Paul Auster 2008. Foto: David Shankbone

Paul Auster 2008.
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Paul Auster
Rowohlt

 
Paul Auster

Im Gespräch mit Joachim Feldmann und Georg Deggerich. Übersetzung von Georg Deggerich.

Am Erker Nr. 25, Münster, Herbst 1992.

"Jedes meiner Bücher ist Teil einer Landkarte"

Am Erker: Es scheint, als seien Ihre Romane alle eng miteinander verknüpft. Zahlreiche Querverweise in Ihren Büchern unterstützen diesen Eindruck. Könnte es sein, dass alle Ihre Bücher Teile eines einzigen großen Romans in Ihrem Kopf sind?

Auster: Das könnte man so sehen. Aber weniger im Sinne einer sich fortsetzenden Geschichte, sondern vielmehr im Sinne von verschiedenen Facetten eines größeren Gebildes, was immer das sein mag. Wie ein Mosaik, in dem die einzelnen Teile nach und nach eingefügt werden. Es ist so, als ob man ein bestimmtes Terrain ausmessen würde. Wenn man die Einbildungskraft mit einem Kontinent vergleicht, so entsteht mit jedem Buch ein neues Land. Aber nicht systematisch, sondern mal eins hier, ein anderes dort. Aber sie alle sind Teil der gleichen Landkarte. Wenn ich lange genug lebe, werde ich den gesamten Kontinent ausfüllen. Wahrscheinlich jedoch nicht.

Am Erker: Tauchen bestimmte Charaktere aus früheren Romanen automatisch wieder auf, wenn Sie an einem neuen Buch arbeiten?

Auster: Ich glaube, sie sind alle zur gleichen Zeit da. Selbst wenn ich ein Buch beendet habe, geht die Geschichte doch irgendwie in meinem Kopf weiter und mit ihr das Leben der einzelnen Charaktere. In meinem Kopf gibt es weit verzweigte Stammbäume und Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren. Ich habe darauf nicht in allen Büchern zurückkommen können. In Die Musik des Zufalls gab es zum Beispiel eine längere Passage über Nashes Vergangenheit. Seine Mutter trug darin den Familiennamen Quinn und sein Onkel war kein anderer als Daniel Quinn, der Protagonist aus dem ersten Teil der New-York-Trilogie. Und dann stellte ich mir vor, er sei in der gleichen Stadt aufgewachsen wie Anna Blume aus Im Land der letzten Dinge und Zimmer, der in Mond über Manhattan auf Briefe von Anna Blume wartet. In meiner Vorstellung haben alle drei eine gemeinsame Kindheit verbracht.

Am Erker: Ihre jetzt bei uns vorliegenden Romane wurden weitgehend in den Siebzigern geschrieben. Heißt das, dass Sie parallel an verschiedenen Buchprojekten gearbeitet haben?

Auster: Zum Teil. Meine ersten fünf Romane habe ich mehr oder weniger gleichzeitig geschrieben. Im Land der letzten Dinge habe ich um 1970 begonnen. Es ist zwar nur ein schmales Buch, aber ich habe fünfzehn Jahre daran gearbeitet. Auch frühe Fassungen von Mond über Manhattan fallen in diese Zeit. Ich hatte also große Mengen unvollendeten Materials. Dann habe ich mich hingesetzt und die New-York-Trilogie geschrieben. Für den ersten Teil, Stadt aus Glas, habe ich verschiedene Passagen aus Mond über Manhattan übernommen, Ich dachte damals, mit dem Buch niemals zu Rande zu kommen, und habe die Dinge, die mir gefielen, daraus gestohlen. Mit Schlagschatten, dem zweiten Teil der Trilogie, war es ähnlich. Er geht auf ein Theaterstück zurück, das den Titel Blackouts trug. Ich war mit dem Stück nie zufrieden und hatte das Manuskript irgendwo in der Schublade verstaut. Doch dann wurde daraus der zweite Teil der New-York-Trilogie.

Am Erker: Ihre Bücher sind gespickt mit Anekdoten. Haben Sie die alle erfunden?

Auster: Aber nein. Nichts davon ist erfunden. Das sind alles wahre Geschichten. Zum Beispiel die Sache mit Walt Whitmans Gehirn. Nach seinem Tod sollte es seziert werden und wurde der Amerikanischen Anthropometrischen Gesellschaft zur Untersuchung zugeschickt. Ein Assistent ließ es unglücklicherweise fallen, so dass es am Boden zerplatzte und in den Abfall wanderte. Natürlich ist das bizarr, aber gerade darauf kommt es an. Oder die Geschichte von dem Jungen, dessen Vater beim Skilaufen in den französischen Alpen von einer Lawine verschüttet wurde. 25 Jahre später gelangt der Sohn in die Nähe der Unglücksstelle und stößt auf die Leiche seines Vaters im Eis, unversehrt und jünger, als er selbst inzwischen ist. Auch das ist tatsächlich passiert.

AM ERKER: Haben Sie zu Hause einen Zettelkasten, in dem Sie all diese skurrilen Sachen sammeln?

Auster: Nein, ich schnappe diese Geschichten irgendwo auf und habe sie dann oft jahrelang im Kopf, bis der richtige Moment kommt, an dem ich sie in einem Buch gebrauchen kann. Meine Lieblingsgeschichte ist die über den russischen Philosophen Bachtin. Während der deutschen Besetzung Russlands im Zweiten Weltkrieg rauchte er das einzige Manuskript einer Studie der deutschen Literatur, an der er jahrelang geschrieben hatte. Das klingt absurd, aber so ist es wirklich gewesen.

Am Erker: Ihr Faible für skurrile Geschichten verweist auf einen zentralen Aspekt Ihrer Bücher. Dazu zwei Dinge aus Ihren Essays. In einem Aufsatz über Sir Walter Raleigh schreiben Sie: "Man kann einem Menschen alles nehmen, aber dieser Mensch wird weiter existieren." An anderer Stelle sprechen Sie im Zusammenhang mit den Bildern des französischen Malers Jean-Paul Riopelle vom "Bildnis eines Menschen an der Grenze seiner selbst". Beide Zitate lassen sich auch auf Ihre eigenen Romane beziehen. Könnte man sagen, dass eines Ihrer Hauptanliegen darin besteht, Ihre Romanhelden an die Grenzen ihrer Persönlichkeit zu führen?

Auster: Ich denke schon. Auch wenn ich mir dessen nicht immer bewusst bin, so handeln meine Romane doch immer wieder von Leuten, die auf die eine oder andere Weise etwas verloren haben, die aus der Gesellschaft herausfallen. Sie besitzen nicht die sozialen Bindungen wie die meisten von uns, hängen irgendwie in der Luft, aber das macht sie offener für unvorhersehbare Ereignisse.

Am Erker: Das Konzept der beziehungslosen Helden erinnert an die amerikanische Unterhaltungsliteratur, Elmore Leonard zum Beispiel, oder an die Miami-Romane von Carl Hiaasen. Auch da gibt es immer jemanden, der auf einem Hausboot lebt, früher mal Polizist oder sonst was war, aber ansonsten keine Vergangenheit hat.

Auster: Stimmt, der typisch amerikanische Romanheld. Nashe in Die Musik des Zufalls hat allerdings eine Vergangenheit. Es gibt Gründe, warum er sich in dieser Situation befindet. Zweifellos gibt es Kontaktstellen zur traditionellen Erzählliteratur, aber mein Buch bewegt sich auf einer grundsätzlich anderen Ebene. In Die Musik des Zufalls geht es um Nashes Innenleben, nicht um Action und Abenteuer. Man könnte es mit einem Trichter vergleichen: Es beginnt mit einer breiten Fläche, und dann läuft es nach unten hin immer enger auf einen bestimmten Punkt zu.

Am Erker: In der Regel werden Ihre Romanhelden in ein völliges Chaos gestürzt, das urplötzlich über sie hereinbricht. Dennoch resignieren sie nicht, sondern sie stellen sich dieser Herausforderung, kämpfen dagegen an. Und schließlich könnte man sogar sagen, dass sie dadurch zu einem besseren Verständnis ihrer selbst gelangen. Nashe beispielsweise betrachtet den Bau jener gigantischen Mauer als seine persönliche Aufgabe, was immer dabei herauskommen mag.

Auster: Richtig. Es ist eine absurde Aufgabe, ohne jede Bedeutung. Und er müsste es nicht tun. Zweifellos gäbe es für ihn ein Dutzend oder mehr Wege, um aus der Sache herauszukommen. Aber er entscheidet sich anders. Und er erschafft sich eine eigene Bedeutung, indem er diese Mauer baut.

Am Erker: Das Interessante an Ihren Büchern ist, dass Ihre Protagonisten auf das Chaos in ihrem Leben mit einer Art persönlicher Ökonomie reagieren, indem sie beispielsweise einen minutiösen Tagesablauf entwerfen oder ihre Ausgaben auf Monate hinaus planen. Wollen Sie damit zeigen, dass sich das Chaos doch irgendwie in den Griff kriegen lässt?

Auster: Ich bin mir da nicht ganz sicher. Ein festes Prinzip steht sicherlich nicht dahinter. Manchmal scheinen meine Figuren ein willkürliches System aufzustellen, um dem Chaos zu widerstehen. Andere wiederum lassen sich mit offenen Armen ins Chaos hineintreiben, um zu sehen, was passiert. Fogg beispielsweise, aus Mond über Manhattan, verhält sich seinen Problemen gegenüber eher passiv. Quinn ebenfalls. Dann gibt es Figuren, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Denken Sie an den Ich-Erzähler in Hinter verschlossenen Türen oder an Anna Blume, die beide laufend wichtige Entscheidungen für ihr Leben treffen. Nashe befindet sich irgendwo dazwischen. Er gewinnt zunehmend ein Bewusstsein für das, was in ihm steckt. Für mich gibt es eine bedeutende Stelle im Buch, die bislang noch niemandem aufgefallen ist. Sie befindet sich ziemlich am Ende des Buches, wo es heißt:
"Er hatte sich nie als einen Menschen betrachtet, der für große Dinge bestimmt war. Sein Leben lang hatte er angenommen, er sei genau wie jeder andere. Aber jetzt stieg ganz allmählich der Verdacht in ihm auf, dass er sich geirrt haben könnte."
Das ist der Moment, wo er seine persönliche Bilanz zieht und zu ahnen beginnt, dass er kein Allerweltsmensch ist. In ihm steckt eine Kraft, von der er zuvor nichts gewusst hatte.

Am Erker: Aber dann wäre das Ende des Buches frustrierend. Schließlich begeht Nashe zum Schluss Selbstmord, oder ist es in Ihren Augen eher ein Unfall?

Auster: Sie können den Schluss auf vielerlei Arten lesen. Ich habe ihn bewusst offen gehalten. Für mich endet das Buch vor dem eigentlichen Ende, denn wir wissen nicht, was genau mit Nashe passiert. In meinem Kopf überlebt er diesen Unfall und kriecht aus dem Wrack. Aber das wollte ich nicht schreiben. Denn der entscheidende Punkt liegt für mich eben darin, dass er zum Schluss eine Bewusstseinshaltung erlangt hat, in der er alles, was das Schicksal für ihn bereit hält, mit offenen Armen empfangen kann, auch wenn es der Tod ist. Aber in meinem Kopf überlebt er. Ich denke sogar daran, ihn in einem späteren Buch zusammen mit seiner Tochter zurückkehren zu lassen. Natürlich wird sie dann längst erwachsen sein.

Am Erker: Die Musik des Zufalls könnte der Titel fast jedes Ihrer Bücher sein. Zufälle spielen in Ihren Romanen ja eine entscheidende Rolle. Die Kritik hat Sie dafür oft gerügt. Würden Sie sagen, dass unsere Existenz tatsächlich weitgehend von Zufällen bestimmt ist?

Auster: Absolut. Ungewöhnliche Dinge geschehen laufend. Ich würde sogar behaupten, dass ich ungeachtet der Kritiker, die meine Bücher nicht mögen, ein realistischer Autor bin. Wenn man nur genau hinschaut und sieht, was in der Welt so alles passiert, wird man zugeben müssen, dass die Wirklichkeitsauffassung, wie sie etwa der realistische Roman des 19. Jahrhunderts vertreten hat, einfach nicht haltbar ist. Es ist eine Konstruktion. Die Diskussion, was realistisch ist und was nicht, hat mich so geärgert, dass ich kürzlich ein etwa dreißig Seiten langes Manuskript abgeschlossen habe, in dem es ausschließlich um Zufälle geht. Der Test besteht aus zehn kurzen Episoden, die sich alle tatsächlich ereignet haben. Entweder habe ich selbst oder Freunde von mir diese Dinge erlebt. Und jede Geschichte ist außergewöhnlicher als alles, was ich bisher geschrieben habe. Lassen Sie mich ein Beispiel daraus erzählen.
Es geht um eine Frau, die ich vor einigen Jahren bei einem Freund kennen gelernt habe. Sie wurde während des Zweiten Weltkriegs in Prag geboren. Ihr Vater wurde von den Deutschen verhaftet, in die Armee gesteckt und an die russische Front geschickt. Danach hat die Familie nie wieder von ihm gehört. Die junge Frau wächst also in Prag auf und wird Professorin für Kunstgeschichte. Eines Tages kommt ein Austauschstudent aus Ostdeutschland in ihre Klasse. Die beiden verlieben sich und heiraten. Kurz nach der Hochzeit erhält der Mann ein Telegramm mit der Nachricht, dass sein Vater gestorben sei. Also fahren die beiden zur Beerdigung nach Ostdeutschland, wo der Frau ihre neue Verwandtschaft vorgestellt wird. Und dabei stellt sich dann heraus, dass ihr Schwiegervater aus Prag stammt, im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen in die Armee gesteckt und an die russische Front geschickt wurde. Nach dem Krieg war er nicht in die Tschechoslowakei zurückgekehrt, sondern hatte eine deutsche Frau geheiratet und eine neue Familie gegründet. Die Frau hatte folglich ihren eigenen Bruder geheiratet. Kaum zu glauben, aber genau so war es.

Am Erker: Ihre Bücher, insbesondere die noch nicht ins Deutsche übertragenen Essays, zeigen, dass Sie mit der europäischen Literatur eng vertraut sind. Ungaretti, Jabès und Hugo Ball sind nicht unbedingt Namen, die zum kulturellen Allgemeingut eines amerikanischen Autors gehören. Würden Sie sagen, dass sich Ihr literarischer Horizont von dem anderer amerikanischer Autoren unterscheidet?

Auster: Also, zunächst einmal muss ich sagen, dass ich bei weitem nicht so belesen bin, wie Sie vielleicht denken mögen. Da gibt es vieles, das ich nicht kenne oder noch nicht versucht habe. Balzac zum Beispiel. Ich habe noch nie ein Buch von ihm gelesen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Außerdem denke ich, dass die amerikanischen Autoren heute sehr viel über die europäische, die lateinamerikanische und die asiatische Literatur wissen. Alle Schriftsteller auf der Welt lesen heutzutage einander. Die Zahl der Übersetzungen steigt ständig an, und für die Literatur gibt es keine kulturellen Barrieren mehr. Eigentlich ist es immer schon so gewesen. Denken Sie nur an die Geschichte der europäischen Lyrik, zum Beispiel der englischen. Dort stehen am Anfang Sonette, die italienischen Vorbildern nachempfunden waren. Thomas Wyatt, ein Autor, der etwa ein halbes Jahrhundert vor Shakespeare lebte, schrieb damals wunderbare Gedichte. Einige davon waren allerdings direkte Übertragungen von Petrarca-Gedichten. Auch Spencer hat vieles von französischen Autoren übernommen.

Am Erker: Gibt es Autoren, die für Sie so etwas wie Vorbilder waren?

Auster: Am ehesten kommen mir da Hawthorne und Melville in den Sinn. Diesen beiden fühle ich mich psychologisch am meisten verbunden. Dostojewski bewundere ich sehr, aber nicht alles von ihm. Einige seiner Bücher gehören zu den größten, die ich je gelesen habe. Aber seine Ideen liegen mir eher fern. Mein Lieblingsbuch allerdings ist Don Quixote. Obwohl ich von Cervantes wenig weiß, nie eine Biographie oder Ähnliches über ihn gelesen habe.

Am Erker: Ihre Romane, vor allem die New-York-Trilogie, sind von der Kritik einhellig dafür gelobt worden, dass sie spannende Unterhaltung mit erzähltechnischer Raffinesse und Versiertheit verbinden. Steckt ein erzähltheoretisches Konzept dahinter?

Auster: Nein, überhaupt nicht. Bei allen meinen Büchern war die Form ein Resultat dessen, was ich zu sagen hatte. Es gab also kein stilistisches Modell oder so etwas. Der Inhalt bestimmt die Form, nicht umgekehrt. Anders als beim Sonett, wo strenge formale Regeln gelten. Einen Roman zu schreiben ist in gewisser Weise schwieriger, denn ich muss selbst jeweils eine neue Form finden.

Am Erker: Das heißt, Sie schreiben Ihre Romane ohne festen Entwurf? Sie entstehen sozusagen beim Schreiben?

Auster: So ausschließlich würde ich das nicht sehen. Es ist eine Mischung aus beidem. Bevor ich mich hinsetze und mit dem Schreiben beginne, trage ich die Geschichte schon eine lange Zeit mit mir herum. Ich weiß vieles über die einzelnen Charaktere, das Handlungsgerüst und wo ich hin will. Beim Schreiben ändert sich dann so manches. Einzelne Ideen werden verworfen, und es kommen viele neue Dinge hinzu. Insofern sind beide Momente enthalten.

Am Erker: Manche Kritiker halten Ihnen vor, dass Sie zu stark mit Klischees und Stereotypen arbeiten. In Schlagschatten beispielsweise, dem zweiten Teil der New-York-Trilogie, haben Sie den Figuren die Namen von Farben gegeben. Wollten Sie damit zeigen, dass die Charaktere auf ihre reine Erzählfunktion reduziert und im Prinzip austauschbar sind?

Auster: Aber nein, ganz im Gegenteil. Lassen Sie mich das erklären. Zunächst einmal gibt es solche Namen tatsächlich. Vor Jahren las ich in der Zeitung eine Statistik über die American Football League. Die erfolgreichsten Stürmer hießen damals Black, White, Green, Blue und Grey. Ich denke, daher stammte die Idee. Am Anfang hatte ich nur diese Namen. Dann war da der Gedanke, so etwas wie eine Fabel zu schreiben, ein Märchen. Indem ich die Charaktere nach Farben benannte, konnte ich der Geschichte die nötige Distanz geben. Zugleich interessierte mich an dieser Idee die Tatsache, dass Farben sich nicht mit Worten erklären lassen. Sie können einem Blinden nicht erklären, was eine Farbe ist. Es geht einfach nicht. Sie können die physikalischen Eigenschaften beschreiben, können über Lichtwellen reden, aber all das sagt ihm nichts. Eine Farbe muss man sehen und erleben, um sie zu begreifen. Genauso wie man eine Person erleben muss, um zu wissen, wie sie ist. Ganz egal, was einem die anderen erzählen. Das alles bedeutet nichts, solange man den anderen nicht selbst kennen gelernt hat. Dadurch, dass ich den Personen die Namen von Farben gab, konnte ich sie völlig abstrakt, zugleich aber auch sehr konkret erscheinen lassen. Und ich denke, das sind sie auch.

Am Erker: In dem Buch geht es ja in erster Linie um das Problem der Identität.

Auster: Unter anderem. Als ein Freund das Buch damals gelesen hatte, kam er zu mir und sagte, ich hätte ein Buch über die Metaphysik des Lesens geschrieben. Es beschreibt, was passiert, wenn wir ein Buch lesen. Wir werden in etwas hineingezogen. Ich glaube, da ist etwas dran. Schlagschatten handelt vom Lesen eines Buches, in dem es um das Lesen eines Buches geht, oder auch darum, eins zu schreiben.

Am Erker: In Ihren Essays setzen Sie sich durchweg mit Autoren auseinander, deren Denken eine große Nähe zu Ihren eigenen Büchern aufweist.

Auster: Ja, ich denke, das hat seinen besonderen Grund. Ich habe bereits an meinen ersten Romanen geschrieben, bevor ich auch nur eine Zeile zu Papier gebracht hatte. Unbewusst sozusagen. Und deshalb haben mich eine Reihe von Autoren angezogen, die so ähnlich dachten wie ich. Dadurch war mir die Möglichkeit gegeben, in meinen Essays einige Gedanken über das auszudrücken, was ich irgendwann später einmal selbst schreiben wollte.

Am Erker: Einige Ihrer Romane lesen sich wie literarische road movies, insbesondere Die Musik des Zufalls. Hat Ihnen jemand schon einmal den Vorschlag gemacht, eines Ihrer Bücher in ein Filmdrehbuch umzuschreiben?

Auster: Also, Die Musik des Zufalls wird gerade verfilmt. Ich selbst habe damit nichts zu tun, das Drehbuch schrieb jemand anderes. Ich betrachte die Sache mit gemischten Gefühlen. Wer weiß, was am Ende dabei herauskommt. Für das Drehbuch musste die Romanvorlage erheblich gekürzt werden. Also hat man den ganzen ersten Teil des Buches gestrichen. Der Film beginnt damit, dass Nashe und Pozzi sich auf der Straße begegnen. Das ganze erste Kapitel fehlt, wie Nashe den Boden unter den Füßen verliert und ziellos herumirrt. Später wird zwar kurz darauf eingegangen, aber man erfährt nichts Genaues. Der Film wäre sonst wohl vier Stunden lang geworden.

Am Erker: Gibt es weitere Projekte?

Auster: Ja, natürlich. Die Musik des Zufalls ist ja kein neues Buch, ich habe es bereits 1989 beendet. Mein neuer Roman ist inzwischen fertig und erscheint in diesen Tagen in Amerika. Der Titel lautet Leviathan. Es ist das politischste Buch, das ich bislang geschrieben habe. Neben diesem Roman habe ich noch ein Drehbuch geschrieben. Es basiert auf einer Kurzgeschichte, Auggie Wren´s Christmas Story, die ich vor anderthalb Jahren für die New York Times geschrieben habe. Sie haben mich gefragt, ob ich für sie nicht eine Weihnachtsgeschichte schreiben könne, und ich sagte zu, obwohl ich so etwas noch nie gemacht hatte. Jedenfalls war diese Geschichte der Anfang des Films. Es ist meine erste Komödie, nichts Ernstes, und die Sache hat mir großen Spaß gemacht. Es kommt auch ein Schriftsteller darin vor, der im Film an dem Roman Schlagschatten arbeitet. Einzelne Passagen aus dem Buch werden als Schwarzweißfilm zwischendurch eingeblendet, als Film im Film sozusagen. Das Drehbuch basiert also auf zwei verschiedenen Vorlagen, aber siebzig Prozent des Materials wurden eigens für den Film geschrieben.

Am Erker: Und was ist mit den zehn wahren Geschichten, von denen Sie gesprochen haben? Werden wir demnächst auch Kurzgeschichten von Paul Auster zu lesen bekommen?

Auster: Mal sehen. Ich habe damit einfach noch zu wenig Erfahrung. Dabei würde ich gerne Kurzgeschichten schreiben. Das Genre interessiert mich. Es ist nur so, dass ich mit Kurzgeschichten bisher nicht zurechtgekommen bin.

 

Paul Auster: Die Musik des Zufalls. Roman. Reinbek: Rowohlt 1992

 
 
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Neu beginnen - Texte von Thomas Lang, Doris Weininger, Andreas Martin Widmann, Ruth Johanna Benrath, Andrea Schaumlöffel u.a., Essays von Gabriele Jofer über das Reich des Naturfilms und von Gerald Funk über Hans Erich Nossacks Büchner-Drama, dazu Rezensionen zu Büchern und Zeitschriften