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Berlin Verlag
Nina Jäckle

 
Rezensionen
Nina Jäckle: Gleich nebenan
 

Traumatische Familiengeschichte
Silvie Horch

Zwei Häuser, zwei Familien, wohnhaft in einem Dorf, von dem nicht mehr zu sagen ist, als dass es unweit eines Flusses liegt und in einer Gegend, in der es Wälder gibt - das sind die spärlichen Fixpunkte in dem kammerspielhaften und verstörenden Roman Gleich nebenan von Nina Jäckle. Überhaupt sind die Geheimnisse das eigentliche Thema dieses sehr dichten Textes, der trotz der strengen Komposition und seinen kreisenden, sich sachte verschiebenden Wiederholungen den Leser beinahe zwangsläufig verwirren und mit einem unguten Gefühl zurücklassen muss. Dieses ungute Gefühl freilich ist in den Figuren selbst angelegt, deren Rolle innerhalb ihres Familiengefüges, aber auch im Gefüge des Textes mit fortschreitender Lektüre immer weniger greifbar wird und bedrohlich wirkt - so sehr gehen Fakten und Mutmaßungen, Erinnerung und Imagination und sogar die Identitäten der handelnden Personen durcheinander. Da ist zunächst die Ich-Erzählerin, eine Frau, die seit fünfzehn Jahren scheinbar aufopferungsvoll ihren blinden Mann pflegt. Tatsächlich aber vergeht kein Tag, an dem sie nicht vor seinen Rufen flüchtet, vorzugsweise in den Garten oder zur Nachbarin. Gegenüber ihrem Partner hat sie eine tiefe Abscheu entwickelt, die sich in sehr konkreten Mordphantasien Bahn bricht. Solche düsteren Geheimnisse sowie ein doppeldeutiges Spiel, das zwischen Fürsorge und brutaler Preisgabe changiert, sind ein Motiv, das sich in der unmittelbaren Nachbarschaft wiederholt. Denn gleich nebenan wohnt eine ältere Frau, deren Lebensumstände die Ich-Erzählerin und ihren blinden Mann stark beschäftigen: Warum verließ die Tochter der Nachbarin noch als Kind vor vielen Jahren über Nacht das Dorf? Und stimmt es, dass der Vater ihre schönen, langen schwarzen Zöpfe mitgenommen hat, als er wenig später seine Familie verließ und auf Nimmerwiedersehen verschwand? Oder liegen sie noch in der Schublade des Kinderzimmers des Sohnes, der jüngst im nahe gelegenen Fluss ertrank, obwohl er ein guter Schwimmer war? Die Nachbarin hat ihre eigene Antwort auf den tragischen Tod: "Mein Sohn hätte jeden Tod sterben können, sagt die Nachbarin. Nur weil ich es war, die ihm das Schwimmen beigebracht hat, nur deshalb ist er ertrunken, um ein letztes Mal darauf hinzuweisen, dass mir nichts gelingt, dass mir niemals etwas gelingen wird".
"Der Sohn der Nachbarin jedoch ist vierzig Jahre alt gewesen, als er ertrank, das verändert die Geschichte", heißt es ganz zu Beginn des Romans. Tatsächlich ändert sich die Geschichte auf diesen schmalen 127 Seiten dramatisch. Am Ende ist es die Nachbarin, die im Reigen der wiedergekehrten Familienmitglieder tot am Küchentisch sitzt, ermordet von ihrer Tochter mit dem schönen Haar und einer frischen Platzwunde, die ihr der doch nicht ertrunkene Bruder beigebracht hat, weil der Vater tatenlos wie immer daneben stand. Aber ist die Tochter nun identisch mit der Ich-Erzählerin oder nicht? Alles in allem ist Nina Jäckles zweiter Roman ein hochkomplexer und ambitionierter Versuch, eine traumatische Familiengeschichte in Worte zu fassen.

 

Nina Jäckle: Gleich nebenan. Roman. 127 Seiten. Berlin Verlag. Berlin 2006. € 18,00.