Links:

Schwartzkopff
sprachgebunden
Dreischneuß
Dichtungsring
Edit
Härter

 
Zeitschriftenschau 51
Anne Smirescu
 

Literaturzeitschriften sind Objekte von Irren und Idealisten: Es gibt keine ernst zu nehmende, die Gewinn einspielt. Natürlich musste auch der Aufbau-Verlag, wie sollte es anders sein, bei der gutenalten ndl draufzahlen und war einigermaßen froh, sie in andere Hände abgeben zu dürfen. Jetzt könnte man charmanterweise sagen, die Schwartzkopff Buchwerke hätten sich mit der Übernahme der ndl einfach verkalkuliert. Aber diese Zeitschrift nach nur einem Jahr (und einem eher verunglückten Umbau ins Feuilletonistische hinein) fallen zu lassen, spricht nicht von Verantwortung und Voraussicht bei Schwartzkopff und wirkt auf den gesamten Verlag zurück. Dem Herausgeber Jürgen Engler bot man eine "Fortsetzung" als jährliche Anthologie an. Jetzt ist dieses Ungetüm von 375 Seiten und 112 Beiträgen da. Wer soll es bewältigen? Auf dem Schutzumschlag des ndl-Hardcovers stehen die Namen der mitwirkenden Kondolierenden. Die Textauswahl ist mäßig bis sehr gut, heraus ragen Barbara Maria Kloos, Georg Klein mit einer Story, die eigentlich einen Roman hätte abgeben sollen, Martin Jankowski, Susanne Krahe und Thomas Lang. Es gibt nur wenige, umso verblüffendere Ausrutscher, interessanterweise in den beiden Randlagen der Jüngsten (Isabelle Lehn) und Ältesten (Peter Gosse).

Genug der eingestellten Zeitschriften. Neue Magazine sind manchmal so hoffnungsvoll schick gemacht, dass man vermutet, die jungen Herausgeber hätten fürs erste Heft schon eine Erbschaft aufgebraucht und es werde nie eine Nummer zwei erscheinen. Die sprachgebunden ist vom Namen her zwar grauenvoll Germanistik-lastig, überrascht dann aber mit einem so präzisen wie leichtfüßigen Layout und überwiegend starker Lyrik sowie einer sauberen, nur halt recht essayhaften Prosa. Ein erstklassiges Naturbild von Ron Winkler ("die Katzen unverändert / per Sie mit ihrer Umgebung") eröffnet die sprachgebunden, die einen geradezu frühreifen Eindruck hinterlässt.

Oft sieht man gewisse Autoren auf einen Schlag in vielen Literaturzeitschriften vertreten, so als hätten sie ihre halbe Festplatte ausgedruckt und verschickt und dann einen Schrotschuss-Treffer gelandet. Stefanie Golisch z.B. scheint momentan in jedem zweiten Magazin zu stehen. Auch im letzten Dreischneuß - derjenigen Literaturzeitschrift, die zusammen mit Am Erker zu den chronisch titelerklärungsbedürftigen dieses Landes gehört. (Nebenbei: Die Erker-Redaktion plante schon mal, einfach einen Postschlitz in einer abgelegenen oberschwäbischen Dorfstraße zu mieten, die ‚Am Erker' heißt, damit man als Briefkastenfirma zumindest auf die Anschrift verweisen könnte. Dazu passt dann ein Mafia-Konto auf den Cayman Islands.) Was ist ein Dreischneuß? Eine Verzierung im gotischen Mauerwerk, ein Schnörkel, eine Mauerblume. Thema dieses Heftes Nr. 17 ist der Schlaf. Typischerweise fallen die meisten Texte und Gedichte statisch aus und erzählen keine Geschichten, das liegt nahe. Zu nennen sind besonders Kerstin Kempker und Marion Hinz, oder Hannah Rau mit dem schönen Wort "Bleierness". Allerdings kann das Bildersuchen auch danebengehen, wie etwa bei Myriam Keil, die in einem kleinen Halbsatz gleich zwei schiefe Bilder unterbringt: "... mein Mund ist gespickt mit Eiswürfeln."

Durcheinandergewürfelt geht es weiter im Dichtungsring Nr. 33. Geschlagene sechzehn Namen umfasst die Redaktionsgruppe - da muss es zur inhaltlichen und stilistischen Beliebigkeit kommen, noch dazu bei einem Schwurbelthema wie "Ende der Wirklichkeit". Und Zeitschriften sollten sich Editorials per Statut verkneifen. "Thematisch breit gestreut waren die Einsendungen, die uns erreichten, und schwer die Auswahl." Ersteres ist banal und Letzteres unglaubwürdig, wenn die Hälfte der Beiträge aus der Redaktionsgruppe selbst stammt. "Was für einen Autoren, eine Autorin das Ende einer Wirklichkeit bedeutet, können wir als Herausgeber nicht wirklich beurteilen. Da hilft nur Subjektivität, gepaart mit dem Korrektiv des Redaktionsgruppe." Dieses Korrektiv hat offenbar eher ans Paaren gedacht als an die Redaktionsarbeit. "Es hat uns gefallen, das Ende der Wirklichkeit auch gestalterisch zu betonen durch den Mangel an Farbe und vielleicht ist auch eine leere Seite ein Ende der Wirklichkeit, weil die Worte fehlen." Das könnte sein Gutes haben - dadurch spart man Druckkosten. Übrigens ist der Dichtungsring die dritte Zeitschrift dieser Schau, die aus Bonn kommt. Bonn? Geht da was?

Edit aus Leipzig schwächelt offenbar. Die Prosatexte sind Ausschnitte, wie Teaser, so als sollten die Autoren damit nur mehr auf Werbetournee gehen. Die Texte kommen kaum in Fahrt und bleiben auch stilistisch ziemlich risikoscheu. Dazu gibt's langweilige Konzeptkunst, die von einem Kunsthistoriker satirereif aufgebläht wird. Zum Schluss versucht sich jemand an Oswald Egger, mit einem ähnlichen Resultat wie Eggers Lyrik selbst: Man würde es ja gerne verstehen, allerdings müsste man dazu dieselbe Droge wie der Autor einwerfen - nur: welche ist das bloß?

Zum Schluss flattert der Härter rein und bietet sich an für eine Blitzbesprechung: Der Härter sieht aus der Erker früher. Wie ganz-ganz früher. Social-Beat-Rotzigkeit, typografisches Temperament, ausgeschnibbelte Bilder und Copyshop-Layout. Warten wir ein paar Jahre.

 
  • small talk im holozän. neue deutsche literatur. Hrsg. von Jürgen Engler, Berlin, Schwartzkopff Buchwerke, Herbst 2005, € 19,90.
  • sprachgebunden Nr. 1, Bonn/Berlin, Sommer 2005, € 7,-
  • Der Dreischneuß Nr. 17, Lübeck, Sommer 2005, € 3,20
  • Dichtungsring Nr. 33, Bonn, Herbst 2005, € 6,90 (nur Abonnement)
  • Edit Nr. 39, Leipzig, Herbst 2005, € 5,-
  • Härter Nr. 11, Leipzig, 2005, € 5,-
 
 
  Neu: Am Erker Nr. 67

Am Erker 66

Leib und Seele - Texte von Jan Wagner, Hannah Dübgen, Adriaan van Dis, Marcus Jensen u.a., Essays u.a. von Michael Wildenhain über die Debatte zur gesellschaftlichen Relevanz der deutschen Gegenwartsliteratur. Interview mit Enno Stahl. Dazu Rezensionen zu Büchern und Zeitschriften