper. Parker übernimmt diese, für die Betroffenen oft schmerzliche, Aufgabe aus ureigenstem Interesse und zu unserem Vergnügen. Moralisch einwandfrei ist das sicherlich nicht. Aber wann wäre Kunst das schon?

   
 

Robert B. Parker: Alte Wunden. Ein Auftrag für Spenser (Back Story, 2003).  Roman. Deutsch von Emanuel Bergmann. Bielefeld: Pendragon 2010. 221 Seiten. € 9,95.

Meist sind sie mindestens vierhundert Seiten dick, haben knallige Umschläge und tragen wüste Titel, in denen bevorzugt Adjektive wie "tödlich" oder "blutig" auftauchen. Sie nennen sich gerne "Krimi des Monats", "Top-Thriller" oder einfach "Bestseller". Den Namen des Autors habe ich in der Regel noch nie zuvor gehört. Übersetzt sind sie zumeist aus dem Englischen, und wenn ich Glück habe, wurde diese Aufgabe jemandem anvertraut, der nicht nur die fremde, sondern auch seine Muttersprache beherrscht. Das ist leider nicht immer der Fall. Manchmal möchte ich die Lektüre schon nach zehn Seiten abbrechen und das Druckwerk der Altpapiertonne zuführen, doch ich bringe es noch immer nicht übers Herz, Bücher wegzuwerfen. Außerdem lese ich nicht zum Spaß, sondern im Auftrag.
Ich bin Krimikritiker. Leben kann man davon nicht, dafür ist das Salär nicht üppig genug. Eher handelt es sich um eine fehlgeleitete Leidenschaft. In einem früheren Leben nämlich war ich ein schlichter Krimileser. Und kein besonders wählerischer: Edgar Wallace, Dorothy Sayers,  Raymond Chandler oder Rex Stout, ich verschlang, was mir in die Finger kam. Irgendwann, es dürfte ungefähr 25 Jahre her sein, schrieb ich meinen ersten Lesetipp für ein Studentenmagazin. Von da an wurden mir die Rezensionsexemplare paketweise ins Haus geliefert. Da es sich in der Regel um Taschenbücher mit einem Umfang von unter zweihundert Seiten handelte, kam ich mit der Lektüre gut nach. (Obwohl ich gestehen muss, dass sich noch manches gelbe Ullstein-Bändchen von 1986 ungelesen in meinem Krimiregal versteckt.) Außerdem waren die 1980er Jahre die Blütezeit der privaten Ermittler. Autoren wie Stephen Greenleaf, Arthur Lyons, Michael Collins und Loren D. Estleman hatten die Tradition des harten Detektivromans wiederbelebt. Sie verstanden ihr Handwerk, schrieben knapp und lakonisch. Das waren Bücher, die man gut in Vorortzügen lesen konnte. Und die eigentlich gar keine Kritiker benötigten.
Das ist lange her. Heute muss man schon darauf hinweisen, wenn ein Kriminalroman erscheint, der all die oben genannten Vorzüge vereinigt. Dessen pointierte Dialoge, milde Selbstironie und flotter, nicht allzu verrätselter Plot für eine ebenso entspannte wie vergnügliche Lektüre sorgen. Und der uns nicht schwer in der Hand liegt. Da ist man gerne Leser und Kritiker zugleich. Alte Wunden heißt dieses Kleinod, und sein Verfasser ist der leider jüngst verstorbene Robert B. Parker. Für ein Honorar von sechs Donuts versucht der unverwüstliche Spenser zu ermitteln, wer die Mutter seiner Klientin bei einem Banküberfall im Jahre 1974 erschossen hat. Doch was er herausfindet, stimmt seine Auftraggeberin nicht glücklich. Außerdem gibt es eine Menge Leichen. Mehr muss man eigentlich nicht wissen. Parker liefert verlässlich Qualität. Und die merkt man auch der sehr gelungenen deutschen Übersetzung von Emanuel Bergmann an. Ein Kompliment an den Bielefelder Pendragon Verlag, dem für seine Parker-Edition so manche Lokalkrimisünde verziehen sei. Womit wir bei einem anderen wunden Punkt im Leben des Krimikritikers angelangt wären. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal.

   
 

Renée Pleyter: Der Mann vom Jahrmarkt. Bielefeld: Pendragon 2010. 304 Seiten. € 10,95.

Im ostwestfälischen Detmold wird eine junge Frau erfroren auf einer Parkbank gefunden. Es gibt keine Anzeichen äußerlicher Gewaltanwendung. Den Abend zuvor hatte sie mit Freundinnen auf der Andreasmesse, einem traditionellen Jahrmarkt, verbracht. Die Kriminalpolizei ist zunächst ratlos. Als sich jedoch eine Zeugin meldet, die berichtet, wie ihr ein Kirmesbesuch, in diesem Fall des Pollhansmarktes im 25 Kilometer entfernten Schloss Holte, durch einen "Filmriss" vergällt worden sei, hat Kommissar Wilke einen schlimmen Verdacht. Jemand scheint den Frauen eine Droge verabreicht zu haben. Ein Wiederholungstäter also, der den Kirmesrummel nutzt, um seine Opfer auszuspionieren und sie sich dann, zu welchem Zweck auch immer, gefügig zu machen.
Während Wilke und sein Kollege Rothmann noch rätseln, was das Motiv dieses absonderlichen, aber skrupellos agierenden Unholds wohl sein mag, ist der Leser längst informiert.
"Der Mann vom Jahrmarkt", dessen ausführliches Psychogramm im Mittelpunkt von Renée Pleyters gleichnamigem Thriller steht, heißt Albert Stahl und arbeitet während der Saison auf allen großen westfälischen Jahrmärkten für den Betreiber eines Festzeltes. Was ihn dazu bewegt, Mädchen mit der Droge Liquid Extasy außer Gefecht zu setzen, sie dann zu schminken und zu kostümieren, um schließlich Fotos von ihnen zu machen, wird durch einen Rückblick in seine schreckensreiche Kindheit und Jugend zumindest ansatzweise erklärt. Gepeinigt von einer bigotten Mutter flüchtet sich der kleine Albert in die Obhut seiner älteren Schwester Bettina, deren Verhalten ihm aber auch zunehmend rätselhaft erscheint. Wie es weitergeht, sei an dieser Stelle ebenso wenig verraten wie die umfassende und für aufmerksame Leser wenig überraschende Aufklärung des Falles auf den letzten dreißig Seiten des Buches. Wer also, von der vollmundigen Verlagswerbung irregeleitet, ein zünftiges "Whodunnit" im Schaustellermilieu verspricht, wird enttäuscht werden, denn damit kann der Roman nicht aufwarten. 
Stattdessen begibt sich die Autorin mit diesem über weite Strecken packend geschriebenen Psychothriller auf ein vom Spannungsaufbau her nicht unproblematisches Feld, denn sie muss das Interesse des Lesers vom Plot weg- und hin zur Persönlichkeit des Täters lenken. Dass ihr dieses Kunststück gelingt, macht Der Mann vom Jahrmarkt zu einem bemerkenswerten Exemplar des Genres.

   
 

Jo Powell: Die Blutkammer (The Drop Room). Roman. Deutsch von Rasha Khayat. Reinbek: rororo 2009. 447 Seiten. € 8,95.

Nicht mehr zu überblicken ist die Anzahl dilettantischer Versuche, dem eh schon abgeschmackten Sub-Genre des Ritualmord-Thrillers weitere Varianten hinzuzufügen. Ein besonders abschreckendes Beispiel kommt dieser Tage aus England zu uns. Jo Powell, studierte Juristin, Literaturwissenschaftlerin, Journalistin und, man lese und staune, gelegentliche Dozentin für kreatives Schreiben, hat einen Roman verfasst, dem man seine klischeegetränkte Figurenkonstellation noch verzeihen würde, besäße er wenigstens ein Fünkchen Spannung. Doch leider hat sich die Autorin entschieden, ihre Gruselgeschichte um eine Mordserie an esoterisch angehauchten Frauen auf eine Weise zu erzählen, die es auch dem unaufmerksamsten Leser möglich macht, bereits nach weniger als 80 von immerhin 447 Seiten den Täter zu identifizieren. Dieser darf nämlich immer wieder direkt zum Leser sprechen, und da es sich um ein ausgesprochen großmäuliges Exemplar der Gattung handelt, sind diese Passagen alles andere als ein Vergnügen. "Ich bin auserwählt. Nach der letzten Nacht werde ich es nie wieder bezweifeln", lässt er uns nach seinem dritten Mord wissen. Und irgendwann erfahren wir auch, was ihn zu seinen Taten treibt. Wie vermutet, liegt die Ursache in seiner Kindheit. Und schuld ist die Mutter. Wie sollte es auch anders sein?
Die Blutkammer heißt im Original The Drop Room. Allein, wer nach der englischen Ausgabe fahndet, um zu überprüfen, ob der hölzerne Stil des Buches der Übersetzung geschuldet ist, wird enttäuscht. In ihrer Heimat hat die Autorin offenbar noch keinen Verlag für ihr Romandebüt gefunden. Glückliches Britannien.

   
 

Peter Robinson: Wenn die Dämmerung naht. Ein Alan-Banks-Krimi (Friend of the Devil, 2007). Aus dem Englischen von Andrea Fischer. Berlin: Ullstein 2010. 460 Seiten. € 22,95.

Eigentlich haben die beiden Morde nichts miteinander zu tun. An Yorkshires steiler Küste wird einer hilflosen Frau im Rollstuhl die Kehle durchgeschnitten, und in einem Kneipenviertel der (fiktiven) Stadt Eastvale fällt eine Neunzehnjährige einem Sexualverbrechen zum Opfer. Während sich Detective Inspector Annie Cabbot um den Mord am Meer kümmert, versucht Detective Chief Inspector Alan Banks herauszufinden, ob sich unter vergnügungssüchtigen jungen Leuten, die an jedem Wochenende die Innenstadt zur Partyzone erklären, ein Mörder befindet. Bei ihren Ermittlungen stoßen die beiden Kriminalisten auf Merkwürdigkeiten - so lässt sich zunächst fast nichts über die Identität des ersten Opfers herausbekommen -, doch nach einer Weile wird klar, dass eine Verbindung zu einem der grausigsten Verbrechen, mit dessen Aufklärung Banks und Cabbot je betraut waren, besteht. Nachlesen lässt sich der Fall in einem Kriminalroman, der 2003 unter dem einigermaßen blöden 'denglischen' Titel Wenn die Dunkelheit fällt erschienen ist. (Das Original heißt, wie das Stones-Album von 1966, schlicht Aftermath.)
In seinem inzwischen 17. Alan-Banks-Roman, sinnigerweise Wenn die Dämmerung naht betitelt, greift der in Kanada lebende englische Autor Peter Robinson die alte Geschichte wieder auf. Und zeigt, dass es eine Vergangenheit gibt, die einfach nicht vergehen will.
Waren die ersten Romane Robinsons noch relativ schlicht gestrickte Whodunnits, so erweist er sich spätestens seit dem 1999 erschienenen In a Dry Season (deutsch In einem heißen Sommer), mit dem ihm auch hierzulande der Durchbruch gelang, als ein Meister komplexer Plots. Auch in Wenn die Dämmerung naht versteht er sich darauf, seine Leser in die Irre zu führen, um dann doch ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden zu lassen.
Ein harmloses Spiel mit falschen Fährten ist das allerdings nicht. Jede Nebenhandlung trägt das Ihre zu Robinsons großem Thema, und das ist der Stand der Geschlechterverhältnisse nach der Auflösung der tradierten Rollenmuster in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, bei. Da sieht es offenbar finster aus. Annie Cabbot muss sich der penetranten Avancen eines Jungspunds erwehren, mit dem sie in trunkenem Zustand eine Nacht verbracht hat, der Vater eines Mordopfers erfährt vom Tod der Tochter, während er sich munter einem Seitensprung hingibt, und die schwarze Polizistin Winsome Jackman lernt, dass ihre strikten Moralvorstellungen im heutigen Britannien vollkommen deplatziert wirken. Und so sehr man es dem sympathischen Banks auch gönnen würde, dass das gegen Ende des Romans sich andeutende private Glück konkretere Formen annimmt, wirklich dran glauben mag man nicht. Dass mit dieser Welt etwas nicht stimmt, wüsste man also schon, ohne die aufzuklärenden Verbrechen, deren Dimensionen sich der schlichten Inhaltswiedergabe entziehen, zu berücksichtigen.
Zwar nicht Rettung, aber Linderung verspricht da die Kultur. Banks liest anspruchsvolle Bücher und kennt sich mit Musik, sei es Blues, Jazz oder Klassik, bestens aus. Und wenn er einen unliebsamen Kollegen charakterisieren möchte, fällt ihm eine klassische Romanfigur ein. An solchen Stellen hätte man ihn gerne ein wenig primitiver. Doch das ist wohl eine Frage des persönlichen Geschmacks. Peter Robinson bewegt sich eben immer noch  auf jenem Terrain, das einst von Autorinnen wie P. D. James und Ruth Rendell abgesteckt wurde.
Noch ein Wort zur Übersetzung: Abgesehen von dem einen oder anderen Anglizismus hat Andrea Fischer den Roman in ein gut lesbares flüssiges Deutsch gebracht. Und für die Titelwahl kann sie ja wahrscheinlich nichts.

   
 

Alexander Schwarz: Flip Rouge. Roman.  Bielefeld: Pendragon 2009. 256 Seiten. € 9,90.

Sechs Millionen Franc hatten sie bei dem Überfall auf einen Geldtransporter erbeutet. Mehr als genug für ein angenehmes Leben. Doch dann wird der Euro eingeführt. Und die regelmäßigen Überweisungen, mit denen Jean Rivette sein karges Kellnersalär aufbessern konnte, bleiben aus. Nun muss er seinen Zufluchtsort in der Schweiz verlassen und zurück nach Marseille, wo sein Komplize das Geld verwahrt. Er weiß nicht, dass ihn die Polizei schon erwartet.
Kommissar Luc Garnier hat Jean Rivette nicht vergessen. Schließlich sind bei dem Überfall zwei Wachleute ermordet worden. Das Bild des Täters hing jahrelang über seinem Schreibtisch. Als seine Tochter Julie, die in der Schweiz eine Ausbildung absolviert, anruft und ihm erzählt, dass sie in dem Kellner eines Berggasthofs Rivette erkannt habe, ist er alarmiert.
Jill Fay will weg aus Perpignan. Raus aus der schäbigen Hochhauswohnung, die sie mit ihrer psychisch labilen Mutter teilt. In Marseille wartet bereits ihr Freund Ollie auf sie. Das hofft sie zumindest. Und sie hält es für einen glücklichen Zufall, als der junge Fahrer eines luxuriösen Geländewagens anbietet, sie bis kurz vor Marseille mitzunehmen.
Dies sind nur einige der Geschichten, die Alexander Schwarz in seinem Krimi-Debüt Flip rouge zu einem ebenso komplexen wie furiosen Plot zusammenführt. "Flip rouge", das steht für eine neue synthetische Droge mit einem tödlichen Potenzial. Unter den Süchtigen Marseilles hat sie bereits acht Opfer gefordert. Gleichzeitig scheint unter den Drogenbanden an der Côte d'Azur ein brutaler Machtkampf ausgebrochen zu sein. Und niemand weiß, wer die Fäden zieht.
Andere Autoren hätten einen solchen Stoff auf mindestens 500 Seiten gestreckt. Alexander Schwarz kommt durch eine Redundanzen weitgehend vermeidende Erzählweise mit der Hälfte aus und hält so die Spannung auf einem durchgängig hohen  Niveau. Ähnlich ökonomisch wünschte man sich allerdings manchmal auch die sprachliche Gestaltung dieses bemerkenswerten Kriminalromans. Muss das Kunstlicht des anatomischen Instituts, in dem die Leichen der Drogentoten untersucht werden, unbedingt mit dem Klischee-Attribut "gnadenlos" versehen werden? Und das sofort auf der ersten Seite. Dabei versteht sich der Autor, wie die folgenden Kapitel zeigen, durchaus auf einen knappen, harten Stil.
Doch genug der Mäkelei: Angesichts der Flut grotesker Psychothriller, abstruser Serienkillerepen und dilettantischer Mordgeschichten aus der Region ist die Freude über einen handwerklich akzeptablen, wohltuend konzentrierten Spannungsroman groß. Und die Ankündigung des Verlages, dass es sich bei Flip rouge um den ersten Band einer Trilogie handelt, betrachtet man angesichts des offenen Endes nicht als Drohung, sondern als Versprechen. 

   
 

Ernst Solér: Staub im Paradies. Roman. Dortmund: Grafit 2009. 222 Seiten. € 8,50.

Der im letzten Jahr zu früh verstorbene Schweizer Autor Ernst Solér hat sich mit seinen Romanen um den Kriminalisten Fred Staub in nur wenigen Jahren einen guten Ruf erschrieben. Das liegt sicherlich nicht zuletzt an seiner Hauptfigur, dem eigenwilligen, gelegentlich recht unverträglichen Hauptmann der Zürcher Kantonspolizei. Aber auch Solérs Talent, einen sauberen, wenn auch nicht immer überraschungsreichen Plot zu konstruieren, trägt dazu bei, dass man seine Bücher nie mit dem Gefühl aus der Hand gelegt hat, seine Zeit verschwendet zu haben. Und dies ist angesichts des reichen Angebots an überflüssiger Kriminalliteratur durchaus bemerkenswert.
Staub im Paradies also, Solérs vierter Roman, wird der letzte Fall des störrischen Ermittlers bleiben. Tätig wird er dieses Mal nicht im heimischen Revier. Mit Frau, Sohn und dessen Freundin besucht er seine Tochter Anna, die in Sri Lanka für ein internationales Forschungsprojekt arbeitet. Doch kaum angekommen, wird er Zeuge eines Anschlags, dem ein Kollege seiner Tochter zum Opfer fällt. Selbstredend beginnt Staub seinen einheimischen Kollegen bei der Suche nach dem Mörder zu unterstützen. Dies gestaltet sich jedoch gar nicht so einfach, sind die Auswirkungen des Bürgerkrieges zwischen tamilischen Rebellen und der Armee der Zentralregierung auch im Alltag ständig spürbar.
Während also der Chef sein kriminalistisches Gespür auf fremdem Terrain erprobt, sehen sich seine Kollegen daheim in Zürich mit einem rätselhaften Mord konfrontiert. Ein Tamile ist erstochen aufgefunden worden. Nun sind Ermittlungen in einem wenig auskunftsfreudigen Milieu notwendig.
Wie es sich für einen Krimi gehört, sind beide Fälle miteinander verbunden. Und irgendwann glaubt Staub, trotz aller Widerstände die Lösung gefunden zu haben. Dass dem nicht so ist, gehört zu den Stärken dieses Romans. Tatsächlich erweisen sich im Nachhinein die Ermittlungsergebnisse, auf die der landesfremde Polizist ziemlich stolz ist, als zu einem nicht geringen Teil als Fiktion. Und so wird aus einer Detektivgeschichte mit exotischem Flair beinahe ein veritabler Politthriller.
Schon aus diesem Grund war es kein ungeschickter Zug Solérs, für die Sri-Lanka-Kapitel Staub selbst als Erzähler (und dazu noch im Präsens) einzusetzen. Dagegen fallen die in Zürich spielenden Szenen ein wenig ab, nicht zuletzt, weil sich hier manchmal ein allzu betulicher Erzählton einschleicht. Doch dieses Manko ist angesichts der überzeugenden Gesamtkonstruktion durchaus zu vernachlässigen.

   
 

Viveca Sten: Tödlicher Mittsommer (I de lugnaste vatten, 2008). Deutsch von Dagmar Lendt. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2010. 378 Seiten. € 14,95.

"Seit dem Tag, an dem ich als kleines neugeborenes Baby zum ersten Mal hinaus nach Sandhamn kam, wo meine Familie seit hundert Jahren ein Sommerhaus besitzt, liebe ich diese Insel", erklärt uns die Krimi-Novizin Viveca Sten, im Hauptberuf Chefjuristin der schwedischen Post, im Nachwort zu ihrem Debütroman. Die Idee, hier eine Kriminalgeschichte spielen zu lassen, sei "einfach unwiderstehlich" gewesen.
Unwiderstehlich sind Bücher dieser Art auch für deutsche Verlage, die am offenbar immer noch florierenden Geschäft mit skandinavischen Kriminalromanen teilhaben wollen. Deshalb liegt jetzt ein strammes Paperback von fast 380 Seiten mit dem Titel Tödlicher Mittsommer vor uns.
Gleich drei seltsame Todesfälle erschüttern die Inselidylle. Aufgeklärt werden sie ab Seite 320, als der attraktive Kriminalkommissar Thomas Andreasson und seine Kollegin Carina endlich die Wohnung des ersten Opfers gründlich durchsuchen. Vorher haben die beiden Ermittler eine falsche Fährte verfolgt. Die verbleibenden Seiten des Romans nutzt die Autorin, um ein wenig Spannung aufkommen zu lassen. Den Mörder zu kennen und ihn dingfest zu machen, sind schließlich zwei verschiedene Dinge.
Wer nun meint, solch ein Plot sei ein wenig dürftig für einen Kriminalroman, liegt sicher nicht ganz falsch. Doch Viveca Sten hat mehr zu bieten. So zeigt uns die ebenso engagiert wie ausführlich geschilderte Geschichte der Ehekrise einer Jugendfreundin des Ermittlers, die mit ihrer Familie auf der Insel Urlaub macht, dass es auch in Schweden Männer gibt, die ein ausgesprochen traditionelles Rollenverhalten pflegen. Wem diese Anleihen beim Schicksalsroman noch nicht reichen, der darf sich an den Reiseführerqualitäten des Buches erfreuen. Es gibt nämlich viel über die Inseln im Schärengarten vor Stockholm zu erzählen, und das tut die Autorin mit Leidenschaft. "Tödlicher Mittsommer ist ein Kriminalroman, der beim Leser den tiefen Wunsch weckt, selbst den Sommer auf Sandhamn zu verbringen", verspricht der Klappentext. Eine leere Drohung ist das nicht.

   
 

Sobo Swobodnik: Kuhdoo [ku:du]. Ploteks fünfter Fall. Kriminalroman. München: Heyne 2010. 413 Seiten. € 8,95.

Er ist unverschämt, faul und geizig. Neuen Fällen widmet er sich nur ungern, und wenn er trotzdem dazu gezwungen wird, verhaftet er gerne den erstbesten Verdächtigen. Die tatsächliche Ermittlungsarbeit bleibt seinem Sergeant überlassen, der zudem noch die Drinks seines notorisch klammen, aber umso durstigeren Vorgesetzten bezahlen muss. Was die Zusammenarbeit außerdem erschwert, ist die mangelhafte Körperhygiene des übergewichtigen Kriminalisten. Er sei der einzige Polizeibeamte, dessen Achselbehaarung von Schuppen befallen sei, lautet ein unbestätigtes Gerücht, das in seiner Dienststelle kursiert. Nachgeprüft hat es aus naheliegenden Gründen niemand.
Dass Chief Inspector Wilfred Dover, zur Verwunderung des Lesers, dennoch seine Fälle zu lösen versteht, ist seiner Erfahrung und einer gewissen Bauernschläue geschuldet.
Zwischen 1964 und 1980 hat die 1990 verstorbene englische Schriftstellerin Joyce Porter zehn Kriminalromane um den unsympathischen Ermittler veröffentlicht, die deutschen Übersetzungen erschienen als rororo-Thriller. Ein großes Lesepublikum war ihnen nicht beschieden. Vielleicht war die Zeit einfach noch nicht reif für britische Skurrilitäten dieser Art.
Heute könnte das anders aussehen. Schließlich hat Joyce Porter mit Chief Inspector Dover einen komischen Anti-Helden par excellence erfunden, dessen Präsenz genügt, um einen parodistischen Effekt zu erzeugen. Ein Muster, das in den letzten Jahren immer wieder gerne aufgegriffen wurde, wenn es darum ging, dem Kriminalgenre humoristisch zu Leibe zu rücken. Mit beachtlichem Erfolg scheint dies Sobo Swobodnik, ein auf der Schwäbischen Alm aufgewachsener und heute in Berlin lebender Autor und Filmemacher,  zu tun. Vier Fälle hat er seinen Ermittler, den arbeitslosen und trinkfreudigen Schauspieler Paul Plotek, bereits für den Deutschen Taschenbuchverlag lösen lassen, nun liegt Band 5 als dickleibiges Heyne-Taschenbuch vor. Kuhdoo heißt das vom Verlag mit viel Tamtam als "Mischung aus Klüpfel/Kobr und Wolf Haas" angepriesene Epos, in dem ein trauriger Anlass Plotek zurück in sein Heimatdorf - und das liegt, wie man sich denken kann, auf der Schwäbischen Alb - treibt. Sein Vater steckte tot im Häcksler. Schon bald wird klar, dass er nicht auf natürlichem Wege ums Leben gekommen ist. Weitere Todesfälle lassen vermuten, dass in der nur scheinbar idyllischen Provinz ein besonders bösartiger Serienmörder unterwegs ist. Und der gewöhnlich ziemlich träge Plotek beginnt, Nachforschungen anzustellen. Dabei wird er von seinem alten Schulkameraden Vinzi, einem beinamputierten Altfreak, der seinen Lebensunterhalt mit dem Vertrieb gebrauchter Damenschlüpfer bestreitet, tatkräftig unterstützt.
Man sieht, dass es dem Autor nicht an Ideen, denen man eine gewisse Originalität kaum bestreiten kann, mangelt. Er versteht es auch, einen akzeptablen Krimiplot zusammenzustricken. Was ihm aber fehlt, ist ein Sinn für Erzählökonomie. Verliebt in die eigene Eloquenz reiht er Wort an Wort, Satz an Satz, ohne dass der Text an Witz gewönne.  Greifen wir ein beliebiges Beispiel heraus: "Plotek griff nach dem Kuvert. Er riss es der Juniorchefin aus der Hand, steckte es in die Sakkotasche, ohne weder der Juniorchefin noch dem Brief einen weiteren Blick zu schenken, und verließ das Hotel. Die Juniorchefin blieb leicht gekränkt und ziemlich verärgert zurück. Auf dem Parkplatz vor dem Hotel überlegte Plotek kurz, ob er den im strahlenden Morgenlicht äußerst anmutigen Mercedes nehmen sollte. Doch diesen Gedanken verwarf er kurzerhand wieder." Und so weiter. Offenbar sitzt der Autor dem Irrtum auf, Redundanz sei per se komisch.
In den folgenden Zeilen wird geschildert, was Plotek über Golfspieler - Swobodnik schreibt von Hotelgästen, die "sich von einem kleinen gelben Ball zum Narren halten ließen", und hat schon wieder einen Schmunzelerfolg verbucht - denkt er. Natürlich ist es ihm "schleierhaft, wie man in aller Herrgottsfrühe seinem Körper derartige Qualen zufügen konnte". Doch damit ist das Thema beileibe nicht abgehandelt. Eine halbe Seite lang erläutert der Autor Ploteks Abneigung gegenüber jeder Art von körperlicher Ertüchtigung, Und der Leser gähnt. Denn wohlfeile Meinungen dieser Güteklasse gehören mittlerweile zum Standardrepertoire der Krimi-Komiker.
Grob geschätzt ließe sich "Kuhdoo" ohne substanziellen Verlust auf die Hälfte des jetzigen Umfangs von über 400 Seiten reduzieren. Dabei könnten auch gleich die auffälligsten stilistischen Anleihen bei Wolf Haas getilgt werden. ("Klüpfel/Kobr" kennt der Rezensent nur vom Hörensagen.) Heraus käme ein ebenso schlanker wie vergnüglicher Krimispaß. Aber wahrscheinlich lieben die Swobodnik-Fans ihren Plotek so, wie er ist: übergewichtig und geschwätzig. Für alle anderen lohnt es sich, in Antiquariaten nach alter Dover-Bänden Ausschau zu halten.

   
 

Heinrich Thies: Schweinetango. Roman. Springe: Zu Klampen 2008. 224 Seiten. € 12,80.

Auch wenn die Behauptung von Autor und Verlag, es handle sich bei Heinrich Thies' Buch Schweinetango um einen Kriminalroman, nur bedingt zutrifft, möchte man als Rezensent ungern mehr als nötig über die Handlung verraten. Die Geschichte des 48-jährigen Schweinemästers Cord Kröger, der gemeinsam mit seiner Mutter einen durchaus nicht unprofitablen Hof bewirtschaftet, hat es nämlich in sich. Was zunächst nach einer grob gezeichneten Satire auf das Landleben aussieht, nimmt rasch eine Wendung ins Dramatische, um dann zielgenau einen existentiellen Tiefpunkt in Krögers Biographie anzusteuern. Der ehedem stolze Bauer verdingt sich auf dem Rummel, und zwar als Knochenmann in der Geisterbahn. Dahin gebracht hat ihn, wie es sich gehört, die Liebe zu einer Frau. Diese ist auch für das kriminalistische Element in dieser bemerkenswerten Erzählung vom Leben und Sterben in der niedersächsischen Provinz verantwortlich.
Die zweite Hauptfigur ist ein noch ärmerer Wicht als der Schweinemäster. Der siebzehnjährige Björn Bergmann ist vor seinem prügelnden Alkoholikervater auf Krögers Hof geflohen, wo er gegen Kost und Logis Hilfsarbeiten verrichtet. Nur wenn er sich in der Uniform des freiwilligen Feuerwehrmannes beim Einsatz beweisen kann, lebt der schüchterne Junge auf. Und seltsamerweise brennt es recht häufig in der Gegend. Ein "Feuerteufel" geht um, sagen die Dorfbewohner. Und dann geht auch auf Krögers Hof eine Scheune in Flammen auf ...
All das erinnert von Ferne an Ludwig Homanns großen Provinzroman Ada Pizonka, besitzt aber nicht dessen finstere Radikalität. Heinrich Thies konnte sich offenbar nicht dazu durchringen, seine Geschichte in der naheliegenden Katastrophe enden zu lassen. Stattdessen schließt der Roman auf einer versöhnlichen Note. Die zeitweilig aus den Fugen geratene ländliche Welt scheint, zumindest für den Augenblick, wieder halbwegs in Ordnung zu sein.
Überzeugend ist dieses Ende nicht. Und das spricht, so merkwürdig es klingen mag, durchaus für die Qualität dieses Romans.

   
 

James Thompson: Eis-Engel (Lumienkelit, 2009). Thriller. Deutsch von Thomas Merk. Reinbek: rororo 2010. 315 Seiten. € 9,95.

Serienmord ist in Skandinavien ein ausgesprochen selten auftretendes Phänomen. In Finnland ist diese im internationalen Thriller so beliebte Spielart des Verbrechens praktisch unbekannt. Doch daraus zu schließen, man hätte es mit einer friedfertigen Gemeinschaft zu tun, wäre ausgesprochen voreilig. Die Mordrate des mückenreichen Landes im hohen Norden ist ungefähr so hoch wie die einer durchschnittlichen amerikanischen Großstadt. Allerdings finden die Gewaltverbrechen, nicht selten im Zustand der Volltrunkenheit, vor allem im Familienkreis oder unter guten Bekannten statt. Dass Finnland zudem fast in jedem Jahr die weltweite Suizidstatistik anführt, komplettiert das düstere Bild einer Gesellschaft, die für Ausländer ebenso schwer zu begreifen sein dürfte wie die Grammatik der Landessprache.
Diesen Eindruck hinterlässt zumindest die Lektüre von Eis-Engel, einem düsteren Thriller des amerikanischen Schriftstellers James Thompson, der seit vielen Jahren gemeinsam mit seiner finnischen Ehefrau in deren Heimatland lebt.
In einem Skiort nahe des Polarkreises wird die grausam zugerichtete Leiche einer Somalierin gefunden. Es handelt sich um die Tochter von politischen Flüchtlingen, die eine bescheidene Karriere als Schauspielerin gemacht hat. Ihren aufwändigen Lebensstil konnte sie offenbar nur finanzieren, indem sie lukrative Männerbekanntschaften pflegte. Also weiß Kari Vaara von der örtlichen Polizei auch schnell, wo er suchen muss. Rasch hat der kluge Kriminalist einen Verdächtigen zur Hand, bei dem es sich aber dummerweise um den Lebensgefährten seiner Ex-Frau handelt. Vor dreizehn Jahren hat sie ihn wegen dieses Mannes verlassen. Selbst wenn er es wollte, könnte sich Vaara nun nicht wegen Befangenheit aus den Ermittlungen zurückziehen. Da Weihnachten vor der Tür steht, ist die kleine Polizeistation nur halb besetzt. Die Konfrontation mit dem ausgesprochen widerwärtigen Verdächtigen verläuft entsprechend unerfreulich. Doch nur kurze Zeit später taucht ein weiterer möglicher Täter, ebenfalls nicht unbedingt ein Sympathieträger, auf. Und an der Leiche findet man sogar DNA-Spuren eines dritten Mannes. Außerdem zeigen sich Parallelen zu dem berüchtigten Fall der "Schwarzen Dahlie", ein Aufsehen erregendes Verbrechen aus den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, der sich durch den gleichnamigen Roman James Ellroys in die Kriminalliteratur eingeschrieben hat. Es scheint, als ob der Täter den nie aufgeklärten Mord an Elizabeth Short nachstellen wollte.
Kari Vaara, der eigentlich mit seiner amerikanischen Frau Kate, die Zwillinge erwartet, ein angenehmes Leben führen könnte, verstrickt sich immer tiefer in den Fall. Die Stimmung in dem kleinen Ort ist hoch gespannt, kein Wunder, denn die dauernde Dunkelheit des Polarwinters geht den Menschen an die Nerven. Es kommt zu weiteren Gewalttaten, die eine rasche Aufklärung des Verbrechens unwahrscheinlich werden lassen, während der verzweifelt agierende Ermittler nicht nur unter dem Druck des Polizeichefs im fernen Helsinki steht, sondern auch vom Vater der Ermordeten, einem strengen Muslim, in unangenehmen Telefonaten regelmäßig an seine Aufgabe erinnert wird. Fast bis zum Ende des Romans befindet er sich auf mehr oder weniger falschen Fährten, bis dann die tatsächliche Auflösung ihn ebenso schockiert wie den Leser.
Eis-Engel ist ein beinahe bösartig zu nennender Kriminalroman, der die menschliche Existenz in einem, und das könnte man angesichts der geografischen Lage des Handlungsortes fast wörtlich nehmen, denkbar schlechten Licht zeigt. Dass Vaaras amerikanische Gattin manchmal einfach weg will aus dieser finsteren Gegend, ist gut zu verstehen. Denn auch die Weihnachtsidylle, mit der James Thompson das Buch enden lässt, wirkt eher bedrohlich als überzeugend, wenn Vaara in demselben erschreckend sachlichen Ton, in dem er seine Mordgeschichte erzählt hat, konstatiert: "Aber es gibt andere Dinge. Ich blicke mich um und sehe alles, wofür ich dankbar sein muss. Ich bin von meiner Familie umgeben. Meine Frau liebt mich und hält mich in den Armen. Unsere Kinder wachsen in ihr heran."
James Thompson hat in Finnland bereits mit Erfolg drei Kriminalromane veröffentlicht. Mit Eis-Engel scheint eine internationale Karriere vorgezeichnet. Inzwischen ist das Buch auch in den USA erschienen, und die deutsche Ausgabe, von der man gerne wüsste, aus welcher Sprache sie übersetzt ist, hat der Verlag mit einem aufdringlichen gelben "Bestseller"-Aufkleber verunziert. Der zweite Fall für Inspektor Kari Vaara soll im nächsten Jahr erscheinen. Man darf gespannt sein.

   
 

Willi Voss: Pforte des Todes. Kriminalroman. Bielefeld: Pendragon 2009. 416 Seiten. € 12,90.

Hauptkommissar Reineking von der Kripo im ostwestfälischen Minden ist ein armer Hund. Seit seine Frau sich vor einigen Jahren auf ebenso bizarre wie symbolträchtige Weise das Leben genommen hat, ist er mit seiner Tochter Magdalena allein. Die hat sich allerdings inzwischen einer undurchsichtigen freikirchlichen Vereinigung angeschlossen, so dass er sie kaum mehr zu Gesicht bekommt. Wüsste er, mit wem sie sich eingelassen hat, wäre seine Sorge noch größer. Und nun sitzt ihm auch noch der hochgradig unsympathische Staatsanwalt von Vennebeck im Nacken, mit dem ihn eine tiefsitzende Feindschaft verbindet, hatte dieser doch vergeblich versucht, Reineking die Schuld am Tod seiner Frau nachzuweisen.
Es geht um einen seltsamen Leichenfund unterhalb des Kaiser-Wilhelm-Denkmals an der Porta Westfalica. Jemand ist offensichtlich verbrannt, doch keinerlei Spuren lassen auf eine Ursache schließen. Reineking und sein Kollege Wehner sind zunächst ratlos, doch dann findet sich bei der kriminaltechnischen Untersuchung der Brandasche ein rätselhaftes antikes Medaillon.
Das soll als erste Exkursion in die nicht unkomplizierte Handlung des Romans Pforte des Todes, mit dem sich Krimi-Altmeister Willi Voss nach mehreren Jahren Publikationspause zurückmeldet, genügen. Freunde des Okkulten werden an dem Buch ihre helle Freude haben, denn das mysteriöse Fundstück weist den Weg zurück in uralte Zeiten. Die mittelalterlichen Tempelritter, so erklärt Dr. Fischer-Balte, ein hochbetagter Experte für seltsame Altertümer, dem die Polizisten das Medaillon präsentieren, seien bei ihren Ausgrabungen im Heiligen Land auf Aufzeichnungen gestoßen, die ein geheimes Wissen dokumentierten, das geeignet sei, "die Rätsel des Todes nicht nur zu lösen, sondern ihn in gewisser Weise zu überwinden". Da wundert es wenig, dass sich immer wieder Zeitgenossen finden, die mit Begeisterung auf den Spuren der alten Ägypter, denen sich die entsprechenden Techniken offenbar verdanken, wandeln. Argwöhnisch beäugt natürlich von den Vertretern der offiziellen Glaubensgemeinschaften, allen voran der Vatikan und dessen Geheimdienst. Und alle wollen sie des sagenhaften Medaillons, das den Schlüssel zum großen Geheimnis birgt, habhaft werden. Dass dabei auch über Leichen gegangen wird, versteht sich angesichts des Genres von selbst.
Damit hätten wir auch schon fast das Personal dieses durchaus spannenden und routiniert erzählten Kriminalromans beisammen, dessen Lektüre Ihrem, dem Esoterischen eher abgeneigten, Rezensenten nicht langweilig geworden ist. Souverän hält Voss die Fäden der parallel verlaufenden Handlungsstränge im Griff, sorgt nebenbei dafür, dass der traurige Held Reineking wenigstens in erotischer Hinsicht auf seine Kosten kommt, und präsentiert zum Schluss einen fulminanten Showdown. Hoffen wir für Autor und Verlag, dass sich der Griff in die Mythenkiste ebenfalls bezahlt macht.

   
 

Louise Welsh: Das Alphabet der Knochen (Naming the Bones, 2010). Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. München: Kunstmann 2010. 430 Seiten. € 22,-.

Dr. Murray Watson, Literaturwissenschaftler an der Universität Glasgow, hat es nicht leicht. Sein Künstlerbruder Jack provoziert ihn mit Videoarbeiten, die sich dem demenzerkrankten Vater der beiden widmen. Die Affäre mit seiner Kollegin Rachel könnte, würde sie öffentlich, unangenehme Folgen für seine Karriere haben, schließlich ist die Dame mit dem Chef des Fachbereichs verheiratet. Und mit der Forschung geht es auch nicht so recht voran. Ausgerechnet dem früh verstorbenen Dichter Archie Lunan, dessen überschaubarer Nachlass wenig aufschlussreich ist, will Watson eine Biografie widmen. Als Sechzehnjähriger war ihm in einem Antiquariat eine Ausgabe von Lunans einzigem Lyrikband Moontide in die Hände gefallen. Fasziniert von dessen Cover hatte er das Büchlein für 50 Pence erworben, war aber erst zwei Jahre später, als er das erste Studienjahr bereits hinter sich hatte, dazu gekommen, es zu lesen. Und das nicht nur einmal. Denn von der Gedichtsammlung "ging ein Zauber aus, der Dr. Murray Watson wie ein stiller Schatten durch die Plackerei der akademischen Welt" begleiten sollte.
Das behauptet zumindest die englische Autorin Louise Welsh, deren neuer Roman Das Alphabet der Knochen von den existentiellen Abgründen erzählt, in die literaturwissenschaftliche Forschung manchmal führen kann. Je mehr sich Watson nämlich mit den kryptischen Notizen beschäftigt, die Lunan hinterlassen hat, desto rätselhafter erscheint ihm das kurze Leben des dichtenden Bohemiens. Auch das Urteil des einzigen Zeitzeugen, den er zunächst auftreiben kann, klingt eher entmutigend: "Der Kerl war ein Nichts. Kein richtiger Dichter und auch kein richtiger Mann." Doch Watson ist wild entschlossen zu beweisen, dass es sich bei Archie Lunan eben nicht nur um einen drogenvernebelten Hippie gehandelt hat, dessen Nachruhm mehr seinem frühen Tod bei einem Segelunfall als seinem literarischen Talent geschuldet ist.
Bis auf die vor der Westküste Schottlands gelegene Insel Lismore, von der Lunans Mutter stammte und wo der Dichter die letzten Monate seines Lebens in einer Kommune verbrachte, führen die Nachforschungen, um in einem, wie es sich für einen mit Elementen der Schauerromantik spielenden Roman gehört, dramatischen Finale zu gipfeln. Und man stellt befriedigt fest, dass sich jene Figur aus Watsons Umgebung, die schon früh ausgesprochen verdächtig wirkte, tatsächlich als ein Ausbund an diabolischer Energie entpuppt.
Louise Welsh ist mit Das Alphabet der Knochen eines jener reizvollen Bücher gelungen, die eine anständige Dosis Sex und Crime literarisch so geschickt verpacken, dass einer kulturell ambitionierten Leserschaft kaum auffällt, wie an ihre niederen Instinkte appelliert wird. Und das ist doch überaus erfreulich.

   
 

Friedhelm Werremeier: Trimmels letzter Fall. Roman. Mit einem Nachwort von Frank Göhre. Bielefeld: Pendragon 2009. 232 Seiten. € 9,90.

Die berühmten schmalen Taschenbücher aus der rororo-Thriller-Reihe hatten, unabhängig vom jeweiligen Inhalt, zwei unverkennbare Merkmale. Da war zum einen die notorisch witzige Anzeige für Pfandbriefe und Kommunalobligationen, die sich gewöhnlich weiter hinten im Buch fand, und zum anderen das dem eigentlichen Roman vorangestellte Verzeichnis der "Hauptpersonen", wie es in der Überschrift hieß. Da fanden sich in der Regel um die zehn, mit betont kryptischen Begleittexten versehene Namen. "Göta Isaksson erinnert sich an etwas und sagt es", heißt es beispielsweise im ersten der Martin-Beck-Krimis des Autorenpaars Sjöwall/Wahlöö, Die Tote im Götakanal.
Wer Trimmels letzter Fall von Friedhelm Werremeier liest, wünscht sich, dass der Pendragon Verlag diese Sitte weiterpflegen würde. Allein um die 20 Figuren tauchen nämlich allein auf der Seite der Gesetzeshüter auf, die Namen wie Blaukopf, Golz oder Speer tragen. Und mitten unter ihnen agiert der inzwischen pensionierte Hauptkommissar Paul Theodor Trimmel, der vor über 40 Jahren in Werremeiers, damals unter dem Pseudonym Jacob Wittenbourg veröffentlichten, Krimidebüt Ich verkaufe mich exklusiv seinen ersten Auftritt hatte. Der Roman erschien übrigens, wie auch die meisten seiner Nachfolger, als rororo-Thriller.
Einem Massenpublikum bekannt wird Trimmel allerdings als erster "Tatort"-Ermittler. Insgesamt werden zwischen 1969 und 1982 elf seiner Fälle für die Reihe verfilmt. Als "Unglück" schätzt ein Kritiker, der Werremeier als Konstrukteur kühner Plots lobt, diese enge Zusammenarbeit ein. Vielleicht zu Recht, lässt sie doch die literarische Leistung eines der großen Modernisierer des Genres in Deutschland hinter der populären TV-Version verschwinden. Denn Friedhelm Werremeier ist nicht nur ein Meister lakonischen Erzählens, er hatte auch als gelernter Reporter ein untrügliches Gespür für aktuelle Themen.
Und nun ermittelt er wieder, der "'Tatort'-Kommissar der ersten Stunde", wie es erwartungsgemäß auf dem Cover des hübschen Taschenbuchs heißt. Und dies in zunächst rasanter Geschwindigkeit. Gleich im ersten Kapitel nämlich wird Trimmels Lebensgefährtin Gaby während eines gemeinsamen Kuraufenthalts in Bad Salzuflen ermordet, und nur wenige Seiten später hat der alte Kommissar den Täter ermittelt. "Ein abgerundetes Meisterstück", urteilt der Erzähler, und wie gerne würde man dieses Qualitätssiegel auch dem ganzen Roman verleihen, doch leider stürzt Trimmels letzter Fall seine Leser eher in Verwirrung, als dass er Lektürevergnügen bereiten würde. Dazu trägt nicht allein das  nur schwer überschaubare Figurenensemble bei, auch der Plot scheint mir mit dem Attribut "komplex" noch nicht hinreichend beschrieben.
Nach dem Salzufler Fall nämlich geht der "ehemalige Mordbereitschaftsleiter" zwar in den vorzeitigen Ruhestand, doch als "ein für lange Zeit namenloser Zombie das Entsetzen über die Stadt" bringt, wird sein kriminalistischer Sachverstand ein letztes Mal gefordert.
Der Hund eines Spaziergängers stößt am Ufer eines Tümpels auf eine menschliche Hand, die zweifelsfrei einem verschwundenen kleinen Mädchen zuzuordnen ist. LKA-Leiterin Annette Rechberg wähnt einen Serienmörder am Werke. Später findet Trimmel im Keller seines Hauses den Kopf der Leiche. Offenbar hat der Täter eine persönliche Beziehung zu dem pensionierten Kriminalisten. Die Spur führt zurück zum Fall des Zuhälters Connie Schiefelbeck, dem Trimmel nicht nachweisen konnte, dass er seine Geliebte Angy Brock vorsätzlich ermordet hatte. Doch Schiefelbeck ist tot ... Dafür lebt Lori Wismar, eine vierfache Prostituiertenmörderin. Und sie ist auf freiem Fuß.
Wie alle diese Dinge zusammenhängen, wird irgendwann im Laufe des Romans in gekonnt lakonischen Halbsätzen geklärt, doch man gewinnt nicht den Eindruck, als ob dem Autor an solcher Aufklärung wirklich viel läge. Interessierter scheint er an Trimmels Biographie zu sein, deren Abgründe nun endlich ausgeleuchtet werden. Außerdem versorgt uns Werremeier mit einer die Literarizität des kriminellen Geschehens betonenden Rahmenhandlung.
Um es kurz zu machen: Trimmel letzter Fall ist der Abgesang auf einen großen Ermittler, ein Satyrspiel, das 25 Jahre, nachdem der letzte der 14 Bände dieses bundesrepublikanischen Sittenbildes erschien, einen Schlusspunkt setzt. Interessierte Leser sind nicht schlecht beraten, wenn sie vor der Lektüre den einen oder anderen der alten Fälle studieren, zum Beispiel Trimmel hält ein Plädoyer von 1976. Im Buchhandel allerdings wird man die Titel vergeblich suchen, sie sind sämtlich vergriffen. Aber noch wird man bei den einschlägigen Internet-Antiquariaten für wenig Geld fündig.

   
 

Manfred Wieninger: Prinzessin Rauschkind. Ein Marek-Miert-Krimi. Innsbruck/Wien: Haymon 2010. 204 Seiten. € 19,90.

Wer heute als fiktiver Ermittler, sei es im Staatsdienst oder als Privatunternehmer, reüssieren will, braucht unbedingt einen möglichst skurrilen Computerexperten in seinem Umfeld. Was mir erst neulich bei der Lektüre von Jo Nesbøs Roman Leopard auffiel, bestätigte sich nun wieder, als ich Manfred Wieningers schwergewichtigen "Diskont-Detektiv" Marek Miert bei der Suche nach dem verschwundenen Liebhaber einer jungen Dame begleiten durfte. Mausl lautet der Spitzname eines ehemaligen Klassenkameraden, der sich schon während der Schulzeit als ausgemachter "Nerd" profiliert hatte und nun zwischen "Schaltkästen, Festplatten, Messkonsolen" und anderen elektronischen Geräten ein Einsiedlerdasein fristet. Miert braucht Mausls Hilfe bei der Rekonstruktion von Dateien, die sich auf dem Laptop des vermissten Galans befinden. Selbstredend wird der Digital-Eremit fündig und spielt dem Detektiv damit Informationen in die Hand, die für eine rasche Auflösung des Falles sorgen.
Allerdings begegnen wir Mausl erst auf Seite 117 dieses knapp 200 Seiten umfassenden Kriminalromans, so dass sich die berechtigte Frage stellt, womit Miert bis dahin seine Zeit verbracht hat. Nun, der preiswerte Ermittler aus dem niederösterreichischen Harland war angesichts der Aussicht auf ein allzu spärliches Honorar zunächst gar nicht gewillt, der "anämischen Blondine", die unter anderem als Sprechstundenhilfe bei seinem Zahnarzt jobbt, seine professionelle Hilfe angedeihen zu lassen. Doch als er durch Zufall über eine Leiche stolpert, die dem Gesuchten verblüffend ähnlich sieht, und zudem noch als Verdächtiger eine äußerst unangenehme Nacht im Polizeigewahrsam verbringen muss, ist sein Jagdinstinkt geweckt. Und er befindet sich schon bald auf einer Spur, die sich, nicht zuletzt aufgrund der bereits erwähnten Laptop-Untersuchung, als heiße erweist.
Nun handelt es sich bei Prinzessin Rauschkind, dem sechsten Marek-Miert-Krimi des St. Pölteners Schriftstellers, nicht um einen Roman, der von seinem Plot lebt. Dessen Zweck besteht vor allem darin, dem Detektiv, der seine überwiegend trostlose Lage mit bissiger Selbstironie zu schildern versteht, Anlässe für kleine Erzählungen und allgemeine Reflexionen aus dem beschädigten Leben zu bieten. Wir lesen von tragisch endenden Trinkwettbewerben, nehmen Anteil an kriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Taxiunternehmen und  staunen über vermeintliche Spontanheilungen im Wallfahrtsort Lourdes. Und das ist, da unser Held von der Wortgewalt des Formulierungsartisten Manfred Wieninger profitiert, ein nicht unbeträchtliches Vergnügen, so dass man gerne den einen oder anderen losen Handlungsfaden ignoriert. Wie sagt noch der alte Kommerzialrat Sabitzer, eine der zahlreichen Nebenfiguren dieses Romans, nachdem Miert ihm eine bemerkenswert pointenarme Begebenheit aus seinem Detektivleben erzählt hat: "Für mich war es eine gute Geschichte."

   
 

Gabriella Wollenhaupt: Es muss nicht immer Grappa sein. Kriminalroman. 219 Seiten. Dortmund: Grafit 2008. € 8,95.

Aus der deutschen Krimilandschaft sei sie nicht wegzudenken, die spitzzüngige Reporterin Maria Grappa, behauptet keck der Werbetext des Dortmunder Grafit Verlags, in dem seit 1993 anderthalb Dutzend Abenteuer der Amateurdetektivin erschienen sind. Mir ist das bislang problemlos gelungen. Die ersten siebzehn Romane konnte ich schon deshalb getrost ignorieren, da mein Bedarf an Ruhrpott-Krimis durch eine andere, im selben Verlag beheimatete Serie vollauf gedeckt schien. Außerdem war mir eine Heldin, die nach einer Schnapssorte benannt ist, schlicht zu albern.
Als mir aber nun Band Nummer 18 mit dem, zugegeben gar nicht so blöden, Titel Es muss nicht immer Grappa sein ins Haus geschickt wurde, war ich doch ein wenig neugierig, probierte die ersten Zeilen aus und war zunächst positiv überrascht. "Nicht alles, was sich hinten reimt, ist ein Gedicht", hieß es da. "Und nicht jede Frau über siebzig eine harmlose Oma. Ekaterina Schöderlapp ging viele Jahre lang als Oma durch. Das war ihre Stärke."
Die Stärke der Fernsehredakteurin Gabriella Wollenhaupt, der wir außer den Grappa-Romanen noch ein paar historische Krimis verdanken, ist das Formulieren ebenso lakonischer wie prägnanter Sätze. Ihre Schwäche ist eine verhängnisvolle Neigung zum Klamauk, die sich hier in der Wahl des Nachnamens des Mordopfers - Frau Schöderlapp trägt eine Plastiktüte über dem Kopf und ist mausetot - offenbart. Was in den Romanen Thomas Manns einen skurrilen Effekt haben mag, bekommt einem Krimi, auch wenn er nicht in die ernste Abteilung des Genres gehört, gewöhnlich weniger gut. Und das ist in diesem Fall besonders tragisch, denn die grob humorigen Elemente des Romans kollidieren auf unschöne Weise mit einer angenehm knappen Erzählweise, deren Komik subtilerer Natur ist. Warum muss Dortmund "Bierstadt" heißen? Was verspricht sich die Autorin von einer an miserable deutsche TV-Comedy erinnernden Nebenhandlung um den transsexuellen Ehemann einer Kollegin Grappas? Und wen möchte sie mit der langatmigen Parodie einer Fernsehsoap amüsieren?
Mir scheint es, als ob Wollenhaupt, trotz aller Routine, ihrem eigenen Erzähltalent nicht so richtig traut und deshalb meint, eine solide Krimihandlung um Kaviarschmuggel und andere gesetzwidrige Aktivitäten mit allerlei Quatsch aufpeppen zu müssen. Wahrscheinlich aber verhält es sich leider so, dass ihre zahlreichen Leserinnen und Leser genau diese Art von Humorprodukt von ihr erwarten.

   
 

Walter Wolter: Der Fremde aus dem Wald. Bruno Schmidts letzter Fall. Merzich: Gollenstein 2009. 220 Seiten. € 14,90.

Mit Schmidts zweitem Fall, Geliebter Räuber (2004), wechselte Wolter zum saarländischen Gollenstein-Verlag, wo auch die weiteren Folgen der Reihe herauskamen. Und es stimmt uns traurig zu vernehmen, dass nun mit Der Fremde aus dem Wald offenbar Schluss sein soll. Wir haben den raubeinigen Ermittler nämlich ins Herz geschlossen und würden ihm gerne auch weiterhin bei der Arbeit zusehen. Zu verdanken hat Schmidt diese Anhänglichkeit dem Erzähltalent seines Schöpfers. Walter Wolter schreibt eine Prosa, die in ihrer Mischung aus Witz und Lakonie in der deutschsprachigen Kriminalliteratur ihresgleichen sucht. Da sitzt jedes Wort am richtigen Platz, und es fehlt auch nicht jenes Quäntchen Sentimentalität, ohne das seit Chandler kein hartgesottener Detektivroman auskommt.
Der Fremde aus dem Wald zeigt Bruno Schmidt zunächst von seiner schwachen Seite. Gerade fünfzig geworden, muss er damit fertig werden, dass seine langjährige Freundin einen jüngeren Liebhaber gefunden hat. Schmidt leidet. Allerdings nur im Geheimen. Ein harter Bursche wie er kennt schließlich keinen Trennungsschmerz. Da kommt ihm ein scheinbar lukrativer Auftrag gerade recht. Einem schwerreichen Autohändler ist der neue Freund des geliebten Töchterleins ein gewaltiger Dorn im Auge. Schmidt soll den unliebsamen Schwiegersohn in spe notfalls mit Gewalt davon überzeugen, dass er besser das Weite sucht. Dies gestaltet sich allerdings ein wenig schwierig, handelt es sich doch um einen exzellent trainierten Kampfsportler, dem mit der Routine des Ex-Boxers nicht so ohne Weiteres beizukommen ist. Zudem scheint der junge Mann zu einer nicht ungefährlichen Bande von Schutzgelderpressern zu gehören, die den Geschäftsleuten der Region das Leben schwermacht. Aber damit nicht genug. Schmidt hat noch ein anderes Verbrechen aufzuklären, allerdings ohne dass ihm jemand einen Auftrag erteilt hätte. Der Fremde aus dem Wald, auf den der Titel des Buches verweist, ist ein offenbar zu Tode geprügelter Schwarzer. Und obwohl ihn niemand zu identifizieren weiß, wird anonym eine hohe Belohnung für die Aufklärung der Tat ausgesetzt.
Wie es sich für das Genre gehört, fordern die Ermittlungen Schmidts Verstand ebenso heraus wie seine Fäuste. Der alte Kämpfer erhält reichlich Gelegenheit zu zeigen, was in ihm steckt. Doch der Fall wird so noch nicht gelöst. Vieles ist anders, als es zunächst scheint, und Schmidt muss sich auf manche Überraschung gefasst machen. Irgendwann landet er sogar für kurze Zeit im Knast, eine Episode, die seinen lädierten Seelenzustand wunderbar illustriert.
Ein Kriminalroman also, der seine Leser, anders als den Helden, wunschlos glücklich machen könnte, wäre da nicht der Plot. Für meinen Geschmack ist es ein bisschen viel, was uns Walter Wolter hier auftischt. Während er die Geschichte um die Schutzgelderpresser relativ abrupt ihrem Ende zuführt, spinnt er um die Leiche im Wald ein ganzes Knäuel von Handlungsfäden, um diese kurz vor Schluss in Windeseile wieder zu entwirren. Aber diesem kleinen Makel zum Trotz: Der Abschied von Bruno Schmidt fällt uns schwer, und wir schließen das Buch in der Hoffnung, dass es doch noch nicht sein letzter Fall gewesen sein wird.