Am Erker 58

 
Texte
Am Erker 58, Münster, Dezember 2009
 

Doris Weininger
Vier goldene Regeln auf einer Schiffsreise (Auszug)

Prolog

Er wirkte rätselhaft und undurchdringlich. Ganz dicht war er eigentlich nicht. Er heiße Falcon und sei Autogrammjäger. Phänomenale und überirdische Idole seien sein Spezialgebiet. Auf der kurzen Passage von Bergen zum Geirangerfjord sei er, da die italienische Sopranistin der Mailänder Scala inkognito mitreise. Butterweiche Koloraturen von unstillbarem sexuellem Appetit, bereit für jedes Katz- und Mausspiel. D‘Annunzio wäre für sie hingeschmolzen. Er sei nicht zum Genießen hier, nicht wie die anderen, in deren Haut die Sonne Bikinibänder brenne. Fragen Sie einen Autogrammjäger nicht nach dem Sinn seiner Tätigkeit. Der unbedingte Wille, ein Zeichen des bewunderten Geschöpfs zu besitzen, treibt ihn, und bereitwillig verflucht er künstliche Verknappung, wenn ein Künstler nur unwillig ein Autogramm herausrückt. Es kann einem wie dem Erfinder-Genie gehen, das inmitten seiner Werke verhungert und erst Jahrzehnte später als unschätzbar gepriesen wird.
28. Juli 2004, München, Prinzregententheater. Ein kleiner Mann, sicherheitsdurstige Mäuschenmiene, die Klarinette als Schutzsäbel. Woody Allen. Die Crème de la Crème der Autogrammjäger stand Spalier. Der Meister beschleunigte, angetrieben von seinen Schutzbrigadiers; auf dynamische Art beschleunigte er mit jedem Trippelschrittchen; mit leiser Rotation schraubte er sich, von Angst aufgeplustert, wie eine fliegende Untertasse in den Bühnenhintereingang. Woody Allen war alle Zukunftsangst der Welt in die Augen geritzt, und wir hatten kein Autogramm! So schwer ist es, einem knausernden, zutiefst verehrten Star ein Autogramm abzuringen.
Der Kapitän wird an einen ausgewählten Tisch platziert. Sein gehetztes Gesicht erstrahlt bernsteinfarben, und Anhimmelarien und variantenreiche Plapperoperetten klingen durch den Speisesaal. Da spielt Madame K. die Wissende, Verständnisvolle, Madame N. fiedelt die Betriebspsychologin für gestresste Kapitäne, und die Herren fachsimpeln über Schiffstypen und Bruttoregistertonnen. Alle benehmen sich pubertär, als würden sie eine babylonische Ekstase erleben. Je jünger man ist, desto mehr verehrt man, himmelt man an. In der Schule betet man den coolen Bastard aus der Raucherecke an, auch wenn man sofort stottert oder nicht weiß, wohin mit den Händen. Warum sind Hausmeister in der Anhimmelhierarchie am unteren Ende angesiedelt, während der drahtige Sportlehrer, der ein Auslandssemester auf den Wellen des Pazifiks surfte, begehrt wird?
Falcons unerschwinglicher Gehstock stürzt zu Boden. Die Arbeit als Autogrammjäger fordert ihren gesundheitlichen Tribut. Kombinatorik müsse man mit funkelnder Pfiffigkeit verbinden, sonst schlage ein schamloser Autogrammkonkurrent vor einem zu.
Er werde mir seine Arbeit in vier Etappen darlegen, zuvor aber die Geschichte des Malers Magritte und des Dichters Apollinaire erzählen, um zu zeigen, wohin Idolverehrung führen könne. Beide waren glühende Verehrer des Gangsters Fantômas, der mit dem Journalisten Fandor und dem Kommissar Juve im Kampf lag. Ein selbstsicherer, schlauer, brutaler Räuber im exquisiten blauen Zwirn; ein Verbrecher mit Stil. Literat und Maler waren beinahe pathologisch in den fiesen Filmschurken vernarrt. Von Apollinaire sei bekannt, dass er Probleme hatte, Menschen für sich einzunehmen und sie zu fesseln. Er gebärdete sich wie ein Kind, als er erfuhr, Magritte habe eine Fantômas-Devotionalie ersteigert. Er bat daraufhin Freunde, ihm eine Ehrenerklärung auszustellen, wonach eigentlich ihm die Reliquie zustehe. Die Freundschaft beider Künstler lag daraufhin jahrelang auf Eis. Magritte war angezogen von der verbrecherischen Kunstfigur; sie war für ihn ein Genie des Bösen. Schauen Sie sich die Werke Le retour de flamme und Le Barbare an, den maliziös mit den Augen zupackenden Fantômas, wie er hochgereckten Hauptes über die Stadt blickt. Beide Künstler beteten diese Kunstfigur an. Hatte sich Apollinaire etwas von seinem Idol gesichert, bekam er für einen Moment feuchte Augen. Dann brach ein Lachen wie Sprengstoff aus ihm heraus, denn es begeisterte ihn, Magritte übertrumpft zu haben.

(...)

 
 
  Neu: Am Erker Nr. 66
Am Erker 66

Neu beginnen - Texte von Thomas Lang, Doris Weininger, Andreas Martin Widmann, Ruth Johanna Benrath, Andrea Schaumlöffel u.a., Essays von Gabriele Jofer über das Reich des Naturfilms und von Gerald Funk über Hans Erich Nossacks Büchner-Drama, dazu Rezensionen zu Büchern und Zeitschriften