Am Erker 61

Pilar Baumeister: "Wir schreiben Freitod ..."

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Peter Lang Verlag
Pilar Baumeister

 
Rezensionen
Pilar Baumeister: "Wir schreiben Freitod ..."
 

Schreiben und Suizid
Volker Frick

Alle 45 Minuten nimmt sich jemand in Deutschland das Leben, und weltweit kommt es alle 40 Sekunden zu einem Suizid. Dennoch bleibt die Selbsttötung ein Tabuthema. Die spanischstämmige Autorin Pilar Baumeister widmet sich in ihrem Buch. "Wir schreiben Freitod ..." den Schriftstellern, die freiwillig aus dem Leben geschieden sind. Dass sie in ihrer "ziemlich repräsentativen Statistik von 423 Namen" großzügigerweise Historiker, Mediziner und bildende Künstler berücksichtigt, ist nicht das einzige Manko dieses Buches. So hat die israelische Dichterin Dalia Rabikovich mitnichten ihr Leben selbst beendet, sondern ist an einem (obduzierten!) Herzversagen gestorben.
Baumeisters sprachhistorische Herleitung der Begriffe 'Selbstmord' und 'Freitod' ist falsch, doch immerhin weiß sie, dass das Wort 'Selbstmord' "für unsere heutige Zeit völlig ungeeignet und falsch" ist. Leider hält sie sich selbst nicht an diese Sprachregelung.
Die Autorin geizt nicht mit Spekulationen, Vermutungen und Hypothesen. "Vieles muss oft nur Vermutung bleiben, ungesichertes (sic) Erkenntnis über die genauen Gründe, Absichten und Handlungsabläufe." Doch herausfinden zu wollen, welches Motiv ein Autor, eine Autorin für den Suizid gehabt haben mag, ist ein vollkommen fehlgeleitetes Interesse, wie man bei dem französischen Schriftsteller Henry de Montherlant, der sich 1972 tötete, nachlesen kann: "Wenn ich höre, wie man die Gründe für diesen oder jenen Selbstmord erklärt, habe ich immer den Eindruck eines Sakrilegs. Denn nur der Selbstmörder hat sie gekannt, und nur er war in der Lage, sie zu verstehen."
Eigennamen schreibt Pilar Baumeister gerne falsch. Karoline von Günderode heißt gelegentlich Günderrode, ihr Geliebter Friedrich Creuzer erscheint auch mal als "Kreutzer" oder "Creutzer". Hinter einem Schriftsteller namens David Foster verbirgt sich offenbar der Amerikaner David Foster Wallace. Erwähnt werden Èmil Cioran und Antuin Artaud - das sind Emile Michel Cioran und Antonin Artaud. Oder Marek Hasko – das ist Marek Hłasko.
Auf Nachweise für die zahlreichen Zitate, die ihren Text schmücken, verzichtet die Autorin weitgehend. Zwar werden einige Monographien in den Fußnoten genannt, aber die bibliografischen Angaben bleiben nicht selten unvollständig. Dafür bedankt sie sich eingangs ihres Buches tatsächlich bei der "freie[n] Enzyklopädie Wikipedia".
Dieses schlimme Buchprodukt, das ein interdisziplinär ergiebiges Thema verhöhnt, ist in einem selbsternannten "internationalen Verlag der Wissenschaften" erschienen (Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien), der offenbar nicht über ein Lektorat verfügt. Wir raten ab.

 

Pilar Baumeister: "Wir schreiben Freitod ..." Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten. 169 Seiten. Peter Lang. Frankfurt am Main u. a. O. 2010. € 36,80.

 
 
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