Beeindruckend, vom Start weg: das Poetmag
des Onlinemagazins "Poetenladen", herausgegeben von
Andreas Heidtmann. Sauber gesetzt, fadengeheftet, perfekt lektoriert,
vermitteln die Hefte ein gediegenes Bild. Die Nr. 1 präsentiert
auf 174 Seiten zur einen Hälfte Lyrik, dann Prosa und vier
kurze Essays und ein Interview, in der (noch) umfangreicheren
Nr. 2 ist das Verhältnis ähnlich, mit vier Interviews
- der Charakter des "Poetmag" ist eindeutig der einer
Primärliteraturzeitschrift. Weit überwiegend handelt
es sich um Erstveröffentlichungen. Eine verblüffende
Mischung aus Newcomern und bekannten AutorInnen präsentiert
verschiedene Generationen und Stile auf hohem Niveau. Ein schöner
dichter "Eckbank"-Text von Frank-Wolf Matthies steht
neben einer Kurzgeschichte von Katharina Bendixen, die sich an
einem makabren Zeitungsartikel entzündet, und so unterschiedlich
die Texte zunächst wirken, so sind sie doch wie der überwiegende
Teil der Prosa dominiert von einem ruhig assoziierenden Ich. Elke
Erb eröffnet das ganze Magazin mit einem Gedicht über
das Sieben. Es fällt auf, dass viele der Gedichte das Vergehen
thematisieren. Heft Nr. 2 schlägt in der Lyrik einen etwas
anderen Ton an, die Palette ist breiter gefächert, und selbst
innerhalb der Autorenblöcke, etwa bei den beiden Gedichten
von Ruth Johanna Benrath, wechseln die Ausrichtung und der Ton
kräftig. Die Prosa ist hier tendenziell etwas erzählender,
auch rückblickender, etwa in den Geschichten von Christine
Hoba und Katrin Vetters.
Eine Zeitschrift für ganz Andersartige ist KULT
aus Goldbach bei Aschaffenburg. Der Macher, Karl-Heinz Schreiber
alias Karlyce Schrybyr, bezeichnet sein Heft als "Poesychaotycum
fyr ketzerysche Ästhetyk". Das soll man dreimal lesen.
Fertig? Schon hat man seinen Tribut an Herrn Schreiber abgeleistet.
Im Mantelteil setzt er für jedes "i" ein "y".
Das wyrkt natürlych yrre ketzerysch, das beeyndruckt sycher
die Mächtygen dyeser Welt. Was das Layout angeht, ist das
"y" allerdings berechtigt, denn es verschleiert das
Wort "Laie". Anfangs verursacht das Blättern sogar
Kopfschmerzen - und das yst endlych rychtyg subversyv. Der eigentliche
Inhalt des Heftes, simpel gesetzt und mit zahlreichen Fehlern
gespickt, bietet merkwürdige "Prossa" (ja), "Lyryk"
(war klar), und auch sehr viele Rezensionen ("rezyLYTERATYR")
des Herausgebers selbst zu Büchern, von denen etwa die Hälfte
in exotischen Kleinstverlagen erschienen ist. Ein paar Entgleisungen
("Hier blutet eine slavische Seele") und Erstsemester-Arbeiten
stehen neben soliden Kritiken - KULT ist ein Heft mit einer Substanz,
die leider völlig zugedeckt wird von aufdringlicher Freakigkeit.
Dem Phänomen Kultur und Gespenster
wurde gerade vom Deutschen Literaturfonds eine hohe Förderung
zugesprochen, vermutlich war das bitter nötig, denn ein solches
Unternehmen kann man nur mit einem gewaltigen und riskanten Feldzug
vergleichen. Plötzlich war dieses Kulturmagazin da, als wäre
es zehn Jahre lang in der stillen Tiefe des Raums vorbereitet
worden. Das erste Heft ist das dünnste und geschlossenste,
es beschäftigt sich mal enger, mal weiter mit Hubert Fichtes
Werk und Welt, vom Leben seiner exzentrischen Bekannten bis zur
"Künstlerischen Feldforschung in Tansania". Seitlich
dazu angeordnet sind typische intellektuelle Lieblinge wie Alexander
Kluge. Germanistische Kryptiker surfen über Medienthemen,
um zu zeigen, was einem dazu so einfallen kann, dazwischen gibt
es merkwürdige Fotostrecken und Werbeanzeigen von Hipster-Unternehmungen,
die bis vor kurzem noch "Plattformen" hießen.
Kathrin Röggla erledigt zuverlässig ihren Job. Ein großes
raunendes Crossover - aber: Das Sammelsurium hält hohen Ansprüchen
stand. Besser lektoriert als die besten Tageszeitungen dieser
Republik, legt diese Zeitschrift auch inhaltlich einen Maßstab
vor, allerdings bleibt die Frage, wer das Material bewältigen
soll, und manches ist sehr geschmäcklerisch.
Das Nachfolgeheft 2 "Unter vier Augen" beschäftigt
sich grob gesagt mit dem Interview, doch wird die ausufernde Bandbreite
zur reinsten Leistungsschau. Dass thematisch einiges aus dem Ruder
läuft, macht aber auch hier nichts, denn immer ist "K&G"
interessant, wie eine "Vanity Fair" für Dr. phil.´s.
Jörg Schröder fahndet verkleidet nach Reemtsma, Thomas
Bernhard wird gehuldigt, während er selbst live grantelt.
Wieder sind Kluge und Röggla im Boot, und dass man den Primärtext
kaum von der Forschung unterscheiden kann, finden die Herausgeber
vermutlich richtig klasse. Diskurse darüber, ob Interviews
nicht per se Manipulationen darstellen, sind schlicht langweilig.
Anschließend macht K&G dem "Kunstforum International"
Konkurrenz, dann folgt der göttliche Text vom göttlichen
Robert Neumann, "Spezis in Berlin" (1966), den jemand
wiederentdeckt hat, und zum Schluss wird das Thema Comics abgedeckt.
"Aufhör´n", möchte man japsen und muss
doch das meiste lesen.
Heft 3a setzt an zum Overkill. "Wirklich wahr", dieses
Allzweckthema bezeichnet das Eingeständnis, dass eine Grenzensetzung
nicht mehr möglich ist - und Teillieferung 3b soll erst noch
kommen. Ernst Jünger wird mit den Beatniks verglichen, na
gut, Jünger wird seit Jahrzehnten mit allem verglichen, was
nicht bei drei auf den Bäumen ist, und diesmal sind auch
Frösche mit dabei. Bekifft geht es weiter: Die Alt-Anarchos
der Edition Nautilus reden auf sehr sympathische Weise sehr verworrenes
Zeug. Fotostrecke und Comic. Dinge, von denen man noch nie etwas
gehört hat: Audiopietisten. Bildende-Kunst-Strecke. Enno
Stahl fordert mal wieder mehr Arbeiter in der Literatur. Eine
Fotostrecke, leider so interessant wie Gerümpelräume.
Eine wichtige, weil handfeste Untersuchung über Copyrightprobleme,
von Sebastian Burdach. Und Rezensionen. Und Comicdiskurs und und
und bis zur Formlosigkeit. Wann kommt der Herzinfarkt, liebe Herausgeber?
Manko: Die Schrifttype ist zu klein, und Autorenangaben fehlen.
Fazit: einfach plättend, einfach zu viel, einfach danke.
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