Texte
Am Erker 42, Münster, Dezember 2001
 

Andreas Heckmann
Rübenzucker

Die Rübe nimmt die Rübe an der Hand und zieht mit ihr ins Zucker-Zauberland. Bis es dazu aber kommt, bohren sich die Rüben tief und tiefer ins Erdreich der Börde, während sich ihr Nacken unterm Joch des Himmels ermüdend rundet. Rübenhals und Rübenkopf sind blättrig und grün, und der Wind, der regenschauernd über die Börde weht, die Hildesheimer und die Magdeburger und all die anderen Börden, in deren Böden die Rüben im Saft stehen, der graunasse Wind wirft den Blätterschopf der Rüben nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten, und so reifen sie, die Rüben, sie reifen und reifen, und der Wind, der große Choreograph der Felder, der Tanzmeister der Blätter und Halme, der Zweige und des rankenden Efeus, der Wind malt flüchtige geometrische Figuren in die aufgereiht und dicht gedrängt der Ernte entgegenschwellenden Rüben.
Sarstedt, ein Städtchen zwischen Hannover und Hildesheim, ist umgeben von Rübenäckern. Wenn es herbstet, sieht man auf den Feldern rübengefüllte Anhänger stehen, die auf den Traktor warten, auf daß sie angeschirrt und in die Zuckerfabrik gefahren werden. Auch liegen Rübenhaufen herum, Rübenwälle, Rübendeiche, Rübendämme. Tritt man nah heran, liegen sie erdig-vernarbt da, die kostbaren Rüben, in denen der Zucker gefangen ist wie der Geist in der Flasche. Vernarbt sind sie, weil die Rübenerntemaschine sie herausgeschleudert hat aus ihrer Erdverwurzelung. Gerade eben noch haben die Rüben - das näherkommende Brummen der Erntemaschine in den immer besorgteren Ohren - ihren Nachbarinnen ewige Freundschaft geschworen, da wird ihnen der Schopf schon geschoren: hoch durch die Luft fahren die unsanft freigesetzten Rüben; bumm fallen sie auf den Rüttler; kreuz und quer geschüttelt knallen sie zwischen Blechwänden herum, auf daß alles Erdige von ihnen abfalle. Und hopp fliegen sie aus dem Rüttler, und da liegen sie, die Rüben, kopflos unter Kopflosen.
So ist die moderne Landwirtschaft, skrupellos richtet sie unter den Rüben ein Blutzuckerbad an. Aber nicht davon will ich berichten, sondern vom Schicksal eines Sonnenstrahls, den ich, wären wir im Märchen, womöglich als vorwitzig bezeichnen würde. Wie jeder, der dem Affen Vorwitz Zucker gibt, mußte auch dieser Sonnenstrahl bitter leiden.
Eben hatte sich ein langer Regen ausgetröpfelt, und ein naßblanker, reingewaschner Himmel rückte von Westen über die Börde vor. Von den Apfelbäumen, die die Alleen rund um Sarstedt säumen, tropfte noch das Wasser, und wenn der Wind in ihre Kronen fuhr, sprühte es sogar von ihnen herab. Die Sonne stand schon tief. Klar konturiert und in leichtem Abendorange lag die Natur da. Jetzt geschah es: der kleine Sonnenstrahl, nennen wir ihn Rufus - denn wir wollen ihn personalisieren, wir wollen ihm ein Schicksal geben, ja aufladen wollen wir es ihm, hängen wollen wir es wie einen Mühlstein an den schlanken Hals seines Strahlens -, Rufus also fuhr (ganz Geist, ganz wie ein Wehen von weither) in eine Rübe, nennen wir sie Mechthild, und er hielt Hochzeit mit der Rübe Mechthild, die auch der Erde, dem Wasser und der Luft tief verbunden war. Rufus trug das stark abgeschwächte Feuer der Sonne in den Leib der Rübe Mechthild, befruchtete ihn und sah sich dann in ihr gefangen. Er war erwärmend in sie eingedrungen, nun saß er drin und fühlte sich recht wohl dabei, auch wenn es dunkel und ein wenig holzig war rundum.
Die Monate vergingen, die Rüben wurden geerntet, und Mechthild und Rufus mußten sich trennen: kleingehäckselt wurde Mechthild und mit vielen Schicksalsgenossen ins heiße Wasser geworfen. Da quollen die Rüben verhackstückt durcheinander, verloren ihre Individualität zugunsten eines Allgemeinen, der Rübenmaische, in der sie ihren Zuckersaft hergeben mußten, während die letzten Reste der Erinnerung an ihre Rübenexistenz in ihnen verlosch. Alle in den Rüben gefangenen Sonnenstrahlen - unter ihnen, so keck wie verzweifelt, auch Rufus - irrten nun durcheinander und flüsterten sich, während der Zuckersaft unter immer größerer Hitzezufuhr zu Sirup wurde, Worte des Trostes und der Ermunterung zu. "Solange es wärmer wird", so Rufus, "kann uns als Sonnenstrahlen nur wohl sein. Am Ende kommt die Sonne selbst, um uns aus dieser klebrigen Lage zu befreien." Kaum hatte er diesen Satz beendet, begann die Zentrifuge zu rotieren, langsam erst, dann immer schneller, und die Sonnenstrahlen wurden zusammen mit den dumpfbraunen Sirupresten an die Tankwand gepreßt, während in der Mitte des Tanks sich eine strahlende Säule glasklarer Zuckerkristalle sammelte, durch die ein fiebriges Leuchten ging. Zur Weiterverarbeitung wurden die Sirupreste in einer offenen Leitung in eine andere Halle der Fabrik gepumpt. Auf dem Weg dorthin sprangen die kleinen Sonnenstrahlen, unter ihnen auch der erleichterte Rufus, von der Leitung ab und in den Himmel hinauf und strebten zur Sonne zurück, woher sie vor Monaten so frohgemut gekommen waren. Das nächtliche Leuchten über den offenen Leitungen der Zuckerfabriken - ein irisierendes Flimmern und Zucken, das von einem leisen, sehr hohen Gesang begleitet wird - rührt von diesem Heimgang her, von der Auffahrt der Sonnenstrahlen in das Geistreich ihrer Mutter. Dort angekommen, geraten sie wiederum in einen mächtigen Sog und Wirbel, und eines Tages verlassen sie, eruptiv ausgespieen, ein weiteres Mal ihre Heimat und diffundieren ins All. Kaum wahrscheinlich, daß die Reise wieder nach Sarstedt geht. Vielleicht auf den Mars, zur Venus, zu Neptun gar, zu Pluto oder Uranus. Oder einfach in den Weltraum hinaus, in die unendlichen Weiten.

 
 
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Am Erker 66

Neu beginnen - Texte von Thomas Lang, Doris Weininger, Andreas Martin Widmann, Ruth Johanna Benrath, Andrea Schaumlöffel u.a., Essays von Gabriele Jofer über das Reich des Naturfilms und von Gerald Funk über Hans Erich Nossacks Büchner-Drama, dazu Rezensionen zu Büchern und Zeitschriften