Am Erker 27

Siri Hustvedt

Siri Hustvedt: The Blindfold

Siri Hustvedt: Die unsichtbare Frau

Siri Hustvedt: Reading to you

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Siri Hustvedt

 
Siri Hustvedt

Im Gespräch mit Georg Deggerich

Am Erker Nr. 27, Münster, Herbst 1993

"Unser Alltag ist geheimnisvoller, als wir gemeinhin glauben"

Am Erker: Die unsichtbare Frau ist nicht Ihr erstes Buch. Bereits 1983 erschien in Amerika ein schmaler Gedichtband mit dem Titel Reading to You. Warum hat es bis zum zweiten Buch fast zehn Jahre gedauert?

Hustvedt: Nun, Reading to You enthält Gedichte, die ich noch während meiner Studienzeit an der Columbia University Ende der siebziger Jahre geschrieben habe. Viele davon sind ursprünglich in Studentenmagazinen erschienen. Von den insgesamt etwa 70 Gedichten habe ich damals 25 ausgesucht, die mir eine Buchveröffentlichung wert schienen. Es ist also ein sehr schmales Buch, kaum mehr als erste literarische Gehversuche. Dass es mit dem zweiten Buch so lange gedauert hat, hat verschiedene Gründe. Zum einen habe ich sehr lange an Die unsichtbare Frau gearbeitet. Die erste Episode entstand bereits 1987. Dazwischen lag die Geburt meiner Tochter Sophie, und eine Zeitlang bin ich überhaupt nicht mehr zum Schreiben gekommen.

Am Erker: Die unsichtbare Frau besteht aus vier lose miteinander verbundenen Episoden, die durch die Ich-Erzählerin Iris Vegan zusammengehalten werden. Können Sie etwas zur Entstehungsgeschichte des Romans sagen?

Hustvedt: Es stimmt schon, dass die einzelnen Geschichten in sich abgeschlossen wirken. Aber darauf kam es mir bei meiner Arbeit nicht so sehr an. Am Anfang hatte ich nur die erste Episode mit Mr. Morning. Durch sie nahm die zentrale Figur Iris Vegan für mich überhaupt erst Gestalt an. Ich hatte das Gefühl, dass Iris eine sehr komplexe Person darstellte, deren Vielschichtigkeit in der ersten Episode nur unzureichend zum Ausdruck kam. Die folgenden Geschichten sind insofern Erkundungsgänge, in denen die Figur mit all ihren Facetten, ihren Widersprüchen und Ungereimtheiten konkrete Konturen annimmt. Indem ich Iris Vegan mit ganz unterschiedlichen Situationen konfrontierte, konnte ich ihren Charakter, anders als bei einer in sich abgeschlossenen Erzählung, von den verschiedensten Seiten her ausloten. Es wäre unrealistisch, eine Person auf einzelne Charakterzüge reduzieren zu wollen. Wir kommen einer Person erst denn wirklich näher, wenn wir sie in ihren verschiedenen und dabei oft widersprüchlichen Verhaltensweisen gelten lassen. Und da ist noch ein wichtiger Punkt. Iris Vegan ist die ganze Zeit über in Finanznöten. Erst ihr chronischer Geldmangel bringt sie ja dazu, alle diese Jobs anzunehmen. Ohne diese ständige Sorge wäre sie nie in die einzelnen Geschichten hineingeschlittert. Ich selbst weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, ohne Geld in New York durchkommen zu müssen. Es ist die Hölle. Insofern besteht für meine Protagonistin ein konkreter materieller Grund, sich auf die zunächst harmlos erscheinenden Situationen einzulassen.

Am Erker: Die einzelnen Episoden des Buches sind zwar in sich abgeschlossen, lassen aber in gewisser Weise alle wichtigen Fragen unbeantwortet. Der Leser ist selbstverständlich daran interessiert zu erfahren, ob Mr. Morning nun der Mörder der jungen Frau ist, was mit der geheimnisvollen Fotografie passiert ist oder wohin Mrs. 0. entschwunden ist. Haben sie es bewusst darauf abgesehen, die Erwartungen Ihrer Leser zu brüskieren?

Hustvedt: Also so krass würde ich das nicht sehen. Zugegeben, viele Fragen bleiben in dem Buch unbeantwortet. Aber ich denke, das entspricht eher den Tatsachen. Vermutlich erwarten wir von einem Buch nur deshalb glatte Antworten, weil wir das aus der Literatur so kennen. Der Roman des 18. Jahrhunderts beispielsweise breitet das ganze Leben des Helden von der Geburt bis zum Tod vor uns aus. Da bleiben keine Fragen offen. Die Wirklichkeit sieht dagegen anders aus. Wir wissen oft nicht, warum dies oder jenes passiert ist, und vielleicht bleiben uns gerade die entscheidenden Hintergründe stets verborgen. Noch ehe wir den Ausgang einer Geschichte kennen, sehen wir uns bereits in eine neue verstrickt. Eben darauf wollte ich in meinem Buch aufmerksam machen. Es ist ja nicht so, als ob die Geschichten unvermittelt aufhörten. In der ersten Episode beispielsweise stellt Iris eigene Nachforschungen an, und sie bringt auch einiges über Mr. Morning in Erfahrung. Als sie erkennt, dass sie in der Sache nicht weiterkommen wird, gibt sie den Job auf, denn sie kann die Ungewissheit nicht länger ertragen. Im Fall von Mrs. 0. liegen die Dinge ähnlich. Auch hier verweigert das Krankenhauspersonal jegliche Auskunft, und Iris kann sich noch so sehr anstrengen, sie wird das Geheimnis um Mrs. O's Verbleib nicht lüften. Iris akzeptiert dies, und ich denke, auch der Leser sollte so reagieren. Mir ist nicht daran gelegen, den Leser bewusst in die Irre zu führen. Ganz im Gegenteil, das Ende der Episoden erscheint mir so sogar ehrlicher.

Am Erker: Eine andere Sache, die zur Verwirrung des Lesers beiträgt, ist die zeitlich versetzte Anordnung der einzelnen Romankapitel. Der Leser muss schon sehr genau hinschauen, um die Chronologie der Ereignisse zu rekonstruieren. Dient diese Verschachtelung einem bestimmten erzählerischen Zweck?

Hustvedt: Zunächst einmal hat die verstellte zeitliche Anordnung der Geschichten mich einige Mühe gekostet. Da das Geschehen sich zum Teil bis auf den Tag genau datieren lässt, musste ich aufpassen, mir innerhalb der einzelnen Episoden nicht selbst zu widersprechen. Der damit verbundene Zweck schließt sich unmittelbar an das an, was ich vorhin gesagt habe. Normalerweise wird der Leser vom Autor an die Hand genommen und von Anfang bis Ende durch das Geschehen geleitet. Wenn ich diese Kontinuität durchbreche und die einzelnen Episoden zeitlich versetze, wird die Aufmerksamkeit des Lesers automatisch stärker auf das erzählte Geschehen gelenkt. Wie schon gesagt, ging es mir nicht so sehr darum, eine chronologische Geschichte zu erzählen, sondern meine Hauptfigur mit unterschiedlichen – wenn Sie so wollen auch sehr sonderbaren – Situationen zu konfrontieren, in denen ihre Person Stück für Stück für den Leser greifbar wird. Was dazwischen passiert, erschien mir nicht so wichtig. Dennoch lassen sich die vier Episoden in einen größeren Erzählrahmen einordnen. Das vierte Kapitel, das auch das längste des Romans ist, umfasst den gesamten Erzählzeitraum von etwa drei Jahren. Alle übrigen Episoden finden darin ihren Platz. Der Leser kann also, wenn ihm daran gelegen ist, die zeitliche Abfolge für sich wiederherstellen. Aber für mich besitzen alle vier Episoden ihr eigenes Gewicht, und in Gedanken könnte ich mir sogar eine andere Reihenfolge vorstellen.

Am Erker: Nun ist es ja so, dass Iris Vegan eine eher unsichere und sehr zerbrechliche Frau ist. Man hat den Eindruck, dass sie hinsichtlich ihrer eigenen Identität sehr verunsichert ist. In der ersten Episode tritt sie unter falschem Namen auf, und später verkleidet sie sich gar als Mann und nimmt auch teilweise eine fremde Identität an. Ist Iris Vegan in Ihren Augen eine sehr unentschiedene und verletzliche Person?

Hustvedt: Sie haben schon recht, wenn Sie auf ihre Verletzbarkeit hinweisen. Ich selbst würde das jedoch nicht so ausschließlich sehen. Die Unsicherheit ist bloß eine Facette ihres Charakters. Schließlich bleibt sie nicht die ganze Zeit über passiv, sondern sie trifft in entscheidenden Momenten die für sie richtigen Entscheidungen. In der Begegnung mit Mr. Morning ist sie es, die den Job hinschmeißt, nachdem ihr die Antwort auf ihre Fragen verweigert wird. Und wie um einen Schlussstrich unter die Sache zu ziehen, zerreißt sie den ausgestellten Scheck und wirft den Kassettenrekorder auf den Müll. Auch das ist ein sehr entschlossener Akt. Zudem besitzt Iris genügend Distanz zu sich selbst, um nicht in Selbstmitleid zu vergehen. Als sie im Krankenhaus landet, vollgestopft mit Thorazin und buchstäblich am Boden zerstört, hat sie immer noch die Kraft zu sagen: "Was bist du nur für eine lächerliche Figur!" Aber natürlich ist Iris auch verletzlich. Sie ist ja gerade erst nach New York gekommen und ist auf der Suche nach Gewissheiten und verlässlichen Beziehungen. Ich denke, die Geschichte kann eigentlich nur in New York spielen. Die Stadt mit ihrem Gewirr von Straßen und Leuten, ihren dunklen Winkeln und Geheimnissen, ist die ganze Zeit über wie ein weiterer Charakter präsent. Dort mitten drin zu stecken, kann jemanden schon ziemlich verunsichern.

Am Erker: Können Sie etwas über die Novelle "Der brutale Junge" sagen, die in der vierten Geschichte eine zentrale Rolle spielt? Der Inhalt der Novelle wird dort relativ ausführlich wiedergegeben.

Hustvedt: Die Geschichte selbst war zu irgendeinem Zeitpunkt plötzlich da. In meiner Vorstellung hatte sie etwas vom Stil der frühen Erzählungen Thomas Manns, also habe ich daraus eine deutsche Novelle gemacht. Erst nachher hat mich ein Freund darauf aufmerksam gemacht, dass die Hauptfigur wie Thomas Manns Sohn Klaus heißt. Ich denke, das habe ich unbewusst mit eingearbeitet. Selbstverständlich hat die Geschichte weder etwas mit Thomas noch mit Klaus Mann zu tun.

Am Erker: Aber "Der brutale Junge" stellt sicherlich mehr als eine bloße Reminiszenz an Thomas Mann dar. Immerhin beginnt Iris, während sie mit der Übersetzung der Novelle beschäftigt ist, sich mehr und mehr mit dem Protagonisten zu identifizieren.

Hustvedt: Aber ja, natürlich. Iris ist eine sehr neugierige Person. Sie will die verschiedensten Dinge ausprobieren, sehen, was sich daraus entwickelt. Im Buch heißt es einmal: "Ich fieI in eine Welt an der Schwelle des Bewusstseins." Das Erleben von Grenzsituationen, der Blick in den Abgrund sozusagen, ist ein wichtiges Motiv ihres Handelns. Das Hineinschlüpfen in eine andere Person wird von Iris als eine Möglichkeit begriffen, eine ihr völlig unbekannte Welt zu erkunden. Es ist eindeutig nicht so, dass von der Geschichte "Der brutale Junge" ein magischer Bann ausgeht, dem Iris wie ein wehrloses Opfer unterliegt. Vielmehr begibt sie sich mit vollem Bewusstsein in dieses Abenteuer, und sie entdeckt an sich Züge, die ihr zuvor unbekannt waren, etwa die verborgene Lust, etwas Verbotenes oder sogar Gewalttätiges zu tun. Überhaupt haben alle vier Episoden sehr viel mit Erotik zu tun. Die Begegnung mit Mrs. 0. im Krankenhaus hat eine sehr starke erotische Komponente. Auch hier sucht Iris von sich aus den Kontakt zu Mrs. 0., weil sie von deren Schrullen und ihrem geheimnisvollen Reden fasziniert ist. Und in der Geschichte mit dem Fotografen George ist die elektrische Spannung dieses Aufeinandertreffens mehr als offenkundig.

Am Erker: Erscheint nicht gerade hier Iris als ein Opfer männlicher Gewalt? Schließlich empfindet sie die von ihr geschossene Fotografie als demütigend und grausam.

Hustvedt: Das sehe ich anders. Zunächst einmal lässt Iris sich freiwillig von George fotografieren. Für sie ist das Modellsitzen einmal mehr ein Abenteuer, und sie erlebt die Situation als einen Akt der Entgrenzung und der Befreiung. Und das Foto? Es ist zweifellos kein pornografisches Bild, in dem es ja immer um Gewalt über einen anderen Menschen geht. Iris ist weder nackt, noch wurde sie von George zu irgendeiner Pose gezwungen. Und später können weder George noch Iris‘ Freund Stephen etwas Demütigendes an der Aufnahme erkennen. Ich habe die Frage, warum Iris über das Bild so entsetzt ist, bewusst offengehalten. Vielleicht begegnet sie in der Fotografie einem Teil ihres Selbst, den sie vorher noch nicht kannte. Schließlich kann sie selbst nicht einmal so genau sagen, was sie daran so abstoßend findet.

Am Erker: Sie würden also nicht sagen, dass die Männer in Ihrem Buch insgesamt schlecht wegkommen?

Hustvedt: Absolut nicht. Jedenfalls nicht im Sinne einer einseitigen moralischen Unterscheidung von gut oder schlecht. Ich denke, alle Figuren in meinem Roman haben ein kompliziertes Innenleben. Natürlich ist George ein Voyeur, der, wie Stephen an einer Stelle sagt, "Fotos mehr mag als Menschen". Aber das ist nur die eine Seite. Zweifellos empfindet er für Iris mehr als nur den Reiz eines neuen Gesichts, und zum Schluss gesteht er ihr sogar, sie vom ersten Moment ihrer Begegnung an geliebt zu haben. Iris ist darüber geradezu schockiert, weil sie genau das nicht erwartet hätte. Sie erkennt in diesem Moment, dass sie George nicht einfach in eine Schublade stecken kann. Und ich glaube, das lässt sich auch von Mr. Morning oder Professor Rose sagen.

Am Erker: Der Titel der deutschen Ausgabe Ihres Buches scheint eher unglücklich gewählt zu sein. The Blindfold heißt wörtlich übertragen "Die Frau mit verbundenen Augen" und bezieht sich auf eine zentrale Episode des Buches. Wird der Leser durch den deutschen Titel Die unsichtbare Frau nicht auf eine falsche Fährte gelockt?

Hustvedt: Mit dem Titel der deutschen Übertragung habe ich selbst nichts zu tun, ich kann Ihnen also nicht sagen, warum der Verlag sich für diesen Titel entschieden hat. Die Episode, auf die sich der Titel im Original bezieht, ist in der Tat eine Art Schlüsselszene des Buches. Zunächst ist es für Iris nicht mehr als ein verrücktes Spiel, mit verbundenen Augen den Weg zurück zu ihrem Apartment zu finden. Auch die sich daran anschließende Liebesszene empfindet sie als durchaus lustvoll und aufregend. Erst als sich die Spielregeln ändern und Professor Rose, der im Übrigen so etwas wie eine Vaterfigur für Iris ist, physische Gewalt anwendet, schlägt die Situation um in eine konkrete Bedrohung. Die Szene ist insofern typisch für alles, was Iris widerfährt, weil ihr Ausgang unvorhersehbar ist. Es ist eine dieser Grenzsituationen, die von einem Moment auf den nächsten eine völlig unerwartete Richtung nehmen kann.

Am Erker: Noch ein Wort zur Sprache Ihres Romans. Auffällig ist, dass alle diese merkwürdigen Ereignisse in einer sehr klaren, beinahe nüchtern sezierenden Prosa erzählt werden. Ein Kritiker hat Ihren Stil als "magischen Realismus" bezeichnet. Könnten Sie diesem Etikett zustimmen?

Hustvedt: Was genau meinen Sie mit "Realismus"? In Amerika bezieht sich dieser Terminus auf eine relativ scharf umrissene Art von Literatur. Ich würde mich sicher nicht in der Tradition eines Mark Twain oder Stephen Crane ansiedeln. Realistisch ist meine Erzählweise insoweit, als dass die Wahrnehmungen der Ich-Erzählerin sehr konkret wiedergegeben werden. Obwohl mit der Erzählperspektive ein subjektives Moment verbunden ist, wird der Leser über die tatsächlich stattfindenden Ereignisse nie im Unklaren gelassen. Die Stellen, an denen Iris ihren Sinnen nicht ganz traut und ihr Wirklichkeitsempfinden brüchig wird, sind im Text alle genau gekennzeichnet. Ich glaube auch nicht, dass die Geschichte etwas mit Magie zu tun hat. Schließlich werden ganz gewöhnliche Ereignisse erzählt, die sich tagtäglich ereignen. Vielleicht ist unser Alltag geheimnisvoller, als wir gemeinhin glauben. Der Begriff "magischer Realismus" scheint mir allerdings eher irreführend zu sein.

Am Erker: Werden wir auf das nächste Buch von Siri Hustvedt wieder zehn Jahre warten müssen?

Hustvedt: Ganz bestimmt nicht. Ich stecke gerade in der Arbeit an meinem zweiten Roman, der etwa zur Hälfte fertig ist. Aber ich bin eine sehr, sehr langsame Autorin. Es kann also sein, dass es noch eine Weile dauert.

 
Siri Hustvedt: Die unsichtbare Frau. Roman. Deutsch von Uli Aumüller. 272 Seiten. Reinbek: Rowohlt 1993.
 
 
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