Texte
Am Erker 58, Münster, Dezember 2009
 

Vladimir Zarev
Helden der Arbeit

Der 1. Mai 1946 kam tändelnd und festlich daher. Die Fahnen zitterten erwartungsvoll, die Natur blühte mit dem Schmuck der Straßenzüge um die Wette. Seltsame Zeichen kündeten von seltsamen Zeiten. Nebenan in der Stadt Kula war ein Kind geboren worden mit sechs Zehen an einem Fuß und Schwimmhäutchen dazwischen. Ein Neger war vor einer Woche in Widin aufgetaucht, keiner wusste, woher. Seine Zähne lachten so blendend weiß aus der Schwärze seines Gesichtes, dass einen das Mitleid packte vor so viel Einsamkeit. Die Kirschblüte kam spät und dann rosa statt weiß, gefolgt vom trüben Frühjahrshochwasser der Donau. In den schäumenden Fluten grollte noch bedrohlich der Geschützdonner des eben vergangenen Krieges.
Die Sümpfe säumten sich mit Fliederstaub und spiegelten in ihren schlierigen Wässern das auferstehende Leben. Der Markt füllte sich wieder mit Bauern. Aus den Kaffeehäusern drang das Knallen der Würfel auf Tisch oder Spielbrett. Im Keller der Bezirksverwaltung walkte ein Mann, auf dessen Brust eine Loreley tätowiert war und den alle nur den Bärentöter nannten, hingebungsvoll seine Vorgesetzten von gestern und andere "faschistische Ausgeburten" durch wie zum Beispiel Polizisten, Fabrikanten oder Großkaufleute, die mit den Deutschen Geschäfte gemacht hatten und nicht weitsichtig oder mutig genug gewesen waren, das letzte Schiff zu nehmen, das noch ungehindert vor dem Einmarsch der Russen in Bulgarien am 5. September 1944 im Frühnebel nach Wien abgedampft war. Im tierisch riechenden Schweiße nicht nur seines Angesichtes und mit dem Eifer eines Inquisitors zog er ihnen die Haut ab, zertrümmerte ihnen die Knochen und entlockte ihnen so jedes Geständnis, das er brauchte.
Die Mücken wärmten sich in der Sonne und weckten Erinnerungen an das giftgelbe Gespenst der Malaria. Den Widiner Fischern ging eine deutsche Mine ins Netz. Stumpf und gehörnt, glich sie dem Teufel. Sie hatte etwas Blindwütiges an sich, ging aber dennoch nicht in die Luft, wohl weil der Frieden ihren feinen Mechanismus lahmgelegt hatte. Die alten Frauen kamen wieder vor die Tür und schauten als Erstes, wie viele von ihnen den Winter überlebt hatten. Der Dankbare Kotscho deutete seinen letzten Traum und sagte, wenn auch mit Verspätung, die Entwicklung der Atombombe voraus, deren gleißendes Licht den Weg der Menschheit in die Zukunft apokalyptisch ausleuchten sollte. Lehrer Projkov warf ein für allemal seine Pepitafliege fort und trat der Opposition bei. Er begann, Abonnenten für die Zeitung "Freies Volk" zu werben, verherrlichte den vorausschauenden Geist Churchills und der amerikanischen Demokratie, schwang Reden und ertränkte im Pathos starker Worte seine romantische Leidenschaft für die Monarchie. Agitatoren gingen über die Dörfer. Zerlumpte Männer waren das, gewappnet mit nichts als Geduld, billigen Broschüren und verheißungsvollen Worten über das neue Leben. Aus Knechten wurden Bürgermeister. Die alten Gemeindeoberhäupter versteckten ihre Weizenvorräte und machten die Euter ihrer Kühe wund, um eine Hungersnot auszulösen. Das Volk war entzweit und ohnmächtig. Es ging das Gerücht, dass die Frauen nun Gemeingut werden sollten oder - noch schlimmer - den Männern gleichberechtigt, so dass ihre fatale Überlegenheit nun noch klarer hervortreten würde.
Die Zigeuner von Widin begrüßten den freudigen Knospenschlag des Frühjahrs am Tag der Arbeit auf ihre Weise und schmolzen all ihr verfügbares Zinn ein und gingen damit auf die Dorffeste in der Gegend, um Kupferwaren wie Armbänder, Kessel und Henkeltröge gegen Grünspan neu zu verzinnen.
Die ganze Stadt ging auf die Straße, um der Freiheit ein Vivat und Willkomm zuzurufen. Von der geschmückten Tribüne schwenkte die Parteiführung ihre Uniformmützen, in den Holstern der Partisanen schaukelten schwere Pistolen. Alles ertrank in Blumen und Lärm. Vom Balkon des Gebäudes der ehemaligen Bezirksverwaltung dröhnte ein mit neuem Matratzenstoff bezogener Lautsprecher. Jemand ließ einen Papierdrachen steigen. Um ihnen einen Weg durch die Menge zu bahnen, schritten Milizionäre den drei dekorierten Lastwagen voran, die den Festzug bildeten. Der erste Opel war gespickt mit zwei Dutzend Flaggen der Revolution. Auf dem zweiten prangten, vom örtlichen Marinemaler angefertigt, die Porträts von Lenin, Stalin und Georgi Dimitrov. Doch des dritten Opels staunenswerte Last grenzte ans Märchenhafte: Da saß doch tatsächlich, angetan mit einem breitkrempigen Hut, Zwetana, das Dienstmädchen der Tante Allwissend, auf der hölzernen Seitbank und hatte die Aufgabe, der rumänischen Stalinistin Ana Pauker zu ähneln. Barbier Trentscho, der neben ihr saß, gekleidet in gestreifte Hosen und mit einer gewaltigen Kette über der Weste, stellte den Präsidenten Theodore Roosevelt dar. Der Dankbare Kotscho, im normalen Leben Meister der Düfte und Tinkturen, hatte sich frisiert wie Winston Churchill. (Den Kugelbauch besaß er schon.) Herrn Hadschipetkovs Drahtbrille gemahnte an den russischen Außenminister Wjatscheslav Molotow. Und schließlich stand der Schlaffe Kosta auf dem langsam dahinschaukelnden Gefährt und hielt sich mit stolzem Stoizismus an seinen blinkenden Manschettenknöpfen aufrecht. Gekleidet in die Parade-Uniform des abgesetzten Bezirksvorstehers, verkörperte er die Größe General Charles de Gaulles. Das tat er mit einer solchen Schauspielkunst, dass man meinte, seine Nase sei irgendwie deutlich länger geworden und hänge markant herab. Niemand jedoch wollte das hochpatriotische Risiko übernehmen und die Rolle des Generalissimus Josef Stalin spielen, denn jedes noch so kleine Versagen würde so gut wie sicher bedeuten, in den Pranken des Bärentöters zu landen.
Die so personifzierten "Völker" jubelten, aber lächelten nicht. Sie schauten durch die Menschenmassen am Straßenrand in eine Ferne, die jenseits des Kommenden und des Gewesenen lag - kurz: Sie fuhren vorbei mit Blicken, die in eine utopische Zeit gerichtet waren und in denen nichts Menschliches zu lesen war. Sie waren so leidenschaftlich "verbrüdert", dass es keine Kraft gab, die sie vom Sockel ihrer Einigkeit hätte herabstürzen können. Die Leute riefen "Hurra", schwenkten Plakate, die noch nass waren, wischten sich bittersalzige, beinah wollüstig hervorgepresste Tränen ab und warfen Blumensträuße, in denen ihr Herz steckte; denn der Freiheitsrausch eines Volkes zeigt sich in seiner wiedererwachten Unbekümmertheit.
Vielleicht war die Bürde dieser Zurufe zu groß für unseren Opel-Lastwagen mit den Brudervölkern, denn er gab ein rasselndes Schnarchgeräusch von sich und - blieb stehen. Es folgte ein Moment der Verwirrung. Dann kam Bewegung in die "Völker". Sie sprangen von der Karosserie herab und machten sich daran, den Opel des Fortschritts anzuschieben. Oben sitzen blieb nur Ana Pauker. Völlig perplex von diesem wilden Hin und Her und überwältigt von der plötzlich über sie gekommenen Berühmtheit, verschwitzt unter ihrem breitkrempigen Hut und dem übergeworfenen Fuchspelz, begann sie, die Finger in das strassverzierte Handtäschchen ihrer Herrin gekrallt, plötzlich zu schluchzen, und da, genau da gelang es den Brudervölkern am Wagenheck, den Motor wieder ans Laufen zu kriegen ...
Der Schlaffe Kosta floss dermaßen über vor glücklicher Ergriffenheit, wie großartig er seine Rolle als General de Gaulle gespielt hatte, dass er sich im Anschluss an diese erste 1.-Mai-Manifestation in der Schänke "Zum Hasenblut" hemmungslos betrank. Er tat es der Freiheit zu Ehren und in grenzenloser Ehrerbietung vor dem legendären Franzosen. Mit Hilfe des übereifrigen Schneidermeisters Temelko hatten sie die Litzen der Bezirksvorsteher-Uniform auf Hochglanz gebracht, die aufgenähten "faschistischen" Auszeichnungen aber abgetrennt und an deren Stelle ein paar der funkelnden Stanniolpapierchen aufgenäht, mit denen die Pralinen der Marke "Paradis" eingewickelt waren. Der Schlaffe Kosta hatte noch keinen Begriff davon, dass die Freiheit eine Prüfung war, eine Verpflichtung und eine Arbeit des Menschen an sich selbst; er war an diesem Abend überzeugt, dass die Freiheit ein siegreicher General war! Er trank ausgiebig und voller Genuss. Auf seinen Wangen erblühten Veilchen. Schließlich durchdrang ihn das Gefühl, er müsse die Leute anführen, irgendwo hin.
"Ich will Vergeltung, will Gerechtigkeit!", tönte er in promillegestütztem Klassenbewusstsein und führte seine Saufkumpane schwankend, aber entschlossen durch die sternenstille Silbernacht. Sie durchquerten den Park mit seinen duftenden Zypressen, deren Schatten im gelblichen Licht des Vollmonds kriegerisch wie Bajonette aussahen, und marschierten ein ins Restaurant "Royal", wo Herr Wodetschka gerade sein Sodbrennen mit einer Portion Kaisernatron kurierte. Im Separee, dessen Tapeten auch schon frischer ausgesehen hatten, tranken Ilija Weltschev, Tante Allwissend, Gesellschaftsschneiderin Dora und der Eisenwarenhändler Zozolanov Bier. Die hängende Kugellampe über ihnen wirkte schwer wie eine volle Blase. Gina Jotzova hatte noch immer nicht ihren Spleen abgelegt, deretwegen alle sie insgeheim "Tante Allwissend" nannten, und dozierte mit penetrant von ihrer französischen Bildung eingefärbtem Akzent, was die letzten Ergänzungslieferungen der Encyclopédie Larousse ihr an neuem Wissen ins Haus gebracht hatten. Es war ein Wissen von jener Art, wie es die Menschheit in Enzyklopädien schon deshalb aufnimmt, um es nicht ein zweites Mal zu erwerben. Sie sprach gerade über den Zusammenbruch des geozentrischen Systems, das durch Ptolemäus in der Antike verbreitet gewesen war. Ilija Weltschev sagte nichts dazu; aber er sagte auch sonst zu nichts etwas, seit eineinhalb Jahren schon.
"Da haben wir die Schuldigen", erhob der Schlaffe Kosta die Stimme. "Ich will Vergeltung!"
Unbeholfen knöpfte er seinen Hosenstall auf, stellte sich vor den noch am besten erhaltenen Spiegel dieses einstmals royalen Restaurants und ließ unter perlender Klavierbegleitung seinem zerrütteten Organismus, der sich in der Begeisterung dieses Tages noch einmal gestrafft hatte, das gelbliche Strählchen eines ohnmächtigen alten Mannes schießen. Die Luft im Restaurant "Royal" schien sich aufzuladen, wie getränkt vom Geruch eines herannahenden Sturms. Schließlich gelang es dem Pianisten, seinen Kloß im Hals herunterzuschlucken. Und die letzten Klänge der in Moll transponierten Melodie von "O, du lieber Augustin - alles ist hin" huschten durch den Raum und suchten sich rasch ein Versteck in den Poren der verstaubten Seidentapeten.

Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm

 
 
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Am Erker 66

Leib und Seele - Texte von Jan Wagner, Hannah Dübgen, Adriaan van Dis, Marcus Jensen u.a., Essays u.a. von Michael Wildenhain über die Debatte zur gesellschaftlichen Relevanz der deutschen Gegenwartsliteratur. Interview mit Enno Stahl. Dazu Rezensionen zu Büchern und Zeitschriften