Texte
Am Erker 44, Münster, September 2002
 

Burkhard Spinnen
Ente Orange

Am Morgen wird Kortschläger entlassen. New economy, sagt Dörfler. Heute noch auf hohen Rossen, morgen durch die Brust geschossen. Kortschläger bleibt vollkommen ruhig. Wenn er Dörfler wäre, würde er das gleiche tun. So muss man denken. Dann packt er in Ruhe seine privaten Sachen in eine Plastiktüte.
Am Abend ist das große Abschlussessen im Kochseminar. Es soll Ente geben. Ente ist die Krönung, hat Sven, ihr Lehrer, gesagt. An Ente könne man einfach am meisten verderben. Aber wenn bei Ente alles stimme - ja, dann lecke sich jeder die Finger.
Kortschläger überlegt kurz, ob er nicht zu Hause bleiben und sich betrinken soll. Aber Dörfler wird sich auch nicht betrinken. Dörfler wird im Büro bleiben und sich weitere Einsparungen überlegen. Außerdem gibt es heute Abend nach dem Essen ein Diplom, das Kortschläger einrahmen und im Flur aufhängen will. Er nimmt den Bus, zu Ente gehört schließlich ein guter Tropfen.
Die Teilnehmer des Kochseminars tragen alle festliche Kleidung, darüber weiße Kittelschürzen. Es herrscht die allerbeste Stimmung. Auf dem großen Tisch liegen acht Enten, je eine für zwei Personen. Viel zu viel, aber heute soll es einmal nicht darauf ankommen. Sven gibt den Plan aus: Zweimal Ente mit Orangensauce, zweimal mit Pfirsich, zweimal mit Ananas, zweimal mit Granatapfel.
Und los!, sagt Sven. Paare bilden und Anfangen mit dem Ausnehmen. Kortschläger steht neben Miriam, das ist beim letzten Mal vereinbart worden. Miriam ist zehn Jahre jünger als er und Unternehmensberaterin. Ziemlich eklig, sagt er, aber Miriam schüttelt den Kopf. Man muss schon wissen, was man isst. Nur dann kann man es auch genießen. Sie will in die Ente greifen, doch sie hält inne. Sie schaut an sich herunter.
Und, sagt Kortschläger, wie sieht's allgemein aus.
Überall Flaute, sagt Miriam, nur nicht bei uns. Sie lacht, sie schaut auf ihre Hände. Dann bindet sie ihre Kittelschürze los, legt sie ab und gleich darauf ihre weiße Bluse. Einen Moment steht sie im BH neben Kortschläger. Der BH ist rot, seine Träger haben ein Muster. Wie zwei Filmstreifen, denkt Kortschläger. Miriam zieht die Schürze wieder an. Blut an den Händen, sagt sie, ist kein Problem. Aber nicht an meiner besten Bluse!
Kortschläger hat den Atem angehalten. Es ist laut im Raum. Niemand schaut her. Übrigens, sagt er, mich haben sie heute Morgen gefeuert. Miriam greift in die Ente. Sie schreit. Dann zieht sie einen Plastikbeutel heraus, in dem die Innereien sauber übereinander liegen. Sie schüttelt den Kopf. Dann sieht sie Kortschläger an. Schlimm!, sagt sie. Üble Zeiten. Sie reicht ihm ein Messer und eine Orange. Die Schale in sehr schmale Streifen schneiden. - Ob er das schaffe?
Kortschläger nimmt das Messer. Sicher, sagt er. Miriam lächelt ihn an. Auf ihrer Schulter leuchtet neben dem weißen Träger der Schürze der rote vom BH. Kortschläger nimmt die Orange. Vorsichtig setzt er das Messer an.

 
 
  Neu: Am Erker Nr. 67

Am Erker 66

Leib und Seele - Texte von Jan Wagner, Hannah Dübgen, Adriaan van Dis, Marcus Jensen u.a., Essays u.a. von Michael Wildenhain über die Debatte zur gesellschaftlichen Relevanz der deutschen Gegenwartsliteratur. Interview mit Enno Stahl. Dazu Rezensionen zu Büchern und Zeitschriften